Editorial, Kommentar, Top-Story: 09.05.2013

Fernsehwelt im Umbruch?

Die in der Überschrift formulierte Frage, sie hat schon längst bloß noch rhetorischen Charakter, denn liegt es nicht in der Natur der Sache, dass ein flüchtiges Medium wie das Fernsehen sich permanent wandelt?

 

Inhalt, Technik, Rezeption: Alles am Fernsehen hat sich seit den ersten Tagen des Fernsehzeitalters verändert — außer dass es Programm und Zuschauer braucht. Und wieso sollte dieser Prozess des dauerhaften Wandels nun plötzlich zum Stehen kommen? Ganz im Gegenteil: Es ist ganz normal, dass sich der Broadcast-Bereich ständig verändert und das Ganze wird wohl eher schneller als langsamer werden.

Google-Chef Eric Schmidt wird dieser Tage mit der Aussage zitiert, die Google-Tochter Youtube habe den Kampf um den TV-Markt längst gewonnen. Robert Kynci, bei Youtube für die weltweiten Inhalte verantwortlich, assistiert mit einem weiteren Aspekt: »Fernsehen bedeutet Reichweite, Youtube hingegen Engagement.« Beide Aussagen stammen von einer Präsentation, die Google für Werbeagenturen und Marketingmanager großer Unternehmen veranstaltete, um diese zu mehr Werbeausgaben auf den diversen Google-Plattformen zu motivieren.

Ist das Fernsehen also schon tot und die Broadcast-Branche selbst hat es nur noch nicht bemerkt?
Wenn man das Ganze mal von der Produktionsseite her betrachtet, dann jedenfalls kommt einem der TV-Bereich sehr lebendig vor: Nachrichten etwa oder die Live-Berichterstattung von großen Sport-Events setzen Ausrufezeichen, die der TV-Bereich den Aussagen von Google entgegensetzt. Gestochen scharfe Zeitlupensequenzen im Unterschied zu unscharfen, verwackelten Handy-Aufnahmen beim Sport und unabhängige News-Reporter, die vor Ort nachfragen und recherchieren, statt nur die Empörungsberichte Betroffener weiterzugeben: Es gibt schon Unterschiede und Aspekte, bei denen das Fernsehen die Nase vorn hat. Was aber Fernsehen ist, das ist ohnehin Definitionssache — und dass sich neue Bereiche eröffnen, ist keine Frage.

Der Kampf zwischen klassischem Fernsehen auf der einen und neuen Kanälen wie Google auf der anderen Seite ist noch nicht entschieden. Zudem stellt sich die grundlegende Frage: Ist es wichtig, mit welcher Technik und über welche Signalwege die Zuschauer Inhalte konsumieren? Am stärksten wohl für die, die mit diesen Signalwegen ihr Geld verdienen — eher weniger für die, die Inhalte aufbereiten und anbieten, für die es ein Publikum gibt. film-tv-video.de betreibt selbst einen Youtube-Channel, aber haben wir deshalb unseren TV-Kanal dicht gemacht, den wir nie hatten?

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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