Festival, Film, Veranstaltung: 12.06.2018

Filmfest München 2018: Filme und Inhalte

Das Filmfest München 2018 geht mit 185 aktuellen Filmen aus 43 Ländern, 133 Deutschlandpremieren und 43 Weltpremieren an den Start. Ein Überblick.

Das Festival als Ort für Diskurse

Das Leben im Jahr 2018 spielt sich für viele Menschen im Netz ab. Auf kleinen Bildschirmen werden die substanziellen Fragen verhandelt. Auf dem 36. Filmfest München 2018 werden diese Themen auf die große Leinwand gebracht. Als Seismograph für gesellschaftlich relevante und politische Themen will das Filmfest neue Akzente setzen und etwa Streaming-Plattformen thematisieren, die unter anderem dafür sorgten, dass eine kollektives Filmerlebnis verloren zu gehen scheine.

Jury

In den Filmfest-Jurys sitzen in diesem Jahr sieben Frauen und acht Männer. Eine fast ausgeglichene Verteilung in einer Branche, die auch im Jahr 2018 noch von Männern dominiert wird. Insgesamt zeigt das Filmfest München 220 Filme. Darunter 185 aktuelle Filme aus 43 Ländern, 133 Deutschlandpremieren und 43 Weltpremieren.

Zwei CineMerit Awards, zwei Hommagen und eine Retrospektive
Filmfest München 2018
In vielen Aspekten ein fast schon prophetischer Film: »Brazil« – entstanden im Jahr 1985.

Neben der britischen Schauspielerin, Drehbuchautorin und zweifachen Oscar-Preisträgerin Emma Thompson wird auch der Filmemacher Terry Gilliam mit einem CineMerit Award ausgezeichnet. Als Mitbegründer der Komiker-Truppe Monty Python ist Gilliam bekannt für seinen anarchischen Humor. Das Filmfest zeigt seinen neuen Film »The Man Who Killed Don Quixote«, den Abschlussfilm aus Cannes, und widmet dem Regisseur auch eine Hommage, in der »Die Ritter der Kokosnuss« (1975), »Brazil« (1985) und »Der König der Fischer« (1991) gezeigt werden.

Mit einer zweiten Hommage ehrt das Filmfest München Philip Gröning. Neben seinem neuen Film »Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot« wird auch sein filmisches Frühwerk zu sehen sein. In einer Retrospektive präsentiert das Filmfest eine Werkschau von Lucrecia Martel. Die argentinische Filmemacherin wird in München neben ihrem neuen Film »Zama«, zu sehen in der Reihe CineMasters, auch weitere ihrer bahnbrechenden Filme persönlich vorstellen, wie etwa ihren Debütfilm »Der Morast« (2000), der zum Gründungsklassiker des Neuen Argentinischen Kinos wurde. Darüber hinaus wird sie in einem Filmmakers Live Gespräch sowie in einer Masterclass an der HFF München dem Publikum für Fragen zur Verfügung stehen.

Einer weiteren Legende, die im Juli 100 Jahre alt geworden wäre, widmet das Filmfest besondere Aufmerksamkeit. Gleich drei Filme beschäftigen sich mit dem schwedischen Regisseur Ingmar Bergman: »Aus dem Leben der Marionetten« von Ingmar Bergman selbst sowie »Auf der Suche nach Ingmar Bergman« und »Bergman – A Year in a Life«.

Der weibliche Blick
Filmfest München 2018
In einer Retrospektive präsentiert das Filmfest eine Werkschau von Lucrecia Martel – hier ein Bild aus dem neuen Film »Zama«.

Neben diesen beiden Filmemacherinnen sind weitere wichtige Regisseurinnen in den verschiedenen Sektionen des Filmfest München 2018 vertreten, unter anderem auch in der CineMasters-Wettbewerbsreihe: die US-Amerikanerin Jennifer Fox mit ihrem komplexen Drama »The Tale«, die Italienerin Alice Rohrwacher mit ihrem Film »Glücklich wie Lazzaro«, der in Cannes den Großen Preis der Jury gewann und Lucrecia Martel mit »Zama«. Aber auch in den anderen Reihen, allen voran in den International Independents und im Neuen Deutschen Kino verhandeln besonders auch junge Regisseurinnen ihre Themen, unter anderem Crystal Moselle in »Skate Kitchen«, Anahí Berneri in »Alanis« oder Eva Trobisch in »Alles ist gut«.

Big Brother oder Little Neighbor: Leben im Zeitalter der allgegenwärtigen Überwachung

In vielen Filmen geht es um das Thema Überwachung und welche Konsequenzen sie auf Mensch und Gesellschaft hat. Ständige Überwachung ist eine globale Tatsache, die wohl oder übel praktisch jede und jeden betrifft, ob zentralisiert von staatlichen Sicherheitsbehörden oder durch soziale Kontrolle im eigenen Dorf. Auf den Punkt gebracht, wer ist der größere Feind: Big Brother oder Little Neighbor – oder das selbstinszenierte Ich?

Filmfest München 2018
Schwarze Komödie: »Wobble Palace«.

Die Vielzahl möglicher Überwachungspraktiken inspiriert die Filmemacher dabei zu unterschiedlichsten filmischen Darstellungsformen und Tonalitäten: So spielt sich Aneesh Chagantys Entführungssthriller »Searching« beispielsweise komplett auf Computerbildschirmen ab und lässt zugleich in menschliche Abgründe blicken, während der chinesische Found-Footage-Film »Dragonfly Eyes« von Bing Xu ausschließlich mit Bildmaterial von Überwachungskameras arbeitet. Indes wirft die schwarze Komödie »Wobble Palace« von Eugene Kotlyarenko einen eher satirischen Blick auf die Welt des Online Dating. Auch im deutschen Beitrag »Safari – Match Me If You Can« von Rudi Gaul geht es ums digitale Dating. »Birds without Feathers« von Wendy McColm zeigt hingegen wie Isolation und Entfremdung durch Social Media noch intensiviert werden. Die Gefahren der Anonymität im Netz werden auch Linus de Paolis Thriller »A Young Man with High Potential«thematisiert. »Eye on Juliet« von Kim Nguyen illustriert die Absurdität von entmenschlichter Überwachung und verweist zugleich hoffnungsvoll auf menschliche Empathie. Der Abschlussfilm des Filmfests, »Anon«, greift das Thema Überwachung schließlich ebenfalls auf und untersucht das Leben in einer zunehmend virtuellen Welt. Regisseur Andrew Niccol wird bei der Deutschlandpremiere in München zu Gast sein.

Social Horror: Erzählungen aus einer dysfunktionalen Gesellschaft

Der Übergang von Überwachung zum ausgemachten Social Horror ist oftmals fließend. Das zeigen nicht zuletzt die Vertreter einer starken skandinavischen Genre-Fraktion beim Filmfest München 2018, die mit drei Beiträgen im Wettbewerb CineVision antreten: »Border”»Lake Over Fire« und »The Guilty«

Music makes the people come together!
Filmfest München 2018
»It Must Schwing«: Blue Note Records entdeckte und produzierte eine beeindruckende Liga von Weltstars der Jazz-Musik.

Ein weiteres Schwerpunktthema ist dagegen etwas beschwingter: Es ist die Musik, die sich wie ein Leitmotiv quer durch alle Gattungen und Genres zieht. So handeln manche Filme von Musikern, wie etwa Jesse Peretz‘ »Juliet, Naked«, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nick Hornby. Zum anderen tummeln sich daneben Indie-Perlen wie etwa »The Song of Sway Lake« von Ari Gold, worin eine wertvolle Schallplatte als Erbstück für Zwist sorgt. Zwei Dokumentationen, »It Must Schwing – The Blue Note Story« von Eric Fiedler und Peter Azens »Black Wave«, beschäftigen sich mit großen und etwas kleineren Institutionen der Musikgeschichte, namentlich dem renommierten Jazz-Label Blue Note respektive der schwindenden Münchner Punk-Szene. Auch beim Filmfest-Jugendevent »Das schönste Mädchen der Welt« spielt Musik die erste Geige beziehungsweise den ersten Beat. Hinzukommen zahlreiche Musicals: vom Micro-Budget Hiphop-Film »My Name Is Myeisha« über die italienische Gangster-Geschichte »Ammore e malavita« von den Manetti Brothers bis hin zum Eröffnungsfilm »Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm«.

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