Kamera, Test, Top-Story: 08.08.2014

JVC-Camcorder GY-HM850: Hans Dampf in allen Gassen

Der GY-HM850 führt konsequent fort, was JVC seit einigen Jahren im Profi-Bereich erfolgreich anbietet: Der 850er ist ein kompakter, niedriger Schultercamcorder mit drei Bildwandlern. Gleichzeitig zeigt er, dass man dieses bewährte ENG-Konzept immer noch weiter optimieren kann.

Der GY-HM850 ist ein brandneues Camcorder-Modell von JVC. Dennoch wirkt das Gerät vertraut: Die generelle Bauform und darüber hinaus auch sehr viele Details des Geräts, erinnern an den erstmals im Jahr 2009 vorgestellten GY-HM700 (Test) und dessen Nachfolger der 700er-Serie.

Das ist natürlich Absicht und macht es nicht nur den bestehenden JVC-Kunden leicht, auf das neue Modell umzusteigen. Wieso sollte man auch ein bewährtes, von den Kunden akzeptiertes Design ändern, wenn es sich in der Zielgruppe bewährt hat?

Im Inneren des Geräts hat sich aber natürlich gegenüber seinem Urvater vieles verändert. Ein Beispiel dafür ist die Bestückung mit dem Falconbrid-Bildprozessor, der viele neue Funktionen des HM850 überhaupt erst ermöglicht. Das ist etwa die neue obere Qualitätsgrenze: Der HM850 schafft 1080p50 mit 50 Mbps. Leider hat JVC aber darauf verzichtet, dem Gerät auch gleich noch 4:2:2-Farbsampling zu spendieren: Es bleibt auch beim HM850 bei 4:2:0. Das ist schade, zumal viele Sender 4:2:2-Material fordern und der Camcorder in diesem Bereich sicher öfter eine Option sein könnte.

V-Mount-Akku, vollwertiger Schultercamcorder

Wie seine Vorgänger, ist der 850er mit einem V-Mount-Akkuanschluss ausgerüstet. Dadurch kann man vernünftige, im Profibereich weit verbreitete Akkus nutzen und kommt auch ohne den Einsatz von Extendern oder Adaptern oder irgendwelche anderen Klimmzüge, auf Laufzeiten von ungefähr drei bis sieben Stunden im Aufnahmebetrieb — je nach verwendetem Akku. Das funktioniert auch deshalb, weil JVC den Stromhunger des Camcorders einigermaßen begrenzt hat: 21 W Leistungsaufnahme im Aufnahmemodus, wenn nur der Sucher verwendet wird.

Mit montiertem Akku sitzt der 850er gut balanciert auf der Schulter — er ist eben als echter Schultercamcorder konzipiert und muss nicht erst mühevoll mit Zubehör dazu gemacht werden. Die Länge des Camcorders entspricht ungefähr dem, was bei Schultercamcordern üblich ist, aber der HM850 ist wesentlich niedriger und leichter als etwa klassische Schultercamcorder von Sony oder Panasonic. Das Gewicht liegt im aufnahmebereiten Zustand unter 5 kg, wenn man nicht gerade einen Monsterakku anflanscht.

Sensoren, Codecs

Einiges am neuen Schultercamcorder GY-HM850 erinnert auch an den JVC-Handheld GY-HM600 (Test). Das betrifft etwa das Design und die Logik der Menüführung, aber auch die Sensor-Bestückung: Der 850er nutzt drei 1/3-Zoll-CMOS-Bildwandler für die Bilderzeugung. Diese Sensoren sind mit 12-Bit-Signalverarbeitung ausgerüstet und bieten eine vergleichsweise hohe Lichtempfindlichkeit von Blende 12 bei 2.000 lx. Das ist ein Wert, den auch die meisten 1/2-Zoll-Camcorder nicht toppen können.

Die von den Sensoren erzeugten Bilder kann der HM850 mit verschiedenen Codecs in Files verwandeln und auf Speicherkarten ablegen. Dabei erlaubt es der Camcorder, wahlweise in SD oder HD zu arbeiten. Die höchste Qualität bei interner Aufnahme bietet dabei das im Camcorder-Menü auswählbare Format »Quicktime (H.264)« in der Qualitätsstufe XHQ. Dabei werden Mov-Dateien im Raster 1.080 x 1.920 und 50p-Bildrate mit einer Datenrate 50 Mbps aufgezeichnet. Alternativ stehen niedrigere Datenraten (bis hinunter zu 1 Mbps), andere Codecs (MPEG-2 und AVCHD) sowie andere File-Formate zur Verfügung (MP4, MXF, MTS) — natürlich immer nur in den üblichen, etablierten Kombinationen dieser Parameter.

SD-Speicherkarten, Multi-Codec-Betrieb

Der Camcorder verfügt über zwei Slots, in die man SDHC-/SDXC-Speicherkarten stecken kann. Dass sich JVC für diese Speichermedien entschieden hat, ist von Vorteil, denn SDHC-/SDXC-Speicherkarten sind günstig und sehr weit verbreitet. Man kann die Karten nacheinander bespielen, aber auch gleichzeitig. In letzterem Fall lässt sich auf beiden Karten der gleiche Codec verwenden, aber der Anwender kann auch wahlweise zwei verschiedene einstellen. Dadurch wird es etwa möglich, schon bei der Aufnahme zwei identische Aufnahmen herzustellen, von denen eine der Kunde und eine der Kameramann bekommt, aber man kann auch gleichzeitig hochwertige Aufnahmen auf der einen Karte speichern und parallel dazu wesentlich kleinere in einem Web-Format auf der anderen. Das ist natürlich komfortabel, denn oft ist es hilfreich, gleich ein Backup aufzeichnen zu können oder direkt am Ende der Aufzeichnung ohne zusätzliche Konvertierschritte eine Low-Res-Kopie fürs Web oder andere Auswertungen zu besitzen.

Ruhige Bilder, Eingreifmöglichkeiten

Wählt man den hochwertigsten Codec, dann kann man mit dem HM850 auch bei Szenen mit vielen Details und raschen Bewegungen sehr ruhige, gleichmäßige und rauscharme Aufnahmen machen. Der Camcorder produziert für einen 1/3-Zoll-Camcorder sehr saubere, harmonische Bilder, ohne übermäßig zu glätten oder anzuspitzen. Letzteres lässt sich aber auch Wunsch auch ändern: Der Camcorder erlaubt es, vielfältig in die Signalverarbeitung einzugreifen und etwa den Schwarzwert abzusenken und mehr Kantenanhebung (Detail) zuzuschalten, wenn man einen »knackigeren« Bildeindruck wünscht.

Objektiv

Der HM850 bietet einen Wechselobjektivanschluss, JVC bietet den Camcorder mit oder ohne Objektiv an. Neu im Portfolio ist dabei ein laut JVC von Fujinon speziell für den 850er entwickeltes 20fach-Zoomobjektiv mit Autofokus- und optischem Bildstabilisator. Dieses Objektiv erreicht eine maximale Öffnung von F1.6 bis 3.0 und bietet einen auf 35-mm-Fotoverhältnisse umgerechneten Brennweitenbereich von 29 bis 580 mm. Etwas weitwinkliger dürfte ein ENG-Camcorder zwar durchaus sein, aber mit diesen Eckdaten kann man zurechtkommen.

Um es gleich klar auszusprechen: Den Testern sagte dieses Objektiv insgesamt nicht besonders zu. Das lag zum einen am sehr behäbig agierenden Autofokus, der auch öfter mal einfach überfordert war und gar nicht scharfstellte. Zum anderen sind die Stellringe an diesem Objektiv nicht mechanisch mit dem Innenleben des Objektivs verkoppelt, sondern dienen lediglich als Signalgeber für entsprechende Stellmotoren.

Des weiteren produziert dieses AF-Objektiv, besonders in weitwinkliger Stellung, ziemlich starke chromatische Aberrationen: an unscharfen, horizontalen Kanten im Bild, waren im Test oberhalb und unterhalb der eigentlichen Kante deutlich sichtbare Farbsäume zu erkennen. Natürlich muss jeder selbst entscheiden, ob und wie stark ihn das stört. Die Tester empfehlen allen Anwendern, die sich für den HM850 inklusive AF-Objektiv interessieren, sich das bei einem Händler selbst anzusehen. Unser Urteil bleibt ganz klar: Es geht mit anderen Objektiven am gleichen Camcorder auch besser — und JVC bietet ja selbst mehrere andere Zooms für seine 1/3-Zoll-Camcorder an.

Der HM850 bringt für die Belichtungssteuerung zusätzlich zur Blende auch ND-Filter mit

Sucher, Ausklappschirm

Für die Bildkontrolle ist der Camcorder mit einem Ausklappschirm (4,3-Zoll-Bilddiagonale, LCD) und einen Suchermonitor (0,45-Zoll-Bilddiagonale, LCOS) ausgestattet. Beide gehören aus Sicht der Tester nicht zum Besten, was der Markt hier bietet, aber man kann durchaus damit arbeiten — wobei der Suchermonitor weniger gefiel als das Display. Der HM850 bringt verschiedene Scharfstellhilfen mit (farbiges Peaking mit monochromem Bild, Ausschnittsvergrößerung), die man auch während der Aufnahme aus- und zuschalten kann.

Umfangreiche I/O-Sektion

Am GY-HM850 und 890 finden sich BNC-Buchsen für Bild- Genlock- und Timecode-Signale, aber auch einen HDMI-Ausgang gibt es. Wichtig hierbei: An der HD-SDI– und der HDMI-Ausgangsbuchse gibt der Camcorder parallel unkompromierte HD-Signale aus. Das ist im Studioumfeld wichtig, aber auch für die Kombination mit externen Monitoren und Recordern.

Audiobereich

Im Audiobereich wartet der Camcorder eingangsseitig mit zwei seitlich angeordneten XLR-Buchsen auf, zusätzlich gibt es noch einen Stereo-Miniklinken-Eingang. Intern ist der HM850 im Audiobereich vierkanalig ausgelegt und man kann in allen Formaten, die der Camcorder bietet, vier Tonspuren nutzen. Welche Signalquelle auf welchen Tonkanal geschaltet ist, stellt der HM850 auf Wunsch auch grafisch im Display dar.

Um den Ton bei der Aufnahme abhören zu können, hat JVC den Camcorder mit einer kleinen Hörmuschel bestückt, die verstellbar am Henkel montiert ist. Damit hat man beim Drehen von der Schulter zumindest eine grobe Tonkontrolle. Die Hörmuschel ist mit einem kleinen Klinkenstecker am Henkel eingesteckt, hier kann man natürlich auch alternativ einen Ohrstecker anschließen. Zusätzlich gibt es eine separate Kopfhörerbuchse und zwei Cinch-Buchsen für Audio-Out.

Handling

Das Handling des Camcorders ist insgesamt gut, die Bedienelemente liegen da, wo man sie beim Drehen von der Schulter braucht. Insgesamt ist der Camcorder mit zwölf User-Buttons ausgestattet, auf die man sich als Anwender  verschiedene Funktionen legen kann. Die Menüführung hat JVC etwas modernisiert, die Tester kamen damit gut zurecht.

Bildrate variabel, Cache-Recording

Im H.264/1080p- und im MPEG-2/720p-Modus kann man die Framerate verändern und so in eingeschränktem Rahmen auch Zeitraffer und Zeitlupen realisieren. Außerdem verfügt die Kamera über einen Cache mit zehn Sekunden Aufnahmedauer (auch Retro-Loop, Pre- oder Loop-Recording genannt).

Studionutzung

Ein echter Pluspunkt des HM850 kann — je nach Nutzungsprofil — auch darin bestehen, dass man ihn nicht nur als ENG-Camcorder verwenden kann: Man kann das Gerät auch sehr gut als Studiokamera einsetzen, wenn man den Bedarf dafür hat — auch im Live-Umfeld. Die ansonsten mit dem HM850 identische Version HM890 ist hierfür noch etwas besser geeignet als der 850er, weil der 890er zusätzlich einen HD-SDI-Eingang und eine Mini-Din-Buchse für den Anschluss von Drittanbieter-Studiozubehör mitbringt. Aber auch der HM850 hat im Grunde schon die nötige Funktionalität und die Schnittstellen (Genlock, Timecode, Remote-Anschluss) dafür von Haus aus an Bord. Außerdem bietet JVC umfassendes Studiozubehör an, darunter einen Studioschlitten, einen Glasfaser- und einen Multicore-Adapter. Das Schweizer Fernsehen etwa nutzt den Vorgänger des HM890, den HM790, für Studioproduktionen seines Kinderprogramms »Zambo« (Report).

Streaming, Remote-Funktionalität

Viel Aufmerksamkeit widmet JVC seit einigen Jahren, wie andere Hersteller auch, der Netzwerk-Funktionalität  seiner Geräte — natürlich auch beim HM850.

So bietet der Camcorder oben im Henkel einen USB-Host-Anschluss, an den sich USB-Sticks mit verschiedener Funktionalität anschließen lassen: Mit einem entsprechenden Stick kann der Camcorder Kontakt zu WiFi- oder Handy-Netzen aufnehmen. Das ermöglicht die kabellose Fernsteuerung des Camcorders und in der Gegenrichtung das Hochladen und Live-Streamen von Bild und Ton. Weil der HM850 über einen eingebauter FTP-Server verfügt, kann man direkt vom Camcorder aus, ohne den Umweg über einen Laptop, Material in die Cloud oder ein eigenes Netzwerk hochladen.

Dabei ist es von Vorteil, dass die Advanced-Streaming-Technologie, die JVC anbietet, von Haus aus eine Fehlerkorrektur wie auch eine Bandbreitenanpassung beherrscht. JVC unterstützt übrigens diverse Streaming-Protokolle. Zudem erhält man auch immer in Echtzeit eine Rückmeldung über den aktuellen Streaming-Status.

Es ist auch möglich, den Camcorder via Netzwerk von der Zentrale aus aktiv anzusprechen und gezielt einzelne Clips, die auf dem Camcorder gespeichert sind, hochzuladen. Diese Funktionalität eröffnet viele Möglichkeiten, schnelle News-Workflows umzusetzen — und um sie wirklich sinnvoll und effizient nutzen zu können, verfügt der Camcorder auch über eine Möglichkeit, schon aufgenommene Clips am Anfang und Ende zu beschneiden.

Preis, Fazit

Der Netto-Listenpreis des GY-HM850 liegt derzeit bei 5.220 Euro (ohne Objektiv). Die Studioversion HM890 liegt bei knapp unter 7.000 Euro (ohne Objektiv). Für diesen Preis bietet der Camcorder erstaunlich viel und man findet eigentlich keinen Schultercamcorder mit ähnlicher Leistung und Funktionsvielfalt im Markt.

Ein großes Plus des Camcorders ist sicher die Möglichkeit, ihn im Studioumfeld als Live-Kamera einsetzen zu können. Mittlerweile nutzen schon etliche etablierte Broadcaster die Möglichkeit zur Produktion mit kostengünstigen Studiokameras. In Zeiten knapperer Budgets ist das durchaus legitim und sinnvoll.

Ein weiteres Plus sind die Netzwerk- und Streaming-Funktionen, die es erlauben, den JVC-Camcorder in der Live-Berichterstattung einzusetzen — und das zu äußerst günstigen Konditionen.

Angesichts solcher Vorteile könnte sich so mancher überlegen, ob er wirklich 4:2:2 braucht, oder ob er nicht auch mit 4:2:0 klarkommt. Allerdings kann die Signalverarbeitung eben bei manchen Einsätzen auch ein Ausschlusskriterium sein – schöner wäre es daher schon, wenn der JVC-Camcorder auch 4:2:2-Signalverabeitung mit 50 Mbps bieten würde.

Insgesamt kann man sagen: Der HM850 ist ein Gerät mit kleinen Schwächen, die je nach Einsatzgebiet besser oder schlechter zu verschmerzen sind. Aber der Camcorder hat auch Stärken, die ebenfalls je nach Einsatzgebiet mehr oder weniger Schlagkraft entfalten können. In jedem Fall stellt er eine Verknüpfung von Bauform, Funktionalität und Preis dar, die ihn zu einem vielfältig nutzbaren Camcorder machen — eben zum Hans Dampf in allen Gassen.

 

Der HM850 eignet sich auch für das populärste Online-Genre: Das eingefügte Video zeigt die Katze Irminek des Youtube-Nutzers LiveOnIphone, die er nach eigenen Angaben mit einem GY-HM850 aufgenommen hat.

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Autor
red
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