Editorial, Kommentar, Top-Story: 06.03.2013

Wir sind Oscar!

Jetzt, wo die Ära des »Wir sind Papst« zu Ende ist, klafft natürlich eine — zuvor allerdings völlig unbekannte — Lücke im kollektiven Bewusstsein der Deutschen, die nun dringend gefüllt werden muss.

Ein Fußballweltmeistertitel wäre ein adäquates Seelenpflaster, ist aber derzeit noch nicht in Sicht. Also müssen Übergangslösungen her. Da boten sich nach dem Papstrücktritt natürlich zunächst mal die Oscars an: Christoph Waltz hat einen deutschen Vater und sein Hauptwohnsitz ist Berlin — das ist doch schon mal was. Aber Waltz sieht sich selbst eindeutig als Österreicher. Hmh.

Dann wurde noch »Amour« oder »Liebe« von Michael Haneke ausgezeichnet. Haneke ist ebenfalls Österreicher, aber in München geboren und Sohn eines deutschen Vaters. Es gibt also auch hier zumindest eine Verbindung nach Deutschland und — zum Glück — hat der BR diesen Film koproduziert. Und da der BR ja aus Gebühren finanziert wird, können letztlich die deutschen Gebührenzahler einen Oscar-Erfolg für sich verbuchen. Super: Wir sind Oscar!

Na klar: Alles ist mit allem verbunden. Aber vor allem scheinen bei einigen die Augen verbunden zu sein, sodass der Blick auf die Realität zumindest erschwert ist. Denn die deutschen Gebührenzahler haben natürlich ebensowenig einen Oscar bekommen, wie die Hersteller von Schnitt-Software, Kameras oder anderem Equipment, die gleich nach der Oscar-Zeremonie verkündeten, welche Filme jeweils mit ihren Produkten bearbeitet wurden. Der Glaube, so vom Glanz der Oscars profitieren zu können, er ist nicht tot zu kriegen. Fehlt nur noch: »Unsere Akkuschrauber wurden beim oscar-prämierten Film »Life of Pi« verwendet.«

Und natürlich gratulieren wir alle auf unseren Facebook-Seiten den Oscar-Gewinnern ganz herzlich — besonders diejenigen von uns, die keinen einzigen der Preisträger persönlich kennen oder auch nur mal in deren Nähe waren.

Es ist die dem Menschen einprogrammierte Sehnsucht nach Anerkennung, Aufmerksamkeit und Beachtung, die in unserem Zeitalter diese seltsamen Blüten treibt, wo es doch so viele andere, weit fruchtbarere Felder dafür gäbe …

Ist Besserung in Sicht? Manche sehen im »Shareconomy«-Motto der Cebit einen Ansatz dafür. Ob aber die Wirtschaft der richtige Ort für brüderliches Teilen ist, das bleibt abzuwarten. Schließlich — um den Kreis zum Papst zu schließen — tun sich damit ja sogar die meisten Religionen in der Praxis ziemlich schwer.

Sie werden sehen.

P.S.: Das Rangeln um Stars und künstlerische Lorbeeren zwischen Deutschland und Österreich hat eine lange Geschichte, aber wenn man genauer hinschaut, ist es doch ziemlich albern: Beethoven etwa hatte flämische Vorfahren, ist in Bonn geboren und in Wien gestorben. Er gilt als deutscher Komponist, hat aber aus Sicht der meisten Klassikexperten die Wiener Klassik zu ihrer höchsten Entwicklung gebracht. Und viele finden, dass seine Klavierwerke derzeit am besten vom im heutigen Tschechien geborenen Österreicher Rudolf Buchbinder und vom in München lebenden Australier Michael Leslie interpretiert werden. Vielleicht schaffen wir es ja auf beiden Seiten der Zugspitze irgendwann mal, wenigstens in der Kunst auf Nationalismen und Lokalpatriotismus zu verzichten …

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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