Newsroom, Top-Story: 23.11.2017

BBC World News: Fake or Real?

Die BBC gilt als Hort des glaubwürdigen Journalismus. film-tv-video.de hat mit Anna Williams, Head of News bei BBC World News, über die aktuellen und die Herausforderungen der nächsten Jahre für den Bereich TV-News gesprochen – angesichts von Fake-News und Social-Media.

BBC World News
Anna Williams, Head of News, BBC World News.

Anna Williams ist Head of News bei BBC World News. Sie ist in dieser Rolle für die tägliche redaktionelle News-Agenda des Senders zuständig, aber auch für die längerfristige Strategie von BBC World News.

Sie begann ihre journalistische Karriere bei CNN Moskau zu Zeiten des russischen Staatsstreichs im Jahr 1991. 1997 ging sie nach London und übernahm dort die Aufgabe als Producer bei CNN Europe, dort arbeitete sie in dieser Führungsposition eng mit den Production- und Broadcast-Hubs des Senders in London, Singapur, Washington und Delhi zusammen.

1998 wechselte sie dann zu BBC World Newsgathering und von dort dann im Jahr 2006 zu BBC World News. Hier stieg sie 2012 zum Global Planning Editor auf. In dieser Rolle war sie für die Gründung und für den Betrieb eines gemeinsamen Planungsstabs zuständig, der die redaktionellen Teams von BBC World News, bbc.com/news und BBC World Service Radio zusammenführte und verschmolz.

Nun trägt Anna Williams als Head of News bei BBC World News noch größere Verantwortung — für Inhalte und Abläufe. film-tv-video.de traf Anna Williams in München und sprach mit ihr über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen im News-Bereich.
 

Wann ist eine Nachricht heutzutage für die BBC relevant?

BBC World News
Anna Williams bei den Medientagen München.

»Man kann – natürlich — nicht über alles berichten, was in der Welt stattfindet«, sagt Anna Williams, Head of News bei BBC World News. Deshalb sei es sehr wichtig, die eigene Zielgruppe zu kennen: zu wissen, wer die eigenen Zuschauer oder Leser seien und auf dieser Basis zu entscheiden, welche News relevant für sie sind.

Für die BBC gebe es zwar diverse Themen, die quasi gesetzt seien, so Anna Williams: etwa den Brexit und alles, was damit zusammenhänge.

In erster Linie betrachte man sich aber als weltweit agierenden News-Sender. So könne es durchaus vorkommen, dass zwar in Brüssel ein wichtiger EU-Beschluss gefasst worden sei, dieser aber unter Umständen irrelevant für die Zuschauer in Asien oder den USA sei – und deshalb auch in der Berichterstattung eine untergeordnete Rolle spiele.

Kurzum: Zuschauer und Zeitpunkt bildeten die Entscheidungsgrundlage dafür, ob und wann eine Story gemacht werde – und auch die Frage, ob alle wichtigen Elemente für die Story verfügbar seien, so Anna Williams.

Kann der Kampf gegen Fake-News gewonnen werden?

Mit den heutigen technischen Möglichkeiten ist es für nahezu jedermann sehr einfach, Fake-News zu erfinden und zu verbreiten. Ungleich aufwändiger ist es, sie zu enttarnen — und selbst wenn das gelingt kann man die Fake-News kaum mehr aus der Welt schaffen. Diese Asymmetrie ist eine Herausforderung für die Medien. Wie geht die BBC mit dieser Herausforderung um?

Anna Williams erläutert, dass ihr Sender Reality Check Editoren einsetze, deren Aufgabe es ist, News und deren Quellen zu prüfen und zu ermitteln, ob die Inhalte stimmen — oder eben nicht. Dieser Kampf sei mühsam, gibt Anna Williams zu, und weist auf ein weiteres Problemfeld hin: Auch wenn man nachweisen kann, dass es sich um Fake-News handelt, erinnerten sich die Zuschauer oft eher an Fake-News, als an den Gegenbeweis und die Richtigstellung. Das sei schon hart, einerseits viel Mühe zu investieren und andererseits dann nur vergleichsweise wenig zu erreichen, aber auf lange Sicht zahle sich diese Herangehensweise dennoch aus: Nur so könne man sich als vertrauenswürdige Quelle etablieren.

Insbesondere bei Terroranschlägen sei es oft so, dass kurz nach dem Tatzeitpunkt jede Menge Informationen im Umlauf seien, die sich später als falsch erwiesen – und das müsse man kommunizieren, um den Zuschauern Hilfe bei der Einschätzung künftiger Ereignisse zu geben.

Welche Rolle spielt Geschwindigkeit? Wie schnell ist die BBC in der Lage, den Wahrheitsgehalt einer News zumindest grob einzuschätzen?

BBC World News, Logo
Bei BBC World News arbeiten Monitoring-Teams, hart daran, News rasch und belastbar zu verifizieren.

Bei Live-Streams arbeitet BBC World News häufig so, dass die Live-Bilder vor Ort mit aktuellen Einschätzungen vom Ort des Geschehens ergänzt werden. Dann würden unter Umständen auch nicht verifizierte Infos und Quellen genannt und zitiert, aber immer mit dem Hinweis darauf, dass man aktuell noch nicht definitiv sagen könne, ob sie auch stimmten, erläutert Anna Williams.

Soweit ist das eigentlich auch bei anderen seriösen Medien gängige Praxis. Die BBC setzt in diesen Fällen aber zusätzlich auch verstärkt auf ihr Monitoring-Team, das hart daran arbeite, News rasch und belastbar zu verifizieren. Beim Anschlag in Las Vegas etwa habe das Monitoring-Team das Isis-Bekennerschreiben schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt als nicht glaubhaft eingeschätzt, was dann auch unmittelbar in den News so kommuniziert worden sei, erläutert Anna Williams.

Zahlt sich dieser Aufwand für BBC World News aus?

Auf diese Frage antwortet Anna Williams mit einem klaren Ja. BBC World News werde weltweit als vertrauenswürdigste Nachrichtenquelle eingeschätzt — und daran müsse der Sender stets arbeiten und alles dafür tun, um diese Einschätzung zu rechtfertigen und zu bewahren.

Welche Rolle spielt der Bereich Social Media für die Nachrichtenproduktion bei BBC World News?

Der Bereich Social Media, so Anna Williams, habe BBC World News auf ganz unterschiedliche Art und Weise beeinflusst. Am massivsten sei dies bei den Breaking News der Fall: Social Media sei hier eben immer schneller, als klassische News. Bei Terroranschlägen sei das besonders herausfordernd. Hier stehe BBC World News jedoch stets für Seriosität – und auch dafür, Fake-News aufzudecken und nachzuweisen, wenn falsche News oder Bilder im Umlauf seien.

Anna Williams sieht aber nicht nur die Nachteile, sondern auch die Vorteile der sozialen Medien. Wenn es etwa darum gehe, eigenen Geschichten zu promoten oder mit zusätzlichen Inhalten zu ergänzen, biete Social Media tolle Vermarktungsmöglichkeiten und auch einen Zusatznutzen, wenn man etwa Erklärvideos zu einem bestimmten Thema poste oder Veranstaltungshinweise veröffentliche.

BBC World News
Der Newsroom von BBC World News in London.

Welchen Einfluss hat die Technik auf die Arbeit bei BBC World News?

Anna Williams macht aufgrund der technischen Veränderungen der vergangenen Jahre massive Veränderungen für die Arbeit der Journalisten aus. Das gelte für die Akquise am Ort des Geschehens ebenso, wie für den Newsroom.

Bei Außeneinsätzen profitieren die Journalisten aus ihrer Sicht davon, dass viel weniger, viel kompakteres Equipment vor Ort erforderlich sei. So etwa wesentlich kompaktere Kameras, die deutlich bessere Bilder liefern. Laptops für den Schnitt und die Möglichkeit, file-basierte Inhalte schnell zum Sender übertragen zu können, haben das News-Geschäft verändert. Die Sender wiederum profitierten zusätzlich auch dadurch, dass sich dank der neuen Technik auch Kosten reduzieren ließen, erläutert Anna Williams. Nun könnten bei einem aktuellen und wichtigen Anlass durchaus auch mal zwei Teams in eine Krisenregion geschickt werden, um schnell Inhalte zu akquirieren und diese möglichst schnell zum Sender zu übertragen, konstatiert Williams.

BBC World News, Newsroom
Im Newsroom hat moderne Technik die Arbeit verändert.

Aber auch im Newsroom hat sich die Arbeit nach der Einschätzung von Anna Williams aus verschiedenen Gründen verändert: Vor Jahren, als die News-Redaktionen der BBC noch über mehrere Gebäude verteilt waren, sei es schon räumlich und logistisch deutlich schwieriger gewesen, bei aktuellen Anlässen übergreifend zusammen zu arbeiten. Mit dem neuen, zentralen, trimedialen Newsroom könnten sich die Journalisten der verschiedenen Bereiche hingegen gewissermaßen »on the fly« zu einem Thema absprechen und News besser einordnen. Das führe zu einer deutlich effizienteren Arbeitsweise, von der die Qualität der Inhalte profitiere – auch wenn über mehrere Zeitzonen hinweg gearbeitet werden und internationale Teams die Vorarbeiten aus der jeweils anderen Zeitzone übernehmen und das Thema auf dieser Basis weiter verfolgen.

BBC World News
Head of News Anna Williams: Wie bleibt man die wichtigste Stimme der Nachrichtenwelt?

Aufgrund der Entwicklungen bei der Technik und der Software habe es aber auch andere Folgen gegeben: Bestimmte Jobs seien weggefallen, andere seien hinzugekommen, etwa beim Desktop-Editing und im Online-Bereich.

An anderer Stelle wiederum ermögliche eine zeitgemäße Software einfachere Abläufe, aber auch intuitiveres Arbeiten. Ein modernes Newsroom-System etwa erlaubt das story-orientierte Arbeiten mit ständiger Aktualisierung und permanentem Informationsfluss. Vor gut zwei Jahren hat sich die BBC hier für das Redaktionssystem OpenMedia von Annova entschieden. Damit komme man schon allein deshalb besser klar, weil man vieles aus der Windows-Welt kenne.

Anna Williams resümiert, dass man sich als Anwender in der neuen Technikwelt zwar bisweilen beklage, wenn wieder einmal etwas nicht so funktioniere, wie man das erwarte. Aber für Anna Williams überwiegen ganz klar die Vorteile, nicht zuletzt deshalb, weil die Sender dank des technischen Fortschritts die Kosten besser in den Griff bekommen und damit letztlich den Journalismus schützen können.

Wo wird die BBC in fünf Jahren stehen, wie wird sich klassisches Fernsehen weiterentwickeln?

Weltweit fänden Veränderungen statt, aber das Ausmaß und die Geschwindigkeit dieser Entwicklung seien weltweit sehr unterschiedlich, so Williams. Sie erläutert, dass die Zuschauer von BBC World News eine internationale Perspektive im Nachrichtenbereich verlangten – und glaubt nicht, dass sich unter diesen Voraussetzungen BBC World News in den kommenden fünf Jahren massiv verändern werde. Was sich aber verändern werde, sei die Art und Weise, wie und auf welchen Kanälen News präsentiert würden. Um darauf reagieren zu können, müsse der Sender permanent seine Zuschauer und deren Nutzungsverhalten im Auge behalten– um dann entsprechend reagieren zu können.

Ergänzende Infos

In der Mediathek des BR finden Sie ein vom BR produziertes Video mit Anna Williams zum gleichen Themenkomplex.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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