Audio, Postproduction, Test, Top-Story: 26.06.2008

Audio-Sequencer: ProTools LE von Digidesign

Digidesign bietet mit dem Bundle aus der Software ProTools LE und der Hardware MBox 2 ein interessantes, preisgünstiges Paket für die Audiobearbeitung an.

Im unteren Preissegment bietet Digidesign zwei Programme für die Tonbearbeitung an: ProTools LE und ProTools M-Powered. ProTools LE wird in verschiedenen Varianten angeboten und kann mit diversen Hardware- und Plug-In-Optionen erweitert werden, es gehört immer eine I/O-Hardware zu dieser Software. ProTools M-Powered hingegen wird als Software-only-Produkt angeboten, kann aber mit separat erhältlicher Hardware von M-Audio verknüpft werden.

Beide Digidesign-Softwares bieten einen ähnlichen Software-Umfang, der aber in Details durchaus voneinander abweicht. ProTools ist in der Nachvertonung sehr gut etabliert – nicht zuletzt deshalb, weil der Hersteller Digidesign ebenso zu Avid gehört wie M-Audio.

Die Video-Optionen der LE- und der M-Powered-Version von ProTools sind in der Grundversion vergleichsweise mager. ProTools LE kann aber mit einem DV-Toolkit ergänzt werden, wodurch die Videofunktionalität dann auf das Niveau des deutlich teureren Digidesign-Produkts ProTools HD ansteigt. So aufgebohrt, kostet diese Audiolösung aber 1.200 Euro — und liegt über dem Limit dieses Vergleichstests (weitere Preise in der Tabelle). Deshalb trat zum Test ProTools LE in Kombination mit der MBox 2 an.

MBox 2 ist ein kleines USB-Interface, das zwei XLR-Eingänge mit Phantomspeisung und zwei Ausgänge für das Monitoring bietet. Die Box fungiert gleichzeitig als Dongle und muss für den Betrieb von ProTools LE immer angeschlossen sein. Einer der Vorteile der Box besteht darin, dass man für einen vergleichsweise geringen Preis gleich eine Audiokarte für das Recording und ein Interface für das Anschließen von Abhörlautsprechern erhält. Das Bundle aus der Software ProTools LE und der Hardware MBox 2 eignet sich insgesamt gut für Audio-for-Video-Aufgaben.

Die Installation der Software ist allerdings etwas mühselig, da neben dem Programm viele Plug-Ins separat installiert werden müssen. Das gilt vor allem, wenn man das Factory Bundle gekauft hat, denn dieses enthält einige sehr gute Mastering-Plug-Ins enthalten, deren Installation sinnvoll ist, bei denen man aber auch noch per Internet einen Dongle freigeschalten muss.

Die Oberfläche von ProTools LE ist nüchtern und übersichtlich. Es ist möglich, die Fenster nach eigenen Wünschen zu konfigurieren. Die mitgelieferte Einführungs-DVD erleichtert den Einstieg in die Software und erklärt die wichtigsten Funktionen. Beim Vergleich zwischen Mac- und PC-Version fiel im Test auf, dass ProTools auf dem Mac trotz neuerer Hardware immer etwas träger reagierte, als auf dem PC. Ob das an MacOS 10.4.11 des Testrechners glag? Offiziell unterstützt ProTools nämlich derzeit lediglich MacOS 10.4.9, bis auf den beschriebenen Effekt, der im Direktvergleich auffiel, gab es aber keine Probleme.

Neben Quicktime– können auch AVI– und MPEG-Dateien importiert werden. Dabei werden die Audiospuren in das Projekt importiert und das Video wird in einem Videofenster dargestellt. Bei der Wiedergabe kann der Film im Videofenster ohne die Audiodateien »durchfahren« werden. Der Austausch mit Schnittprogrammen über OMF oder AAF steht nur über den schon erwähnten separat erhältlichen DV-Toolkit 2 oder den Digitranslator (rund 580 Euro) zur Verfügung, war also in der Testkonfiguration nicht möglich.

Die Königsdisziplin von ProTools ist das Recording – und das beherrscht das Programm auch am besten. Bei der Aufnahme stehen verschiedene Modi zur Verfügung, besonders das Loop Recording ist praktisch. Dabei können alternative Takes im Loop aufgenommen und übereinander gestapelt werden. So lassen sich, im Sinne eines Take-Managers, mehre Alternativen schneiden und zusammen mit dem Rest des Arrangements abhören. Jede Spur kann farblich markiert und mit Kommentaren versehen werden. Im Spot-Mode lassen sich Dateien an Timecode-Punkte anheften.

Die Audio- und Midi-Bearbeitung erfolgt komplett im Arrangierfenster. Ein separates Bearbeitungsfenster für Audio- oder Midi-Dateien, wie es fast alle anderen Programme des Testfeldes bieten (bis auf Tracktion), gibt es bei ProTools nicht. Will man im Arrangierfenster Audio- oder Midi-Dateien bearbeiten, muss immer eine Spur entsprechend vergrößert werden. Für das Erstellen und Bearbeiten von Audiosequenzen und Loops stehen alle wichtigen Funktionen wie Loop-Slicing, Loop-Quantisierung und ein Media Manager zur Verfügung. Einen Loop-Browser , der die Loops übersichtlich und geordnet darstellen könnte, gibt es allerdings nicht.

Um Time-Stretching zu realisieren, gibt es ein Werkzeug für die direkte Bearbeitung in der Timeline. Generell sind die einzelnen Tools übersichtlich strukturiert. Das Blendenwerkzeug etwa bietet vorgefertigte Kurven und erlaubt auch manuelle Verläufe, der Mixer ist übersichtlich und einfach zu bedienen. Viele der über 50 Plug-Ins haben auch für die Videovertonung einen praktischen Nutzen. Für die grafische Analyse das Audiomaterials gibt es allerdings nur eine Pegelanzeige.

Die Effekte werden bei ProTools LE jeweils auf ganze Spuren angewendet und — je nach vorhandener Hardware — in Echtzeit wiedergegeben. Die Effekte sind in sinnvolle Kategorien unterteilt und bieten einige Presets. Eigene Effekte können in der Library gespeichert und geordnet werden. Für das Audio-Cleaning gibt es einen De-Noiser, einen Clipremover, einen De-Esser und einen DC Offset Remover.

Das Audio-Mastering unterstützt ein sehr guter grafischer 7-Band-EQ und mehrere Kompressoren. Viele Effekte liegen in mehreren Variationen vor, was auch an den zusätzlichen Plug-Ins verschiedener Hersteller liegt, die im »Ignition Pack 2« als Bundle zusammengefasst wurden. Viele Funktionen und Bestandteile, die man in der eigentlichen Software vermisst, sind hier zu finden. Celemony Melodyne Uno Essential etwa bietet eine Timing- und Tonhöhenkorrektur für Monodateien, ähnlich wie es Digital Performer von Motu oder Samplitude von Magix bieten. Die mitgelieferten 54 MB an Loops der M-Audio ProSession Serie sind zwar qualitativ hochwertig, bieten aber viel zu wenig Auswahl, um als Sound-Bibliothek gelten zu können.

Da die Midi-Funktionen von ProTools LE seit Version 7 maßgeblich verbessert wurden und es den umfangreich bestückten Sample-Player sowie das Synthesizer-Plug-In Xpand gibt, ist das Programm auch für das Komponieren mit Midi gerüstet. Dabei bieten vier weitere Software-Instrumente die Klänge der 70er- und 80er-Jahre sowie einen analogen Synthesizer. Die Lautstärke-Automation eines Software-Instruments lässt sich jetzt direkt im jeweiligen Kanal durchführen, ohne vorher einen Aux-Kanal anlegen zu müssen. Notationen können ebenfalls bearbeitet und ausgegeben werden. Das Software-Instrument FXPansion BFD bietet drei Drumkits, die auf Samples beruhen und es können auch eigene Kits zusammengestellt werden.

Die ebenfalls im Lieferumfang enthaltenen Programme Ableton Live Lite 6 und Reason Adapted von Propellerhead können per Rewire in das Projekt eingebunden werden. Letzteres bietet eine große Menge an virtuellen Synthesizern und Drum-Modulen sowie einen Sampler und einen eigenen Loop-Browser. Im Grunde ist Reason Adapted ein eigener kleiner Sequencer, dessen Bedienung auch erst einmal erlernt werden muss.

Fazit

Digidesign bietet mit ProTools LE und MBox 2 ein gutes Paket aus Hard- und Software an, wenn man auch beim Sampling auf 48 kHz beschränkt bleibt. Die Bedienung ist übersichtlicher als in Logic von Apple oder Cubase von Steinberg, sie könnte noch besser sein, wenn es ein separates Bearbeitungsfenster für Audio- oder Midi-Dateien gäbe.

Durch die mitgelieferte Hardware stellt das Digidesign-Paket die preisgünstigste und auch beste Lösung im Test für das Aufnehmen von Sprecherkommentaren und den Dialogschnitt dar — wenn man auf Surround-Sound verzichten kann. Die zusätzlichen Programme wie Live Lite 6 oder Reason erweitern die musikalischen Fähigkeiten des Pakets zwar beträchtlich, aber wer all diese Programme nutzen will, muss sich in viele unterschedliche Konzepte einarbeiten. Trotz der verbesserten Midi-Funkionen, der neuen Software-Instrumente und des Samplers in ProTools selbst, ist das Programm in diesem Bereich noch nicht ganz so weit wie Cubase oder Logic.

Weitere Infos

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Am Ende jeder Seite des Sequencer-Specials steht eine Übersichtstabelle mit den Eckdaten aller sieben getesteten Sequenzer zum Download bereit.

Downloads zum Artikel:

T_0608_Audiosequencer.pdf

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Autor
Christoph Harrer
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