Editorial, Kommentar: 29.06.2017

Kauderwelsch und Fachchinesisch

Als Fachjournalist wandelt man in seinen Texten mitunter auf schmalen Pfaden: vereinfachen oder lieber ausführlich beschreiben? Beides hat Tücken.

Wer alles und jedes bis ins Detail erklärt und erläutert, der schreibt letztlich langatmige, nur schwer lesbare Texte, die zudem den Insider — also die wichtigste Lesergruppe eines Fachmediums — in weiten Teilen langweilen, weil sie redundant sind und zum x-ten mal erzählen, was der Leser eh schon weiß. Taucht man aber zu tief in die Fachwelt ein, wirft mit zahllosen Fachbegriffen um sich und setzt sehr viele Kenntnisse beim Leser voraus, dann wird der Zugang erschwert, man wird unverständlich und beschränkt seine Zielgruppe sehr stark – die versteht am Ende nur noch Kauderwelsch.

Ein ewiger Kampf also, bei dem wir zwar im Online-Bereich über eine zusätzliche Waffe verfügen, weil wir etwa ins Lexikon, auf frühere Artikel oder andere, externe Quellen verlinken können, was aber wiederum ebenfalls den Lesefluss stören kann und neue Fehlerquellen öffnet.

Im gleichen, ewig währenden, redaktionellen Kampf wurzeln auch viele Entwicklungen in anderen Medien. Eine der Ausgeburten ist etwa ein schon lange virulenter Trend hin zur vermeintlich lustigen Präsentation von Wetterinformationen, der sich mittlerweile allem Anschein nach verselbständigt hat. Da lesen etwa bei vielen Radiosendern die Moderatoren in albernem Duktus die Wetterinfos vor und versuchen krampfhaft, lustige und ungewöhnliche Formulierungen zu finden.

Wie man dazu steht, ist ganz sicher Geschmacksache — und eine gewisse Individualität in der Präsentation ist sicher nicht falsch. Wenn aber in einem Wetterreport die Fakten untergehen, weil die Vorhersage glucksend und pseudofröhlich vorgetragen wurde, dürfte das an den Bedürfnissen der meisten Hörer und Zuschauer vorbeigehen. Das grundlegende Problem der Wettervorhersagen: Das Wetter an sich ist leider gar nicht lustig. Es ist halt das Wetter — das man am besten mit ein paar dürren Zahlen und Fakten beschreiben kann.

Auf dem Vormarsch: nichtssagende Kauderwelsch-Information

Ein anderes Beispiel: »Der MDAX notierte vorbörslich etwas leichter.« Eine letztlich so gut wie nichtssagende Kauderwelsch-Information. Wer sich wirklich für die Börse interessiert, dem nutzt das gar nichts — und ganz genauso ist der Nutzwert für alle, die sich nicht für die Börse interessieren. Vielleicht könnte man hier mal ganz generell die Frage anschließen, welche Berechtigung Börsennachrichten heute noch im normalen TV- und Radioprogramm haben: Wer seine Börseninfos daraus bezieht, der ist definitiv nicht wirklich an der Börse aktiv — so viel ist sicher. Und interessiert es vom großen Rest irgendjemanden? Sorry Anja Kohl und Valerie Haller, ist nicht persönlich gemeint …

Zurück zum ewigen Kampf.

Sie werden sehen.

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