Branche, Interview, Top-Story: 01.02.2005

Dr. Michael Neubauer: HD-Jahr 2005?

50 Insider aus verschiedenen Bereichen der Film-, TV- und Videobranche haben die Fragen von www.film-tv-video.de zum Thema HD beantwortet. Eine Zusammenfassung analysiert die Stimmung in der Branche, zudem stehen auch die Antworten der einzelnen Befragungen in voller Länge zur Verfügung. In diesem Beitrag lesen Sie die Antworten von Dr. Michael Neubauer. (Zum Download bitte auf den Dateinamen am Ende des Artikels klicken.)

B_0105_BVK_NeubauerDr. Michael Neubauer ist Geschäftsführer des Bundesverbands Kamera (BVK). Der BVK agiert als Berufsorganisation und Lobby-Verbindung der Bildgestalter – das sind aus Sicht des BVK DoPs und filmerfahrene Kameraleute.

**Welche Bedeutung hat HD heute in Ihrem Tätigkeitsbereich? Wie und wann wird sich das aus Ihrer Sicht ändern?

HD ist eine neue Bildaufnahme- und Bearbeitungstechnik, die von den Kameraleuten aufmerksam beobachtet und teilweise bereits eingesetzt wird. Der Marktanteil variiert nach Arbeitsbereichen erheblich. So hat sich HD im Bereich der Werbung bereits fest etabliert, während in der szenischen Produktion nach wie vor nur ausnahmsweise auf HD zugegriffen wird. Wenn die HD-Technik im Handling am Set, bei den Nachbearbeitungskosten und in der produktionellen Verlässlichkeit mit 35 mm und 16 mm voll kompatibel sein wird, spricht nichts gegen eine weitere Verbreitung.

**Beim Thema HD wird in Deutschland oft von der Signalwirkung gesprochen, die von der Fußball-WM 2006 ausgehen werde. Wie beurteilen Sie dieses Thema?

Die starke Befürwortung der HD-Technik durch die Fernsehsender wich in den letzten Monaten bei Näherrücken entscheidender Investitionstermine einer deutlichen Seitwärtstendenz, die sich mittlerweile als klarer Rückwärtsgang darstellt. Auch bei der Fußball-Weltmeisterschaft geht es natürlich in erster Linie um technische Entscheidungen. Allerdins auf dem Spielfeld und nicht in den Rundfunkanstalten.

**Welches Hindernis hemmt derzeit die Verbreitung von HD im Markt am meisten? Wie könnte man dem begegnen? Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit HD in Deutschland alltägliche Realität wird?

Zahlen an sich sind niemals beängstigend. Entscheidend ist, von welcher Seite man sich ihnen annähert – und was man im Gegenzug bekommt. In Produktionsregionen, die regelmäßig von 35-mm-Budgets auch bei Soaps und billigen Klamotten ausgehen, verbreiten die Kosten der HD-Technik weit weniger Schrecken, als in »OIld Europe«, wo wir seit Jahrzehnten erfolgreich 16 mm auch für TV-Movies und gar Kinoleinwände zu nutzen verstehen. Insofern ist ein deutscher Produzent respektive Sender weniger erbaut über die mit der Investition in HD-Technik verbundenen Kosten.
Darüber hinaus ist die Notwendigkeit ein farbstabiles – auch unter schwierigen Empfangsbedingungen ohne Blindenstock konsumierbares – TV-Programm zu generieren, im technisch überlegenen PAL-Bereich wesentlich weniger ausgeprägt als in Ländern mit NTSC-Übertragungstechnik.
Damit HD hierzulande möglichst schnell alltägliche Realität wird, sollten jedem Haushalt 2.000 Euro zur Anschaffung des Empfängers, den Rundfunkanstalten jeweils 30 Millionen Euro und den Kinobetrieben jeweils 200.000 Euro pro Leinwand zur Umstellung überwiesen werden.

**Wann werden die Zuschauer in Deutschland regelmäßig bei mehreren Sendern HDTV sehen können? Spielt das für Ihren Tätigkeitsbereich eine Rolle? Was erwarten Sie beim Thema HDTV von den öffentlich-rechtlichen Anbietern, was von den privaten?

Sicher wird die Bild-Zeitung es zu gegebener Zeit wissen.
Sicher ist, dass – sobald ausländische HDTV-Programme in Deutschland empfangbar sind – auch für hiesige Programmveranstalter die Frage virulenter wird, ob sie sich gegen diese technische Innovation sperren können. Dabei werden die Privatsender zweifellos eine Vorreiterrolle einnehmen müssen, da hier die Abhängigkeit von »Hochglanz-TV«-entsprechender Werbung größer ist, als bei den öffentlich-rechtlichen Häusern. Diese sollten, was sie leider zunehmend negieren, im kulturellen und informationellen Angebot brillieren, wofür es zunächst eher der hochwertigen Organisation der Inhalte bedürfte, als der schieren Zahl der Pixel.
Für die Kameraleute als professionelle Bildgestalter wie auch für die Assistenten, die sich zunehmend mit der HD-Technik vetraut machen, ist HD wie Film eine Aufzeichnungstechnologie, mit der man kreativ arbeiten kann – und muss.
Die Kriterien für die Bildgestaltung sind aber wesentlich vielfältiger, als die bloße Entscheidung für eine technische Schiene der Realisation. Auflösung, Lichtgestaltung, Bewegungs- und Kadrierungsfragen – aber auch die filmfotografische Postproduktion – bleiben entscheidend für das Gelingen eindrucksvoller Bilder. Wo die HD-Technik in der Bildaufnahme und -bearbeitung diesen inhaltlichen Vorgaben der gestalterischen Arbeit voll genügt, spricht überhaupt nichts gegen sie.

**Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht der Consumer-Markt mit Technologien wie HDV in der Aufzeichnung, mit HD-DVD und der zunehmenden Verbreitung von Plasma- und LC-Displays?

Zweifellos wird HDV für die Konsumenten hochattraktiv und auch für semiprofessionelle und professionelle Anwender eine technische Alternative werden.
Allerdings stellen sich hier ähnliche Fragen wie bei der Nutzung der DV-Technik für das Fernsehen und das Kino. Wer wirklich etwas Hochwertiges zu realisieren hat und nicht aufgrund äußerer Drehbedingungen oder des Eintagsfliegencharakters seines Produktes auf HDV-Technik zurückgreifen muss, wird sich im Zweifel auch in Zukunft auf ein Profi-Format verlassen.
Sollte eine Marktdurchdringung mit HDV gelingen, wird sich auch die programmerzeugende und -verbreitende Industrie diesem Trend stellen müssen – und entsprechend reagieren.

**Wie sollte aus Ihrer Sicht ein europäischer HDTV-Standard aussehen? Nennen Sie uns bitte die Eckwerte und ergänzen Sie diese mit einer kurzen Begründung.

Der in HD-Fragen höchst mäßig beschlagene Geschäftsführer des BVK wird der Genialität der Entwicklungsingenieure an dieser Stelle nicht vorgreifen können und wollen. Allerdings werden sich die Ergebnisse der Genialität dem rauhen Alltagsbetrieb und der manchmal mäßigen Bereitschaft der Bildgestalter zum Lesen von Manuals stellen müssen.

**Was wollen Sie uns noch zum Thema HD mitteilen?

Im Sinne der Erweiterung der kreativen Möglichkeiten für Bildgestalter und der Teilnahme am internationalen Marktgeschehen wünsche ich HD auch in Deutschland guten Erfolg.
Als Gesprächspartner der Industrie und der Rental-Häuser steht der Bundesverband Kamera selbstredend nicht ausschließlich auf dem einen Bein namens Film. Wo immer es sinnvoll erscheint, werden wir lukrative Angebote zum Thema HD gern aufgreifen, um unseren Mitgliedern den Zugang zu dieser Technik weiter zu öffnen.

Downloads zum Artikel:

T_0105_HD_BVK_Neubauer.pdf

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Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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