Editorial, Kommentar: 22.12.2016

Es gibt zahlreiche Opfer

Zwölf Tote und fast fünfzig Verletzte forderte der Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin. Wie reagieren wir darauf, wie zeigt man da in angemessener Form sein Mitgefühl?

Trauer in Berlin.

Sehr viele Menschen sind damit ganz offensichtlich überfordert. Bis zu einem gewissen Maß ist das nachvollziehbar, denn wir leben in einer Zeit, in der sich viel mehr Menschen öffentlich äußern als früher: Weil sie das wollen, weil sie das müssen oder weil sie glauben, das zu müssen.

Viele sind dafür aber eigentlich nicht gemacht und letztlich gänzlich ungeeignet: Oft mangelt es an geistigen Fähigkeiten und sprachlichem Rüstzeug — und an echter Empathie. So kommt es, dass einem bei vielem, was in den vergangenen Tagen zu lesen oder hören war, ein Gedanke in den Sinn kommen kann, den man vielleicht am besten so zusammenfasst: Hättest Du geschwiegen.

Das Recht der freien Meinungsäußerung ist uns als Medium sehr wichtig. Es lohnt sich aus unserer Sicht sogar, dafür zu kämpfen. Dass dieses Recht leider auch für Hasskommentare und geistigen Dünnpfiff genutzt wird, ist — auch wenn das schmerzhaft sein kann — kaum zu vermeiden. Solange die Inhalte nicht gegen geltendes Recht verstoßen, muss man das wohl aushalten. Gesetze kann man aber ändern und an die jeweilige Realität anpassen — und das ist im einen oder anderen Fall vielleicht sogar überfällig.

Es bleibt aber auch dann immer noch eine Grauzone: Dort, wo zwar alles im legalen Rahmen bleibt, wo aber die Grenzen des Anstands und des guten Geschmacks ausgelotet oder überschritten werden. Hier macht natürlich so gut wie jeder mal Fehler und tritt ins Fettnäpfchen. Die Zahl der Menschen, die das dann aber gar nicht bekümmert, die es vielleicht gar nicht wahrnehmen, sie scheint zu wachsen.

So kann man den Eindruck gewinnen, dass immer mehr Menschen versuchen, einfach gnadenlos alles, was irgendwo tatsächlich passiert ist oder erfunden wurde, für sich selbst zu instrumentalisieren. Viele schimpfen dabei auf Politiker — handeln aber letztlich nach den gleichen Mustern: Alles, was der eigenen Agenda dient, wird gesagt und gemacht — oder eben geliked und gepostet.

Man will mehr Klicks und Likes? Dann muss man eben auf jedes Trendthema aufspringen und dazu am besten noch provokante Thesen äußern. So treibt das ständige Heischen nach Aufmerksamkeit immer wildere Blüten — und das eigentliche Thema, die eigentlichen Ereignisse, sie bleiben letztlich auf der Strecke.

Es wird in letzter Zeit viel über eine zunehmende Verrohung und Verwahrlosung der Gesellschaft diskutiert. Auch hier liegt möglicherweise eine Wurzel dafür: Statt echter Empathie für die Opfer und echtem Nachdenken, wird versucht, aus jeder Situation das Maximum für die eigenen Zwecke herauszuschlagen.

Vielleicht schaffen es in der ruhigeren Zeit über Weihnachten und den Jahreswechsel hinweg mehr Menschen als sonst, mal jenseits der Tageshektik ein paar ruhigere, tiefere Gedanken zu fassen und etwas Abstand zu gewinnen.

Wir wünschen Ihnen, dass Sie die Feiertage nach Ihrer Fasson verbringen können. Und uns wünschen wir, dass Sie uns auch 2017 gewogen bleiben. Wir danken allen Lesern, Autoren, Anzeigenkunden und Partnern — und gehen davon aus, dass uns allen im Jahr 2017 neben nachdenklichen auch viele fröhliche und lustige Momente bevorstehen.
 
Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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