Top-Story, Veranstaltung: 23.10.2018

Roger Deakins: Künstler und Kameramann

Der britische Kameramann Roger Deakins verriet bei einer Veranstaltung an der HFF München den Studenten einiges über seine Arbeit.

Roger Deakins gehört zu den großen DPs. Bereits 14 Mal wurde er für den Oscar nominiert und in diesem Jahr für seine Arbeit an »Blade Runner 2049« auch endlich ausgezeichnet. Für Studenten – und nicht nur für sie – ist es daher ein Highlight, wenn sich einer wie er ihren Fragen stellt. Arri machte dies möglich und holte den Kameramann zu einem Event an die HFF nach München, wo er mit seiner Frau James Ellis Deakins, dem HFF Kamera-Professor Tom Fährmann und mit Franz Kraus (Arri und HFF) zwei Stunden lang auf dem Podium saß. Während der Q&A-Runde gab es immer wieder Einspieler aus etlichen seiner Produktionen zu sehen, zu denen Tom Fährmann und Franz Kraus dann zusammen mit den Studenten Fragen an das Ehepaar Deakins richtete.

Das Auditorium der HFF war bis auf den letzten Platz besetzt, ins angrenzende HFF-Kino gab es eine Live-Übertragung.

Wie begann die Karriere des Oscarpreisträgers? Zunächst einmal mit einer Ablehnung, berichtet Deakins, doch dann konnte er ein Jahr später doch noch an der damals neu gegründeten National Film and Television School in London studieren und in dieser Zeit etliche Dokumentarfilme drehen. Bei dieser Arbeit, so Deakins, habe er viel gelernt, weil man als Dokumentarfilmer spontan reagieren müsse und dabei ein Gespür dafür entwickle, welche Bilder funktionierten. Zum Spielfilm gelangte er, weil ihn sein Studienkollege Michael Radford für die Verfilmung des George-Orwell-Romans »1984« gewann – von da an blieb Deakins dem Spielfilm treu.

Er drehte große Kassenschlager, aber auch kleinere Independent-Produktionen, und sein Ansatz ist letztlich immer ähnlich: Es gehe darum, eine Geschichte zu erzählen und dafür die besten Bilder zu finden. Wenn niemand ein Wort über die Kameraarbeit verliere, sei dies das größte Kompiment für seine Arbeit, weil dann alles perfekt ineinandergreife. Am Beispiel des Films »Die Verurteilten« zeigte Deakins, was er damit meint: Schon nach wenigen Augenblicken ist man zu Beginn des Spielfilms mitten in der Geschichte, die sich in einem Gefängnis abspielt. Das wollte Deakins so realistisch wie möglich abbilden, und wie immer spielte die Lichtgestaltung für ihn dabei eine entscheidene Rolle. Lichtsetzen, sagte er, könne bedeuten, dass man unzählige HMI-Lampen einsetze, aber auch, dass man nur minimal ausleuchte.

Als Beispiel für Dunkelheit gab es eine eindrucksvolle Szene aus »Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford« zu sehen, in der Brad Pitt als Jesse James mit seiner Bande bei Nacht einen Zug überfällt. Deakins berichtet, dass Regisseur Andrew Dominik hier absolute Dunkelheit wollte und der Zug quasi aus dem Nichts auftauchen sollte. Der Begriff »Dunkelheit« sei aber nach seinem Empfinden durchaus dehnbar, weshalb er sich mit einigen zusätzlichen Lampen am Set absicherte. Schlussendlich setzte er sie aber nicht ein. Regisseur Andrew Dominik, so Deakins, habe tatsächlich echte Dunkelheit gemeint, aber was Dunkelheit im Motiv bedeutet, lege eben jeder Regisseur ganz unterschiedlich aus.


Train Robbery Scene – für Ungeduldige ab 2:50.

Deakins spricht damit einen wichtigen Punkt an: Die Kommunikation am Set und mit dem Regisseur ist enorm wichtig, und schon zu Beginn einer Produktion sei es anzustreben, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Wenn man sich nicht einig sei, sollte man ein Projekt besser verlassen. Heute, so Deakins, könne er sich seine Projekte aussuchen, aber auch in früheren Phasen sei es ihm immer wichtig gewesen, eine gemeinsame Vision zu haben – und im Zweifel sei dann ein Projekt auch mal geplatzt.

Was die Kommunkation am Set betreffe, nehme außerdem seine Frau James eine enorm wichtige Rolle ein und fungiere als Puffer zwischen ihm und der »Außenwelt«. Das erlaube ihm die absolute Konzentration auf die Bildgestaltung, betont Deakins.

V. r. n. l.: Franz Kraus, Tom Fährmann, James und Roger Deakins.

Eine völlig unverkrampfte Rolle nimmt Deakins in Bezug auf die Technik ein: Diskussionen über Analog- und Digitaltechnik hielt er schon immer für zweitrangig. Für ihn und seine persönliche Arbeit sei mit der Arri Alexa der richtige Zeitpunkt gekommen, digital zu arbeiten. Seither arbeite er nahezu ausschließlich digital. Wichtig, so Deakins, ist ihm einzig die Bildgestaltung – nicht aber das Aufzeichnungsmedium. Das gilt für ihn auch in der anderen Richtung, wenn es etwa darum geht, dass Digitaleffekte auch wirklich nur da eingesetzt werden, wo sie sinnvoll sind. Bei »Bladerunner 2049« etwa seien sehr viele Sets tatsächlich gebaut worden, was für seine Lichtgestaltung wichtig gewesen sei. Deakins ist sich zudem sicher, dass auch die Schauspieler davon profitieren, wenn sie sich statt vor Greenscreen in einem echten Raum bewegen können.

Genausowenig wie es Deakins scheut, neue Technik einzusetzen, scheut er sich, sie abzulehnen, wenn er das Gefühl hat, dass sie seiner Arbeit im Weg steht. 3D-Technik etwa hält er für eine Spielerei, die beim Erzählen einer Geschichte keinerlei Vorteile biete. Deshalb drehe er auch nicht in 3D, wenngleich es manchen seiner Filme in 3D gebe, weil das Studio darauf bestehe und aus der 2D-Version dann noch eine 3D-Version konvertiert werde.

Wie wichtig Deakins die Lichtgestaltung ist, konnte man an einen weiteren Bildbeispiel aus dem James-Bond-Film »Skyfall« sehen: James Bond kämpft hier in einer verglasten Büroetage in einem Wolkenkratzer mit einem Killer, im Hintergrund Neonlichter und die Skyline Shanghais. Deakins hat hier mit dem Spiel aus Licht, Schatten und Spiegelungen gearbeitet. Gedreht wurde dabei auf einem Set in den Londoner Pinewood-Studios, und für die Beleuchtung nutzte Deakins einzig das Licht der zwei tatsächlich vorhandenen LED-Werbescreens.


James Bond, »Skyfall«. Kampfszene Shanghai – ab ca. 5:10.
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red
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