Postproduction, Test, Top-Story: 24.11.2010

Viel Format: Avid Media Composer 5

Mit Version 3.5 öffnete sich der Media Composer für die Bearbeitung neuer Medienformate. Nach dem Update 4 geht der Avid Media Composer 5 nun den nächsten Schritt auf dem Weg zu einem format-offenen System und will zudem mit einem optionalen Werkzeugkonzept neue Anwender gewinnen, ohne Avid-Hardliner zu verschrecken.

Dass Avid mit der jüngsten Version seines NLE-Systems Media Composer einen großen Schritt nach vorn gegangen ist, das geben sogar die Konkurrenten des langjährigen Marktführers zu. Ob das dem Unternehmen Luft verschafft, sich weiterhin erfolgreich gegen die Konkurrenten zu wehren, womöglich verlorenes Terrain zurück zu erobern und sich vielleicht sogar wieder zu alter Größe aufzuschwingen, muss man abwarten. Das Signal »wir haben verstanden« jedenfalls sendet der Media Composer 5 ganz deutlich in die Welt.

Eckdaten

In Media Composer 5 hat Avid unter anderem die native Unterstützung weiterer Codecs umgesetzt. AVCHD und AVC-Intra können zwar (noch) nicht nativ verarbeitet werden, sie lassen sich aber importieren/transkodieren. Die native Quicktime-Unterstützung aber eröffnet sogar die direkte Verarbeitung von Material vieler moderner Quellen, darunter Speicherkarten-Camcordern von JVC und Canon oder dem ProRes-Recorder KiPro von Aja. Media Composer 5 unterstützt zudem nicht mehr ausschließlich die Avid-Hardwares Mojo DX und Nitris DX, sondern auch die einfachere und billigere MXO Mini von Matrox (separater Test).

Das Paket

Avid Media Composer 5 lässt sich auf dem Mac ab dem Betriebssystem Mac OS X 10.6 nutzen. Auf dem PC läuft die Software unter Windows 7 Pro, Vista Business oder in einer 32-Bit-Variante unter Windows XP Professional. Als Prozessor ist ein Intel Core Duo mit 2,33 Ghz Voraussetzung — und dazu mindestens 2 GB Arbeitsspeicher.

Den Dongle, den Avid früher verlangte, gibt es nicht mehr. Jetzt muss der Anwender stattdessen beim Systemwechsel zwischen unterschiedlichen Rechnern jedes mal eine Deaktivierung und Aktivierung über das Internet durchführen — diese ist allerdings einfach gestaltet.

Die Zusatz-Software, die Avid in der »Production Suite« zusammengefasst hat, kann vergleichsweise rasch auf der Festplatte installiert werden. Die Ausstattung an Zusatz-Software fällt mit den Plug-Ins von Boris Countinuum Complete 6 und dem 3D-Compositing-Programm Boris FX recht gut und sinnvoll aus. Für das Encoding gibt es das sehr umfangreiche Programm Sorensen Squeeze 6. Das ebenfalls zur Production Suite gehörende Smartsound Sonicfire Pro umfasst zehn gema-freie Titel, die man auch wirklich ganz gut verwenden kann. Allerdings wurden diese im deutschen Fernsehen auch schon arg strapaziert. Das Thema DVD-Ausgabe erschlägt die Software Sonic DVD — allerdings nur für Windows-Nutzer. Mac-Anwender müssen selbst nach einer Alternative für die DVD-Gestaltung umsehen.

Die Tutorial-DVD von Lynda.com gibt es nur auf Englisch, diese bietet aber einen sehr guten und übersichtlichen Einstieg in die grundlegenden Schnitt- und Effektfunktionen.

Vorsicht ist beim Zugriff auf die Download-Version geboten: Hier fehlen die Zusatzprogramme der Production Suite, die für 300 Euro separat erhältlich sind — allerdings nur als Versand-Version. Avids Preispolitik ist auch an anderer Stelle nicht gerade übersichtlich und stringent: So sind die Preise für  Updates mit der Version 5 wieder um fast das doppelte gestiegen und die Software Scriptsync ist aus dem Lieferumfang des Media Composers verschwunden. Diese ist nun als separate Software für satte 1.000 Euro erhältlich.

Die neue Formatvielfalt

Avid bietet über den Menüpunkt AMA (Avid Media Access) die Möglichkeit, direkt mit verschiedenen Medienformaten zu arbeiten, in dem auf diese verlinkt wird. Damit ist sogar das Verarbeiten der Dateien direkt auf dem Speichermedium möglich. So bietet der Media Composer 5 nun die Möglichkeit Material in XDCAM EX, P2, MXF, Quicktime, den Red-Formate (auch R3D) und in Canons 422-Codec direkt zu verarbeiten — ohne es erst kopieren und/oder importieren zu müssen. Bei XDCAM ist jetzt auch das Arbeiten mit den Proxy-Dateien dieses Formats möglich.

Die Option, Dateien zu importieren und dabei in eines der Avid-Formate zu wandeln, gibt es nach wie vor — das ist aber nicht mehr zwingend nötig. Beim Einfügen über Drag-and-Drop werden die Dateien jedoch immer umgewandelt und dann auch wieder vom Media Composer verwaltet. Beim Arbeiten mit AMA muss man sich hingegen selbst um die Medienverwaltung auf der Festplatte kümmern.

Ganz so simpel wie es zunächst klingt, bleibt der Umgang mit Formaten dann aber leider nicht, wenn man ins Detail geht: Zwar beherrscht Avid jetzt auch Codecs wie DVCPROHD oder ProRes im Quicktime-Container, allerdings müssen diese bereits installiert sein  — das heißt in der Regel, dass Final Cut Pro ebenfalls auf dem System vorhanden sein muss. Zwar ist es möglich, die MXF-Dateien auf einer P2-Karte zu verwenden und auch zu importieren, nicht aber die in QuickTime gewandelten Dateien, wenn der Codec nicht selbst in QT installiert ist — und den liefert Avid nicht mit.

AVCHD-Dateien können jetzt endlich in den Media Composer übertragen werden, müssen aber in eines der verschiedenen anderen Dateiformate gewandelt werden, darunter auch platzsparende Formate wie XDCAM HD.

Auch bei AMA gibt es Ecken und Kanten: So mussten im Test beispielsweise beim Befehl »Link to AMA Files«, die Dateien aus dem Audioordner der P2-Dateistruktur verknüpft werden, ansonsten landet das Video ohne Ton im Bin. Das Handbuch rät sogar ganz von Multicam-Schnitt ab und empfiehlt zudem den Mischbetrieb zu vermeiden: entweder nur mit den Avid-Dateien oder ausschließlich mit AMA zu arbeiten. Zudem gibt es bei AMA-Dateien kein dynamisches Re-Linking. Der gemischte Schnittbetrieb mit P2, HDV und DNxHD-Dateien lief im Test aber gut und zuverlässig, lediglich einmal gab es eine Asynchronität beim Abspielen des Tons in einer gemischten Timeline mit Bild-im-Bild Effekt der MXF-Datei von der P2-Karte. Das kann seine Ursache allerdings auch an der Anbindung der P2-Karte über Firewire haben.

Insgesamt kann das mittlerweile in der Branche entstandene Formatchaos also auch beim Arbeiten mit Media Composer Problemchen nach sich ziehen, aber dafür kann man sicher nicht Avid alleine die Schuld geben — und bei anderen Schnittprogrammen sind solche Effekte ebenfalls nicht unbekannt.

Smarte Tools für die Maus

»Smart Tool« nennt Avid die neuen Schaltfelder am Kopf der Timeline, die das Werkzeugkonzept erweitern und damit vor allem den Einstieg erleichtern sollen.
• Der erste der drei Bereiche ist die »Link-Selection«, mit der sich zusammengehörige Video- und deren Audiospuren trennen oder verknüpfen lassen. Leider gilt das immer für die ganze Spur, Clips lassen sich in der Timeline immer noch nicht neu verbinden. Das geht nach wie vor nur im Bin.
• Der zweite Bereich aktiviert die Werkzeugmodi: Je nachdem, welcher der fünf Modi aktiviert ist, verwandelt sich die Maus in der Timeline automatisch in eines der Werkzeuge des Segment-Modus. Protools-Anwender kennen dieses Prinzip seit langem. Befindet sich der Cursor im oberen Bereich eines Segments (= Videoclips), wird beim Bearbeiten oder Verschieben eine Lücke gelassen und andere Segmente werden überschrieben. Beim Werkzeug, das im unteren Bereich erscheint, bleibt keine Lücke und es werden auch keine anderen Segmente gelöscht. Ein ähnliches Prinzip herrscht, wenn man den Cursor über eine Schnittkante bewegt. Dann verändert sich der Cursor ins Ripple- oder Roll-Werkzeug. Das fünfte Werkzeug ist das Keyframe Selection Tool, mit dem sich Audiokeyframes in der Timeline bearbeiten lassen. Alle Funktionen können aber auch einzeln an- und abgeschaltet werden. Somit nähert sich Avid in diesem Bereich den Konzepten von Final Cut oder Premiere an, doch leider muss man nach wie vor Avid-Wissen mitbringen, wenn man sie nutzen möchte. Will man beispielsweise Slip-and-Slide verwenden, muss man beide Schnittkanten mit dem Lasso-Tool von rechts nach links auswählen. Für Avid-Profis ist das selbstverständlich, für Einsteiger ist das eine echte Hürde.
• Im dritten Abschnitt befinden sich die Schaltflächen, um die häufigsten Zusatzwerkzeuge wie Trim Mode oder das Effektfenster aufzurufen. Leider springt die Fensteranordnung beim Einsatz der Schaltfläche zur Farbkorrektur in die Werkseinstellung. Hier sind die klassischen Toolsets besser, denn sie behalten die eigenen Anordnungen der Oberfläche bei.

Die Command Palette für die Tastatur wurde um einige Befehle erweitert, so kann das Snapping nun mit der Tastatur aktiviert werden, und es lassen sich alle Ziel-Spuren auf die Tastatur mappen. Die Werkzeuge der Smart-Tools können ebenso den Tastaturkommandos zugeordnet werden. Die wichtigste Erweiterung bei der Effektbearbeitung besteht darin, dass sich die Farbkorrektur nun über Keyframes animieren lässt. So ist fast jeder Parameter einzeln animierbar, nur bei den Curves gibt es keine Bezierkurven. Dazu gibt es einige neue Echtzeiteffekte, wie die Illusion FX Kategorie, Flare oder Motion Blur.

Große und kleine Neuerungen

Die digitale Cinematographie ist nun endlich in der Produktion angekommen und dabei wird häufig in RGB-Auflösung und mit 4:4:4-Farbsampling aufgenommen. Avid hat darauf nun reagiert: Im Media Composer 5 kann man erstmals auswählen, ob man im YUV-422-Farbraum oder in RGB-444 arbeiten möchte. Lediglich in 720p gibt es keinen RGB-Farbraum.

Bei der Wiedergabe auf einem Monitor wird vor der Ausgabe entsprechend gewandelt. Die Möglichkeit, die Daten über Dual Link ein- und auszugeben, gibt es allerdings nur mit der Nitris-DX-Hardware.

Ein kleines aber praktisches Feature ist die »Re-Format«-Option: Damit kann schnell zwischen verschiedenen Darstellungen der Seitenverhältnisse gewechselt werden, sodass man sich den Resize-Filter sparen kann. Diese Funktion versteckt sich allerdings in einem Bin-Fenster und muss erst in der Darstellung aktiviert werden. Zudem funktioniert das Kommando nicht immer, selbst nach einem Refresh ignoriert Media Composer teilweise das neue Seitenverhältnis. Wenn unterschiedliche Seitenverhältnisse und Formate gemischt werden, passt Media-Composer die Seitenverhältnisse jetzt automatisch auf das Format des Projektes an.

Titel müssen beim Erstellen nicht gerendert werden. Allerdings sind sie dann auch nur Platzhalter — und somit nicht zu sehen. Erneutes Rendern wollte nicht klappen, und auch ein Refresh-Kommando führte im Test zu keinem Ergebnis. Erst das Öffnen des Title-Tools und das Speichern einer Kopie führte dann zu dem gerenderten Titel.

Ansonsten gibt es viele kleine Verbesserungen: beispielsweise wird im Informationsfenster die Clip-Information detailliert angezeigt, und es lässt sich einstellen, ob die Timeline mit dem Cursor mitwandert.

Protools Light

Die Audio-Effekte von Digidesign gehören zu den Stärken des Media Composers. Der Nachteil: Die Effekte mussten bisher immer erst einzeln berechnet werden. Mit dem neuen RTAS-Tool können jetzt bis zu fünf Audioeffekte auf eine ganze Spur angewendet werden — wie in einem ordentlichen Audioprogramm.

Die Wiedergabe der fünf Effekte läuft auf einem Dual-Intel-Rechner mit 2,4 Ghz ohne Probleme in Echtzeit, so dass man während der Wiedergabe an den einzelnen Einstellungen drehen und mithören kann. Allerdings sind fünf Echtzeiteffekte auch sehr wenig — das bietet heutzutage nahezu jedes Amateur-Audioprogramm. Man wird sie vielleicht nicht oft benötigen, aber mehr Effekt-Kanäle wären zeitgemäßer.

Wie schon beim Smart Tool und AMA wurden die alten Werkzeuge nicht angetastet, sondern einfach nur durch neue erweitert. Die Segment-Effekte mit der AudioSuite bleiben also ohne weitere Verbesserungen erhalten. Die RTAS-Effekte befinden sich in der in der Effektbibliothek und können über Drag and Drop angewendet und kopiert werden. Somit kann der Editor auch eigene Presets der Audioeffekte speichern — ganz so wie bei den Videoeffekten. Die grafische Oberfläche der RTAS-Effekte sieht so aus, wie man sie von professionellen Audioeffekten gewöhnt ist. Der Umfang unterscheidet sich von den DigiSuite-Effekten: die wichtigsten Effekte, etwa Compressor, Limiter, Gate und Hall-Effekte findet man aber. Leider ist die Dokumentation von Avid dürftig und es gibt keine umfangreiche Preset-Bibliothek für unterschiedliche Aufgaben.

Der Zugriff auf die Spureffekte kann direkt aus dem erweiterten Track-Selector-Panel in der Timeline erfolgen. Hier werden auch die Waveform-Darstellung und die Automationskurve mit je einem Klick ein- und ausgeblendet. Wenn die Samplerate der Audiodateien von der Projekteinstellung abweicht, wird die Waveform weiß und nicht schwarz dargestellt. Stereospuren lassen sich in der Timeline einfacher trennen. Umgekehrt können Spuren aber auch zu einer Multichannel-Audiodatei zusammengefügt werden.

Fazit

Der Media Composer 5 ist der nächste, große und wichtige Schritt bei Avid zu einem moderneren Schnittprogramm. Avid hat die Bedienung der Software intuitiver gestaltet, ohne jedoch erfahrene Avid-Cutter zu verschrecken. Wer will, kann weiterarbeiten wie bisher. Einige Besonderheiten hat Avid allerdings erhalten — sie verkomplizieren die Benutzerführung für Einsteiger unnötig.

Ein großes Plus ist nach wie vor die Zuverlässigkeit des Systems: Der Media Composer verrichtet stoisch seine Dienste. Allerdings bremsen native Medienformate den Media Composer immer noch ein und sind beispielsweise beim Multicam-Schnitt mit Vorsicht zu genießen.

Bei der Bedienung gilt dasselbe wie bei der Integration anderer Medienformate: Avid hat einen großen Schritt gemacht. Ein Stück des Weges fehlt allerdings noch.

Aus Testersicht gehören die erweiterten Audiofähigkeiten zu den besten neuen Funktionen, denn gerade kleinen Produzenten bleibt so vielleicht ein externes Audioprogramm erspart. Die Farbkorrektur und der Keyer gehören immer noch zu den Besten in einem Programm dieser Preisklasse. Schwächen hat der Media Composer allerdings noch beim Compositing in der Timeline und damit, dass die Videoeinstellungen projektbezogen und nicht sequenzbezogen sind.

Durch die Fülle an guten integrierten Tools relativiert sich der Preis des Media Composers gegenüber den preiswerteren Mitbewerbern aber zumindest teilweise. Die Einführung der Matrox MXO2 Mini als alternativer Hardware (siehe separater Report) zeigt zudem, dass Avid bei der Frage nach preiswerteren Alternativen zur eigenen Hardware reagiert.

NAB-Videoreport von film-tv-video.de: Bob Russo demonstriert die wichtigsten Features von Media Composer 5.
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Autor
Christoph Harrer, Nonkonform
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