Report, Top-Story: 09.03.2005

Klimawechsel

Nuri Bilge Ceylan ist Regisseur und Kameramann mit spannenden, provokanten Ansichten zum Thema HD. Sein bisher erfolgreichster Film ist »Uzak«, der unter anderem beim Filmfestival in Cannes mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. Nach zwei Spiel- und zwei Kurzfilmen auf 35-mm-Film, dreht Ceylan seinen aktuellen Film »Iklimler« in HD. (PDF-Download der Vollversion am Textende.)

Seinen aktuellen Film dreht Nuri Bilge Ceylan mit HDCAM. Im Oktober 2004 wurden die Sommerpassagen des Films abgedreht, die ungefähr die Hälfte des Films ausmachen, es fehlen noch die Herbst- und Winterpassagen. »Iklim« heißt Klima, »iklimlek« klimatisieren. Zum Inhalt des Films wollte der Regisseur noch nichts bekannt geben, der Titel bezieht sich bei einem Film von Nuri Bilge Ceylan aber ganz sicher stark auf innere Prozesse der Figuren. Für Ceylan war die erste Drehphase von »Iklimler« der erste Kontakt mit HD, nachdem er seine bisherigen vier Filme auf 35-mm-Film gedreht hatte, wobei er jeweils Regie und Kameraarbeit selbst in die Hand nahm.

»Nachdem ich auch in der Fotografie zur Digitaltechnik gewechselt hatte, war es für mich ein logischer Schritt, auch beim bewegten Bild den Wechsel zu vollziehen. Nun ist die Zeit reif dafür«, erläutert Ceylan. Wird er bei einem späteren Projekt wieder zum Film zurückkehren? »Ich glaube nicht, dass ich wieder zum Film zurückkehren werde. Der einzige relevante Nachteil, den ich bei HD sehe, ist die im Vergleich zum Bildfenster bei Film geringere Chipgröße und die daraus resultierende größere Schärfentiefe. Bei meinem Filmstil kann ich das aber ganz gut ausnutzen und größere Schärfentiefe muss ja auch gar nicht immer negativ sein.«

Anders als bei den bisherigen Projekten führt Nuri Bilge Ceylan bei »Iklimler« nicht selbst die Kamera. »Das liegt aber nicht daran, dass ich das nicht wollte, sondern daran, dass ich in diesem Film auch erstmals selbst als Schauspieler arbeite – was ich im Übrigen nie wieder tun will. Ich will dagegen zukünftig wieder selbst die Kameraarbeit übernehmen, das ist mir wichtig, denn dann sehe ich schon beim Drehen meinen eigenen Film, was jetzt, wenn ich vor der Kamera stehe, nicht der Fall ist. (…) Ich muss allerdings auch sagen, dass ich es beim Drehen mit 35 mm gar nicht gewagt hätte, selbst in dem Film eine Rolle zu spielen. So gesehen gab mir HD die Möglichkeit, diese Erfahrung zu sammeln.«

»HD hilft dem Schauspiel«, sagt Nuri Bilge Ceylan und führt in diesem Zusammenhang auch finanzielle Aspekte an: »Mit HD kann ich auch mal mehr als fünf oder sechs Takes machen, bis die Szene schauspielerisch optimal sitzt. Beim Arbeiten mit HD muss man schauspielerisch schwache Szenen nicht mehr aus Kostengründen akzeptieren. HD ermöglicht dadurch kraftvolleres Storytelling. Wenn man mehr Wiederholungen macht, dauert das Drehen mit HD vielleicht etwas länger. Andererseits verliert man auch keine Zeit durch den Filmwechsel.«

Einen weiteren Aspekt führt Ceylan hierbei noch an: »Zu meiner Art Filme zu machen gehört es, am Set zu improvisieren. Außerdem mache ich auch sehr lange Einstellungen. Da können die 4-Minuten-Rollen beim 35-mm-Film eine Belastung und ein Hemmnis darstellen, wenn man nicht weiß, ob eine Einstellung, wenn sie sich vor der Kamera weiterentwickelt, noch auf die Rolle passt. Bei HD gibt es dieses Problem nicht: Selbst wenn die Einstellung 10 Minuten dauert, geht das problemlos. Außerdem fallen die ständigen Unterbrechungen durch den Filmwechsel weg, die schon sehr störend sein können und unter denen die Stimmung einer Einstellung und die Konzentration der Darsteller leiden können.«

Birgt das vergleichsweise preiswerte Aufnahmemedium nicht auch die Gefahr, viel zu viel Material anzuhäufen? »Bei meinen früheren Langfilmen habe ich jeweils etwa 230 Rollen Film belichtet. Jetzt mit HD komme ich auf etwa sechs Mal so viel Material, ich werde am Ende wohl 90 statt 15 Stunden Material haben. Endlos Material zur Verfügung zu haben, führt natürlich nicht immer zu einem besseren Film, man muss sich schon kontrollieren. Dieses kontrollierte Arbeiten mit mehr Material ermöglicht HD aber.«

»Mit HD kann ich am Set einfach mehr ausprobieren und ich habe im Schnitt mehr Material zur Auswahl«, erläutert Nuri Bilge Ceylan: »Für mich ist das Editing ohnehin der schönste Teil des Filmemachens. Hier mehr Material zu haben, das sehe ich absolut positiv. Ich finde, beim Schneiden sollte man das Script vergessen und eine neue Balance finden. Mit mehr Material ist kreativeres, überraschenderes Editing möglich, hier kann im Schnitt viel Neues entstehen.«

Wirkt das Medium also auch auf den Stil eines Filmes zurück? Das sieht Nuri Bilge Ceylan für sich selbst nicht so: »Ich glaube nicht, dass HD meine Arbeit und meinen grundlegenden Stil, Filme zu machen, verändert. Ich bin aber sicher, dass durch HD auch ganz viele neue Stile entstehen werden und in vielen Fällen deren Umsetzung überhaupt erst möglich wird. Durch die Verbreitung von HD werden mehr türkische Kinofilme entstehen. Derzeit sind das etwa 20 Filme pro Jahr und diese Zahl wird wachsen, das Kino wird sich weiter demokratisieren.«

Beim Drehen von »Iklimler« wird gleichzeitig zum HD-Material auch ein down-konvertierter DV-Mitschnitt aufgezeichnet. Den nutzt Nuri Bilge Ceylan, um sich am Set Szenen an zu schauen und auch in der späteren Postproduktion spielt das DV-Material eine Rolle: »Die Qualität auf DV ist um so viel besser als die üblichen Video-Assist-Systeme, das finde ich sehr angenehm und es hilft mir schon am Set ungemein.«

Gedreht hat Nuri Bilge Ceylan den ersten Teil von »Iklimler« mit dem HDCAM-Camcorder HDW-F900 von Sony, bei den weiteren Dreharbeiten soll teilweise auch die Version HDW-F900/III und die Kombination aus der Kamera HDC-950 und dem Recorder SRW-1 zum Einsatz kommen. »Einen großen Monitor hatten wir nicht am Set, den brauche ich gar nicht. Mir reichte ein portabler 7-Zoll-Schirm, den wir vor Ort hatten. Nun, da ich weiß, was HD kann, reicht es mir bei zukünftigen Dreharbeiten wahrscheinlich aus, wenn ich den Farbsucher der Kamera habe, auf einen zweiten, größeren Monitor am Set kann und werde ich wohl verzichten.«

Keine Angst vor der neuen Technik? »Wenn man die Technik kennt, muss man keine Angst haben. Es gibt beim Drehen in HD aus meiner Sicht kein Risiko, das nicht tragbar wäre, denn das Risiko besteht letztlich nur darin, vielleicht etwas Detail zu verlieren. Selbst das ist aber nach meinem Verständnis kein wirkliches Problem, wenn alles andere stimmt. Solche Detailverluste stören eigentlich nur die Kameraleute. Ich mache meine Filme aber gar nicht für Kameraleute. (…) Weil ich bisher keine eigene HD-Kameraerfahrung hatte und weil ich bei diesem Film eben auch vor der Kamera stehe, bin ich froh, einen DoP dabei zu haben, aber in Zukunft werde ich selbst wieder die Kamera bedienen.«

Wie begegnet Nuri Bilge Ceylan der Situation, dass HD bei bestimmten Lichtsituationen Probleme hat? »Ich empfinde das gar nicht so und halte vieles davon für Gerüchte. Wir haben ohne jegliche In-Camera-Effekte gearbeitet und einfach ein flaches, ausgeglichenes, nicht mit irgendwelchen Signalveränderungen aufgemotztes Bild aufzeichnet. Dabei traten keinerlei Probleme auf und die HD-Kamera machte auch bei schwierigen Lichtverhältnissen optimale Bilder. HD erlaubt es, viel kreativer Licht zu setzen, mehr zu wagen. So drehten wir etwa eine Einstellung mit einem Fenster im Bild und setzen dabei wie üblich Licht. Dann fingen wir an, die Lichter der Reihe nach wieder aus zu schalten, und das Bild gefiel uns mit sehr wenig zusätzlichem Licht am besten. (…) Die Lichtempfindlichkeit der F900 entspricht in etwa 320 ASA. Damit kann man sehr viel auch ganz mit Available Light drehen, was ich ohnehin gerne mag. Selbst wenn man die Verstärkung zuschaltet, sieht das Bild meistens noch sehr gut aus, das Rauschen fand ich auch bei höheren Verstärkung-Levels meist noch akzeptabel. Beim Drehen mit Available Light bietet HD viele Vorteile: Man sieht das Ergebnis und kann das Risiko viel besser kontrollieren.«

Ist die Technik wichtig? Dazu hat Nuri Bilge Ceylan eine klare Sicht: »Beim Filmemachen geht es um die Schauspielerei, den Filmstil und die richtige Blende.«

Geht man bei diesem Themenaspekt etwas tiefer und befragt Nuri Bilge Ceylan zu den typischen Aussagen, die andere Kameraleute und DoPs zum Thema HD treffen, bekennt Ceylan mit einer emotionalen Aussage Farbe: »Früher, zu Zeiten des 35-mm-Films, waren die DoPs mächtiger, nur sie konnten am Set sagen, was wie aussehen wird. Jetzt mit HD sieht man das Ergebnis sofort, es gibt keine Geheimniskrämerei und keine Ausreden mehr. Die DoPs sind dadurch nicht mehr länger die Helden am Set. Deshalb wehren sich viele von ihnen gegen HD. Viele DoPs agieren ohnehin wie Terroristen am Set. Man könnte im manchen Fällen sogar sagen: Sie stellen das größte Hindernis beim Filmemachen dar. Und sie lieben das Filmkorn.« Damit hat Ceylan einen anderen Aspekt angesprochen, bei dem er in Fahrt gerät: »Was ist so toll am Korn? Warum sollte man Korn zufügen? Aus Nostalgie? Ich will meine Bilder so scharf wie möglich und ohne Korn auf der Leinwand sehen. Ich will mit HD keinen wie auch immer gearteten Filmlook nachempfinden.«

Die Farbwiedergabe von HD-Aufnahmen, immer wieder ein intensiv diskutiertes Thema, findet Nuri Bilge Ceylan realistischer, als wenn man auf Film dreht: »Davon kann man sich aber in der Postproduction auch wieder problemlos lösen, wenn man das will. Ich mag aber ohnehin realistische Bilder am liebsten, deshalb kommt mir HD hier entgegen.«

Zur Qualität von HD und den Vergleichen, die zu 35-mm-Film gezogen werden, sagt er nur: »Ich glaube was ich sehe. Und soweit ich bisher gesehen habe, bietet 35-mm-Film am Ende der Herstellungskette im Kino auch nicht mehr als HD. Ich wünsche mir ohnehin, dass sich D-Cinema durchsetzt, denn durch die Rückbelichtung auf Film verliert man nur Qualität.«

Zu den Dauerthemen Objektive und Bildformat, die ebenfalls oft diskutiert werden, wenn es um HD fürs Kino geht, fasst Nuri Bilge Ceylan seine Erfahrungen so zusammen: »Ich arbeite generell lieber mit Festbrennweiten und wollte ursprünglich auch gar keine Zoomobjektive nutzen. Bei den Tests stellten wir dann fest, dass Zoom und Festbrennweiten in der Schärfewiedergabe ziemlich voneinander abwichen. Um das zu kompensieren, haben wir, wenn es nötig war, diesen Unterschied mit einer leichten Backfocus-Dejustage ausgeglichen. Damit passen die Bilder wieder sehr gut zusammen und ich setzte dann tatsächlich beim Drehen Zooms und Primes ein.«

Vier Aspekte waren für Nuri Bilge Ceylan besonders wichtig beim Drehen mit HD: »Es ist billiger, kontrollierbarer, man kann das Licht viel besser steuern und man sieht das Endergebnis schon am Set.« Aber auch zum Ton hat er eine interessante Sichtweise: »Ich drehe sehr viel mit Originalton. Der Ton, den wir mit HDCAM aufnehmen, ist viel besser als das, was ich mit meinem Fostex-DAT bekommen würde, weil HDCAM 24-Bit-Ton bietet.«

Den Schnitt von »Iklimler« will Nuri Bilge Ceylan nach Ende der Dreharbeiten mit einem Freund zusammen auf Basis des beim Dreh schon down-konvertierten DV-Materials mit der Software Premiere erledigen. Das Conforming mit dem HD-Material erfolgt dann beim türkischen Postproduction- und Rental-Haus Imaj, von dem auch das HD-Equipment für den Dreh angemietet war. Im nächsten Schritt soll dann das Color Grading erfolgen, wahrscheinlich am Lustre-System von Imaj. Aus dem HD-Master werden dann zwei Negative belichtet: Eine Originalfassung und eine Version mit französischen Untertiteln. Dabei sollen tatsächlich zwei Negative im Tape-to-Film-Prozess belichtet werden, um den sonst üblichen Interpositiv / Internegativ-Prozess zu vermeiden.

Die französischen Untertitel geben schon eine Richtung vor, in die »Iklimler« zielen könnte und vielleicht gelingt es Nuri Bilge Ceylan mit seinem ersten in HD gedrehten Film ja, den Erfolg von »Uzak« zu wiederholen oder gar zu toppen.

Downloads zum Artikel:

T_0305_NBCeylan.pdf

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Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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