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Produkte, Anwendungen, Entscheidungen

Es soll mal eine Zeit gegeben haben, in der wurden Produkte entwickelt, weil man sie brauchte, weil sie Probleme lösten oder weil sie den Menschen das Leben leichter machten. Vereinzelt soll es das auch heute noch geben.

Bei der Mehrzahl der Produkte scheinen diese Aspekte aber mittlerweile weit in den Hintergrund getreten zu sein: Sie werden schon von vornherein hauptsächlich mit dem Ziel entwickelt, einen Bedarf dafür zu wecken — oder besser gesagt: den Wunsch, sie zu besitzen. »Brauchen« wird beim Konsumenten ersetzt durch »haben wollen«.

Kein Wunder also, dass »Shoppen« — neben »Chillen« und »Chatten« — heute als vollwertiges Hobby gilt, auch und besonders unter Teenagern. Ich kaufe, also bin ich. Wenn es als »Superstar« oder »Topmodel« nicht klappt, muss man besitzen, um zu sein — und zwar die richtigen Insignien: zum Beispiel nicht irgendein Smartphone, sondern natürlich das neueste iPhone-Modell.

Und bei den Investitionsgütern? Da sind wir doch in einer ganz anderen Welt. Da wird doch rational entschieden, nach Faktenlage, Bedarfsanalyse, Spezifikationen, technischen Daten. Oder doch nicht?

Der Hype um Stereo-3D spricht eine andere Sprache. Auch das momentane Gedöns um Large-Sensor-Camcorder für den kleinen Geldbeutel wurzelt in vielen Fällen ganz sicher nicht in rationalen, praktischen Überlegungen, sondern eher in der unausrottbaren Wahnvorstellung, Hollywood-Look für ein Taschengeld zu produzieren.

Es soll etwa auch eine interne Studie von Canon geben, die zeigte, dass der weitaus überwiegende Großteil der Camcorder-Käufer, die den Wechselobjektivanschluss als wichtiges Kaufkriterium nannten, noch nie mit einem anderen, als dem mitgelieferten Objektiv gearbeitet haben. Wunsch und Realität klaffen eben oft weit auseinander.

Auch der Blick auf kleine und größere Investitionsruinen, nach denen man in der Medienbranche nicht lange suchen muss, lässt andere Rückschlüsse zu. Es wäre doch auch verwunderlich, wenn sich das von vielen fest eingeübte private Konsumverhalten nicht auch im beruflichen Bereich niederschlagen würde. So kommt es, dass immer wieder Equipment gekauft wird, das vorne und hinten nicht zusammenpasst, sondern erst mit allerlei Verrenkungen zu einer einigermaßen funktionierenden Behelfslösung zusammengenagelt werden muss. Was nutzt die todschicke, in sich fantastische Insellösung, wenn sie nur mit handgestrickten Anpassungen Kontakt zur Außenwelt aufnehmen kann?

Auch die Basis, auf der selbst in großen und größten Medienbetrieben Entscheidungen gefällt werden, die dann auch weitreichende technische Auswirkungen nach sich ziehen, sie ist bei genauerer Betrachtung nicht selten schockierend: Die gut aussehende Lieblingsgrafikerin des Abteilungsleiters arbeitet lieber mit der Software XY — deshalb scheiden alle Produktionssysteme aus, die das generische Dateiformat dieser Software nicht verarbeiten können…

Dass man mal daneben greift, das kann bei der Produktvielfalt im IT-Zeitalter immer mal passieren: In jedem Unternehmen steht irgendwo ein Rechner oder ein Peripheriegerät, das überdimensioniert ist, im realen Betrieb doch nicht gebraucht wird, oder sonstwie nutzlos ist. Und dass es auch in Medienbetrieben menschelt, ist ebenfalls ganz normal. Eine etwas nüchternere Haltung  zu neuen Produkten und zur Technik allgemein, verbunden mit einer etwas flexibleren Arbeitshaltung, kann aber ganz sicher nicht schaden.

Sie werden sehen.

Autor: Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

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