Editorial, Kommentar, Top-Story: 10.02.2011

Die Reise ins Ungefähre

Es gibt Momente im Leben, da will man Gewissheit haben, da verlangt es einen nach klaren Ansagen, da soll kein Zweifel herrschen, sondern Klarheit: Fahrpläne, Schwangerschaftstests oder Kontoauszüge gehören — neben vielen anderen Dingen — in diese Kategorie.

Im zwischenmenschlichen Bereich ist es bekanntermaßen oft schwierig bis unmöglich, dieses Bedürfnis zu befriedigen, denn hier sind Unschärfen normal und oft sogar gewünscht, hier spielen Erwartungshaltungen, Gefühle und Vorerfahrungen eine Rolle: »Es ist kompliziert.« Auf geht’s also in Refugien, in denen der Durst nach Klarheit und Gewissheit gestillt wird: Mathematik, Technik, Wissenschaft, am besten in Bereiche, in denen es nur Einsen und Nullen gibt. Und dann das: »Das Volume XY ist anscheinend in Ordnung.«

Ja, so steht es tatsächlich auf dem Bildschirm. Was ist denn das für eine Meldung, die der Rechner da am Ende einer Festplattenüberprüfung anzeigt? Nun stiehlt sich also auch schon der Computer aus der Verantwortung, zieht sich aufs Ungefähre zurück. Natürlich steckt ein Mensch dahinter, ein Programmierer. Oder kommt der Text vielleicht sogar aus der Rechtsabteilung? Sonst könnte womöglich am Ende noch jemand in den USA auf vierzig Trizillionen Schadensersatz klagen, wenn die soeben geprüfte Festplatte dann doch nicht funktionieren sollte…

Aber vielleicht manifestiert sich hier auch nur ein größerer, allgemeiner Trend zum Unscharfen, Ungefähren, Unbestimmten? Es gab mal eine Zeit, da strebte man im Umfeld von Computern, Chips und Software geradezu an, das zu erreichen: Die Fuzzy Logic, ein Thema über das in den 80er- und 90er-Jahren intensiv diskutiert wurde, ist heute einfach Bestandteil zahlloser Produkte, ohne dass noch groß darüber geredet würde. Und manchmal kann einen schon das Gefühl beschleichen, als sei seither ziemlich Vieles irgendwie »fuzzy« geworden.

Was etwa hört man, wenn man sich mit einem Rechnerproblem an einen Kollegen wendet? »Weiß auch nicht, probier doch mal dies oder das.« Probieren und dilettieren haben wissen abgelöst. Wird bald überall bloß noch rumprobiert?

Vielleicht ist das der Preis der Flexibilität, die heute immer und überall gefordert wird. Unbestimmtheit und Unverbindlichkeit herrschen beispielsweise auch dann, wenn ganzen Heere von gut ausgebildeten und arbeitswilligen Akademikern immer wieder nur Praktika, Volontariate und befristete Arbeitsverhältnisse angeboten werden: Verurteilt zum Slacker wider Willen. Was ist hier Wirkung und was Ursache?

Wann aber kommt der nächste Newsletter? Und wovon wird sein Editorial handeln? Keine Ahnung, schau‘n wir mal,  vielleicht probieren wir mal was ganz anderes: Das bleibt eine Reise ins Ungewisse — aber nicht ins Ungefähre.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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