Branche, Top-Story: 20.11.2013

Interview mit EVS-CEO Janssen: Move On

Das neue Logo von EVS ist nur ein äußeres Zeichen für Veränderungen, die seit geraumer Zeit im Unternehmen vor sich gehen — und die an Dynamik gewonnen haben, seit Joop Janssen vor etwas mehr als einem Jahr die Leitung des Unternehmens übernahm. Während viele in der Branche EVS immer noch überwiegend mit dem Sportübertragungsmarkt verbinden, hat sich EVS weiterentwickelt und realisiert schon mehr als ein Drittel seines Umsatzes außerhalb des Sportmarkts — etwa im News- und Entertainment-Bereich. film-tv-video.de hat mit Joop Janssen über die Firmen-Strategie von EVS und über Branchen-Trends gesprochen, wie etwa die Entwicklung von SDI- hin zu IP-Video.

EVS will in Bereichen außerhalb des Sportmarkts wachsen, etwa im Entertainment-Markt. Wie groß ist denn das Potenzial für EVS-Produkte in diesem Segment?

Joop Janssen: Im Entertainment-Bereich sehen wir heute deutlich mehr Live-Shows als früher: Koch-, Talk- und ganz besonders auch Casting-Shows mit Live-Votings werden heutzutage viel häufiger live produziert, als das früher der Fall war. Wir glauben, dass dieser Markt für uns mindestens so groß ist, wie der Live-Sportbereich. Den Markt für die Live-Produktion von Sportereignissen schätzen wir auf derzeit rund 350 Millionen Euro jährlich, was Server und Software betrifft, den Entertainment-Markt sogar auf 400 Millionen Euro.
Wir sind dabei in einer guten Position: Unser Know-how aus der Live-Sportproduktion wird zunehmend auch aus dem Entertainment-Markt nachgefragt. So sind unsere Server beispielsweise bei der Produktion von »The Voice« im Einsatz, um nur eines von vielen Beispielen zu nennen. Wir betrachten das als natürliche Erweiterung unseres bisherigen Geschäfts.

Heißt das im Umkehrschluss, dass EVS kein Wachstumspotenzial mehr für seine Produkte im Sportbereich sieht?

Joop Janssen: Ganz im Gegenteil: Wir sehen, global betrachtet, auch im Sportbereich weiterhin Wachstumsmöglichkeiten — allerdings hauptsächlich in Märkten wie etwa Brasilien, wo Sport derzeit noch auf einem deutlich niedrigeren Niveau produziert wird, als in Europa oder in den USA. Wir gehen ganz konkret davon aus, dass die WM im kommenden Jahr für einen Schub in dieser Region sorgen und die Nachfrage nach EVS-Equipment deutlich steigern wird. Wir haben eine ähnliche Entwicklung schon in China erlebt, wo bis zu den Olympischen Spielen im Jahr 2008 kaum EVS-Equipment genutzt wurde. Nach den Spielen in China wurde dort viel in EVS-Equipment investiert und wir verzeichneten stark gewachsenes Interesse.
Parallel zu dieser Entwicklung stellen wir zudem fest, dass beispielsweise auch jenseits des Fußballs immer mehr Sportarten live produziert werden: etwa Handball oder Eishockey. Und auch bei diesen Events wird aufgrund unseres Know-hows im Live-Bereich vielfach mit EVS-Equipment produziert.

In den vergangenen Jahren sind auch immer mehr Produktalternativen zu den EVS-Servern im Markt verfügbar — meist mit etwas geringerer Leistungsfähigkeit aber auch zu wesentlich niedrigeren Preisen. Was unternimmt EVS, um die Eintrittsschwelle für Interessenten zu senken?

Joop Janssen: Bis zu einem gewissen Grad haben wir darauf schon reagiert, etwa mit dem XT Nano, einem Entry-Level-Server, der dieses Segment bedient und der sehr erfolgreich ist. Was im Preis- und Leistungsniveau niedriger angesiedelt ist, wollen wir derzeit nicht bedienen: EVS steht für höchste Zuverlässigkeit, Echtzeitfunktionalität und kürzeste Turn-Around-Zeiten. Wo es darauf nicht ankommt, sehen wir für uns keinen interessanten Markt, denn dort könnten wir unsere Stärken gar nicht ausspielen.

Worin sehen Sie denn die wichtigsten Stärken von EVS?

Joop Janssen: EVS hat viele Stärken, aber die Zuverlässigkeit und Robustheit unserer Server muss man sicher ganz besonders hervorheben. Wir stehen in unserem Markt für absolute Zuverlässigkeit bei der Aufzeichnung von Signalen und das schätzen unsere Kunden. Das hört sich viel einfacher an, als es technisch umzusetzen ist — aber wir können es.
Ein weiteres wichtiges Plus: EVS-Equipment bietet Tools und Funktionen, die es erlauben, sehr viele Jobs parallel und schnell zu erledigen, etwa Highlight-Editing, Slomo-Replay und vieles mehr. Selbst höchste Anforderungen an Geschwindigkeit und Performance kann EVS mit seinen Produkten befriedigen — und das meistens mit geringerem Personalbedarf und deutlich schneller als es mit Produkten anderer Hersteller möglich wäre.

Es gibt weltweit mehr als 8.000 EVS-Operator, die das System bedienen können. Wie wichtig ist diese Basis geschulter Nutzer für die Zukunftsstrategie des Unternehmens?

Joop Janssen: Die breite Operator-Basis ist natürlich von entscheidender Bedeutung für uns. Wir befinden uns im ständigen Dialog mit diesen Anwendern und jedes Jahr schulen wir einige Tausend davon in unseren Niederlassungen und bringen sie auf den neuesten Wissensstand.
Wir investieren insgesamt sehr viel in diesen Bereich: Vor den großen, wichtigen Sport-Events wie Fußball-Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen erhalten die dort eingesetzten EVS-Operatoren zusätzlich intensive Schulungen. Wir betreiben auch einen Blog, in dem sich die Operatoren untereinander austauschen und Tipps oder besondere Workflows teilen können.

Wichtiges Bedienelement für EVS-Systeme ist nach wie vor der LSM-Controller. Wird das dauerhaft so bleiben, oder werden alternative Bedienmethoden an Boden gewinnen?

Joop Janssen: Wir denken natürlich ständig darüber nach, wie wir unser Interface verbessern können, und unser Panel ist ein Bestandteil dieser Überlegungen. Aktuell wollen wir dazu allerdings nichts veröffentlichen.

Anders gefragt: Könnten Touchpanels der einen oder anderen Art mittelfristig bei der Bedienung von EVS-Systemen eine größere Rolle spielen?

Joop Janssen: Das Touchpanel ist ein weiteres Tool, das insbesondere im Logging viele Vorteile bietet. In diesem Bereich werden wir sicher noch weitere Lösungen anbieten, und natürlich denken wir ganz generell darüber nach, inwieweit die Bedienung via Touchpanel bei künftigen Produkten eine Rolle spielen wird.

IT- Produkte und IP-Technologie kommen auch im Live-Production-Markt immer mehr zu Geltung. Liegt hier die Zukunft der Videoinfrastruktur?

Joop Janssen: Ich glaube, dass die Industrie spätestens bei der vergangenen IBC erkannt hat, dass IP-Video die Zukunft ist. Die große Frage ist natürlich, wie lange es dauern wird, bis diese Zukunft Realität wird, auf breiterer Basis in der Produktionslandschaft ankommt und schließlich alltäglich wird. Klar ist aus unserer Sicht aber in jedem Fall, dass IP-Video die SDI-Welt schrittweise ablösen wird.
Aus diesem Grund haben wir etwa auch in SVS investiert, ein Unternehmen, das aus unserer Sicht einen sehr interessanten Ansatz entwickelt hat. Die Art, wie SVS IP-Video nutzt und Mischer-Funktionalität über verteilte Netzwerke realisiert, ohne dass die Processing-Hardware zwangsläufig lokal vorhanden sein muss, ist aus unserer Sicht ein echter technischer Durchbruch.
Das SVS-Produkt ist aus unserer Sicht die einzige Lösung, die Broadcaster im kommenden Jahr tatsächlich in einer Live-Umgebung einsetzen werden können. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, in diese Firma zu investieren und auch von ihr zu lernen. Natürlich werden unsere Produkte irgendwann auch Bestandteil der IP-Welt werden.
Generell glaube ich, dass der Zeitpunkt kommen wird, an dem die Kunden ihre bestehende SDI-Hardware gegen IP-Video-Infrastrukturen austauschen werden — und dann wollen auch wir als EVS die passenden Lösungen und das entsprechende Know-how anbieten können. Deshalb glauben wir, dass es durchaus relevant ist, schon jetzt in entsprechende Lösungen zu investieren.

Wie lange könnte es dauern, bis solche Systeme auch bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen zum Einsatz kommen, wo bekanntermaßen die höchsten Anforderungen an Zuverlässigkeit und Sicherheit herrschen?

Joop Janssen: Solche Events gehören natürlich zu den wichtigsten und teuersten Produktionen überhaupt, daher wird man hier sehr besonnen vorgehen. Wie alles in der Broadcast-Welt wird auch diese Entwicklung schrittweise kommen — so wie das aktuell auch bei der 4K-Technologie der Fall ist.
Aber die Euro 2016 in Frankreich könnte sich für erste Tests eignen, um zu ermitteln, wie weit die Technik ist und inwieweit unsere Kunden bereit sind, damit zu arbeiten. Ich bin mir sicher, dass wir bis 2016 auf technischer Ebene die IP-Video-Technologie zur Verfügung haben werden, um damit auch große Sportproduktionen abbilden zu können. Doch die Frage ist, ob die Uefa und der Host Broadcaster in Frankreich das dann auch tatsächlich einsetzen möchten.
Veränderungen finden in der Broadcast-Welt nie von einem auf den anderen Tag statt. Ich verdeutliche das gern mit meinen eigenen Erfahrungen: Ende der 80er-Jahre war ich bei BTS beschäftigt und präsentierte als Ingenieur High-Definition-Fernsehen mit ersten TV-Geräten. Als Endkunde habe ich dagegen meine erste HDTV-Set-Top-Box erst im Jahr 2005 oder 2006 erhalten, als ich in England wohnte. Daran kann man ablesen, wie lange es in der Broadcast-Industrie manchmal dauern kann, bis eine Entwicklung wirklich greift.

EVS hat in jüngerer Zeit begonnen, engere Integrationen mit anderen Applikationen zu realisieren, etwa mit Adobe Premiere. Wird sich diese Entwicklung fortsetzen und verstärken?

Joop Janssen: Wir glauben fest an Partnerschaften und offene Schnittstellen und werden diesen Weg sicher weitergehen, denn davon profitieren die Kunden und die Hersteller gleichermaßen. Wichtig ist, dass die Produkte, die aus solchen Partnerschaften entstehen, für den Kunden wie aus einem Guss wirken — so, als hätte sie ein einziger Hersteller entwickelt. Dann funktionieren solche Partnerschaften. Sicher ist: Wir können und wollen nicht alles selber machen und konzentrieren uns stattdessen auf unsere Stärken.

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Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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