Broadcast, Top-Story: 08.06.2006

Tor in Berlin und Leipzig

Studio Berlin Adlershof gehört zu den sechs TV-Dienstleistern, die der Fifa-Partner Host Broadcast Services (HBS) für die TV-Produktion der Fußball-WM beauftragt hat. www.film-tv-video.de hat mit Werner Reese, dem Geschäftsleiter Technik von Studio Berlin Adlershof, über den neuen HD-Ü-Wagen und die Produktion der Fußball-WM gesprochen. (PDF-Download im druckfreundlichen Layout mit mehr Bildern und weiteren Infos am Ende des Online-Artikels.)

Wenn am 9. Juli wie erwartet rund 1,5 Milliarden Zuschauer aus aller Welt das WM-Endspiel in Berlin an ihren TV-Geräten verfolgen, wird im neuen HD-Ü-Wagen von Studio Berlin Hochbetrieb herrschen: Der TV-Dienstleister wird nämlich für HBS, den von der Fifa mit der Fernsehübertragung beauftragten Host Broadcaster der WM, sechs Spiele aus Berlin und fünf Spiele aus Leipzig übertragen —darunter auch das prestigeträchtige WM-Endspiel. Kann es während der Fußball-Weltmeisterschaft einen schöneren und spannenderen Auftrag für einen TV-Dienstleister geben?

Dass HBS sich entschied, die Fußball-WM in HD zu produzieren, sorgte zunächst durchaus für einige Aufregung, sah es doch zunächst so aus, als würde damit den deutschen TV-Dienstleistern das WM-Business im eigenen Land durch die Lappen gehen – denn zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinen HD-Ü-Wagen in Deutschland. Das hat sich dann aus verschiedenen Gründen zügig geändert und mit Studio Berlin Adlershof und Wige konnten zwei deutsche TV-Dienstleister den Anforderungskatalog des WM-Produzenten HBS erfüllen und erhielten neben fünf weiteren Dienstleistern aus Europa den Zuschlag für die Produktion der offiziellen, von der HBS-Mutter Infront vermarkteten Bilder von der WM erhielten.

Studio Berlin hatte Anfang 2005 den Bau eines HD-Ü-Wagens angekündigt. Werner Reese, Technischer Leiter bei Studio Berlin Adlershof, betont allerdings, dass es sich dabei ohnehin um eine Ersatzinvestition gehandelt und letztlich gar nicht die Fußball-WM den Ausschlag für diese HD-Entscheidung gegeben habe. HD sei schlichtweg das Format der Zukunft, und wer jetzt investiere, der müsse auf HD gehen – ob er wolle oder nicht, sagt Reese.

Nach einer umfangreichen Planungsphase wurde die Karosserie des neuen HD-Fahrzeugs von Marko Pfaff & Co. gebaut, einem Spezialfahrzeugbauer. Der baut auch viele Schaustellerfahrzeuge, von denen viele ebenso mit seitlichen Auszügen ausgestattet sind, wie moderne Ü-Wagen. Im Oktober 2005 gingen Chassis und Aufbau des neuen Ü6 dann zur Systems-Gruppe von Grass Valley nach Weiterstadt, wo die komplette Videotechnik installiert wurde.

Mit 16,5 m Länge und bis zu 4,5 m ausfahrbarer Breite hat der Ü6 räumlich in jedem Fall XXL-Format. Das Raumkonzept unterscheidet sich von anderen Ü-Wagen unter anderem dadurch, dass sich die Racks in den Auszügen befinden.

Mit bis zu 25 Kameras kann der Ü-Wagen operieren. Zum Vergleich: Bei »normalen« Fußballspielen sind in der Regel etwa sieben bis acht Kameras im Einsatz. Bei den Kameras und bei vielen anderen Teilen der technischen Ausrüstung hat sich Studio Berlin Adlershof für Grass-Valley-Produkte entschieden — unter anderem auch deshalb, weil man schon beim Bau des Ü4 und Ü5 gute Erfahrungen mit diesem Partner gemacht hatte. Standardmäßig kommen 17 Kameras des Typs LDK 6000MK II und 2 Super-Slomo-Kameras LDK6200 HD zum Einsatz. Weitere zentrale Elemente des Ü6 sind der Vier-Ebenen-Videomischer XtenDD HD mit 62 Eingängen sowie der Lawo MC² 66-Audiomischer. Die Kameras stattet Studio Berlin mit Fujinon-Objektiven aus — so wie fast alle Produktionsbereiche von Studio Hamburg mit Fujinon-Linsen arbeiten. Unter den beim HD-Ü-Wagen eingesetzten Objektiven finden sich die großen 101- und 87fach-Boxtype-Objektive ebenso wie das beliebte Weitwinkel-Objektiv HD13,4×4.5 BERD.

Werner Reese urteilt, dass der Ü6 aus seiner Sicht ein Maximum an Arbeitsraum für jede Art von Produktion biete und nicht zuletzt durch die ausziehbaren Seitenteile für die Mitarbeiter extrem komfortabel sei und auch effizientes Arbeiten ermögliche.

Der Ü6 produziert intern stets komplett in HD dabei sollen 1080i und 720P gleichwertig möglich sein, der einzige Unterschied besteht aus der Sicht von Werner Reese darin, dass man andere MAZen benötigt, wenn man in 720p produziert. Als übliche Ausrüstung dienen in diesem Bereich HDCAM-Recorder von Sony

Werner Reese erläutert, dass man sich nach intensiven Diskussionen schließlich für eine reinrassige HD-Lösung entschieden habe. Aus seiner Sicht ergeben sich beim SD/HD-Mischbetrieb immer Probleme bei der Synchronität von Bild und Ton, weil man, um es flapsig zu formulieren, durch das ständige Wandeln der Signale irgendwann nicht mehr durchblicke, was man denn nun gerade auf dem Kontrollmonitor sehe. Solche Probleme können laut Reese bei der Studio-Berlin-Lösung nicht auftreten: Hier wird im Wagen durchgehend in HD mit Embedded Audio produziert und erst am Ende der Produktionskette erfolgt bei Bedarf eine SD-Wandlung mittels Axon-Synapse-Equipment. Die hierfür von Videor Technical gelieferten Module umfassen die Bereiche HD-Konvertierung, Verteilverstärker, Frame Synchronizer, Farbkorrektur und einen bidirektionalen 4:3/16:9-Konverter. »Unsere Übertragungswagen benötigen äußerst flexible Schnittstellen, um sich sofort an die verschiedenen Sendeformate anpassen zu lassen. Axon-Synapse-Komponenten bieten den großen Vorteil, dass sie sich vielseitig zur Signalverarbeitung und Konvertierung einsetzen lassen«, sagt Werner Reese hierzu.

Die Kreuzschienen im Ü6 kommen von Grass Valley: ein Trinix-HD- und ein Trinix-SD-System werden von den Grass-Valley-Systemen Andromeda und Jupiter gesteuert.

Für Diskussionsstoff in der Planungsphase sorgte die Frage nach den Monitoren. »Das war mit eine der schwierigsten Entscheidungen«, erläutert Reese. Hier habe man sich letztlich an den zentralen, entscheidenden Stellen für klassische HD-Röhrenmonitore von Sony entschieden. Auf neue und vor allem platzsparende Technologien hat man dennoch nicht verzichtet: Studio Berlin Adlershof baute auch zahlreiche LCD- und Plasma-Schirme ein, die Videor Technical und Penta lieferten.

Wie schon bei den Ü-Wagen Ü4 (Baujahr 1999) und Ü5 (Baujahr 2002) von Studio Berlin Adlershof hat die Studio-Hamburg-Tochter MCI den Audiopart des neuen Ü-Wagens realisiert. MCI hat in den vergangenen elf Jahren nach eigenen Angaben 23 Ü-Wagen-Projekte für NDR, Studio Berlin Adlershof, TVN, RBB, MDR, WDR, sowie für Broadcaster in Ruanda und Jemen umgesetzt. Aktuell arbeitet MCI im TV-Bereich am Ü23 für das NDR -Fernsehen und an einem Hörfunk-Reportagewagen für den NDR Schwerin.

In der Grafik setzt Studio Berlin Adlershof beim Ü6 auf einen Chyron-Schriftgenerator des Typs HyperX (D-Vertrieb: Netorium). Der Schriftgenerator lässt sich zwischen SD- und HD-Betrieb hin- und herschalten und ist unter anderem mit der Grafik-Software Lyric 3D+ ausgerüstet. Während der Fußball-WM wird der TV-Dienstleister mit dem Schriftgenerator in Echtzeit Grafiken liefern, darunter auch zahlreiche Charts mit Spielergebnissen, statistischen Auswertungen und Spielerbewertungen.

Im Slomo-Bereich setzt Studio Berlin Adlershof wie die überwiegende Mehrzahl der TV-Dienstleister auf EVS-Equipment. Vier sechskanalige EVS-Server des Typs XT2 HD verrichten im Ü6 ihren Dienst, und wenn das in der Zukunft zu knapp werden sollte, fände auch noch ein fünftes EVS-System Platz, so Werner Reese. Gesteuert werden die Server und die MAZen im HD-Ü-Wagen von Studio Berlin Adlershof von einem Lift-Editing-System.

Was macht denn nun den großen Unterschied im Vergleich zum Bau eines SD-Ü-Wagens aus? »Im Prinzip betreten Sie beim Bau eines HD-Ü-Wagens völliges Neuland«, urteilt Werner Reese und erklärt, dass ein Unternehmen wie Studio Berlin Adlershof zwar sehr viel Erfahrung beim Bau von Ü-Wagen habe, aber bei HD eben doch vieles anders laufe und funktioniere als bei SD. Und daher müsse man eben letztlich an jeder Stelle mit ganz anderen und neuen Herausforderungen rechnen. Schlußendlich aber konnte Studio Berlin Adlershof alle Probleme bewältigen: Anfang März ging der neue HD-Ü-Wagen in Betrieb und ist mittlerweile schon für die Fußball-WM-Produktion warmgelaufen.

Nach der WM

HD kommt, das ist für Studio Berlin Adlershof gar keine Frage, und Werner Reese meint, dass dies schneller geschehen werde als vielfach prognostiziert wird. Rund 10 Millionen Euro habe man in den neuen Wagen investiert, und diese Investition sieht man bei Studio Berlin Adlershof als gut angelegt. Natürlich sei die Investition immer noch teurer als die in einen SD-Wagen, aber schließlich habe der Ü-Wagen auch eine längere Einsatzzeit vor sich. In den kommenden zwei Jahren dürfte sich nach Einschätzung der Entscheider bei Studio Berlin Adlershof in Sachen HD etliches tun. Auf spezielle Einsatzbereiche möchte man sich bei Studio Berlin aber nicht festlegen: Der Ü6 biete für Sporteinsätze genauso viele Vorteile wie für Unterhaltungs-Shows oder für Konzertmitschnitte. Und diese Flexibilität will man sich erhalten — schließlich habe man den Ü-Wagen nicht für die WM, sondern für die Zukunft gebaut.

Dass der Ü-Wagen-Bereich sehr wettbewerbsintensiv ist, das ist kein Geheimnis. Werner Reese sieht für die Zukunft eine ähnliche Entwicklung voraus, wie es sie schon beim Schritt von FBAS– zu FBAS-Ü-Wagen gab: Die Preise haben sich in etwa angeglichen, aber irgendwann wollte einfach kein Kunde mehr einen FBAS-Ü-Wagen haben.

Downloads zum Artikel:

T_WM2006_StudioBerlin.pdf

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Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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