Branche, Film, Filmförderung, Kino, Licht, Top-Story, Veranstaltung: 31.01.2019

Nachhaltigkeit und Umweltschutz: beim Drehen und im Kino

Das Interesse an umweltgerechtem Produzieren und Projizieren ist groß. Passend dazu lud die Bundestagsfraktion der Grünen Ende Januar in Berlin zu einem Fachgespräch über Nachhaltigkeit beim Drehen und im Kino ein.

Als Slogan stand unter dem Fachgespräch: »Grüner wird es nicht von allein«. Und so kreiste das Thema darum, dass trotz einiger positiver Beispiele und großem Idealismus offenbar in der Praxis noch etliche Hürden den Willen zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz bremsen.

Die Filmwirtschaft ist mit einem Umsatz von 8,5 Mrd. Euro keine ganz kleine, überdies aber auch eine intensiv geförderte Branche. Darum stehe die Filmwirtschaft auch in der Pflicht gegenüber der Gesellschaft, erläuterte Grünen-MdB Tabea Rößner einleitend. Einiges ist demnach im Gange. Es gehe aber auch darum, »einige Hürden abzubauen« — so das Fazit der mehrstündigen Diskussion mit Vertretern von beiden Enden der Wertschöpfungskette.

Philip Gassmann, Regisseur und Produzent, berichtete über das oft begeisterte Echo bei seinen Vorträgen zum Thema Green Film Production. Dass Schauspieler zunehmend bereit sind, per Bahn statt Flieger zum Dreh zu reisen und dass das Catering in Sachen Geschirr und Besteck umdenkt, ist aber nur ein Anfang. Gassmann beschrieb einige alltägliche Hindernisse: Zurzeit gibt es beispielsweise kaum Stromaggregate mit Partikelfiltern und weder PKWs noch LKWs mit Hybridantrieben im Verleih. Auch Scheinwerfer mit höchsten Lichtleistungen, wie man sie teilweise in der Filmtechnik braucht, sind  in LED-Technologie nicht verfügbar. Nachhaltig produzierten Strom on Location aufzuschalten sei oft nicht finanzierbar. Die Konsequenz: »Eine richtig grüne Produktion gibt es so gut wie gar nicht«. Dabei könnten etwa Erdgas-Autos und LED-Licht helfen, Betriebskosten zu sparen und höhere Investments vergleichsweise frühzeitig zu refinanzieren. Letztlich werde leider nicht die effektive, sondern die aufwändige Produktionsweise belohnt.

Über nachhaltiges Produzieren diskutierten Wolfgang Becker, Tabea Rößner, Korina Gutsche und Philip Gassmann in Berlin (v.l.n.r.).

Gassmann forderte unter anderem, einerseits die Ausbildung von Fachkräften in den einzelnen Filmgewerken in Sachen Nachhaltigkeit voranzutreiben, andererseits aber auch die Produzenten zu sensibilisieren. Eine speziell dafür zuständige Person für Nachhaltigkeit, die als »gleichberechtigtes Gewerk« Produktionen vor und während des Drehs begleite, regte Beraterin Korina Gutsche an. Immerhin erkennt die MFG Baden-Württemberg – als erste Länderförderung – die Kosten eines »Green Consultants« teilweise an. Die Bemühungen der Filmförderungsanstalt (FFA) bezüglich der aus der Branche finanzierten Förderungen stehen ebenso erst am Anfang wie die mehr als nur verbale Würdigung nachhaltiger Produktionsweisen durch die Förderungen der meisten Bundesländer und des Bundes.

Passt im Norden: Die Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein nennt sechs Bereiche »grünes Potenzial« von Filmproduktionen
Ausstattung: Reduzierung von Elektromüll, Recycling, ökologisch unbedenkliche Materialien.
Catering: Regionale und saisonale Produkte, Mehrweggeschirr, Vermeidung von Plastikbechern und -flaschen, nachhaltiges Abfall-Management.
Produktionsbüro: Vermeidung von Druckerzeugnissen, umweltfreundliches Papier doppelseitig bedrucken, elektronische Dispo, Umweltbeauftragter für die gesamte Produktion, strikte Mülltrennung sowie Ökostrom.
Transport, Mobilität: Fahrgemeinschaften, soweit möglich Einsatz von E-Autos und Hybridfahrzeugen, Vermeidung von Flugreisen.
Licht, Technik: Energieeffiziente Lichttechnik, feste bzw. aufladbare Stromquellen am Set, Vermeidung von Generatoren.
Erstellung einer CO2-Bilanz.

Bestrebungen, den Problemfeldern entgegenzuwirken, gibt es: Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein hat, wie FFA-Beraterin Birgit Heidsiek mitteilt, seit 2012 Kriterien für nachhaltiges Produzieren entwickelt und würdigte Produzentenbemühungen bisher mit 140 grünen Drehpässen.

Wolfgang Becker, der als Leiter der Abteilung Szenische Eigen- und Auftragsproduktionen im SWR auch für Nachhaltigkeit verantwortlich ist, stellt zunächst fest, dass Entscheider oft erst an die allgemeine Erfahrung erinnert werden müssen, dass Investitionen in Nachhaltigkeit durchaus höher sein können als in konventionelles Equipment. Die Idee des »Green Consultant« treibt er noch weiter und fordert eine Zertifizierung für Produzenten. Der SWR vermittle künftigen Aufnahmeleitern entsprechende Basiskenntnisse. Die Branche müsse ihre Sichtbarkeit nutzen und beispielgebend vorangehen, fordert ein Vertreter aus dem Bundesumweltministerium. Dazu könne eine Zertifizierung nach österreichischem Vorbild beitragen, die in das deutsche System »Blauer Engel« integriert werden könnte.

Kinos: Investments in Nachhaltigkeit öffentlich torpediert?

Grundlegende Defizite treten auch bei den Kinos, den Stiefkindern der Filmförderung, zutage. Die wirtschaftliche Situation gerade kleiner unabhängiger Betriebe sei ohnehin kritisch und »der Topf für die Kinoförderung marginal«, klagt Kinobetreiber Christian Pfeil (Arena Filmtheater Betriebe). Die Abhängigkeit der FFA-Förderetats vom Kinobesuch (über die Kinoabgabe) dürfte wegen des Zuschauereinbruchs von 2018 deren Situation in diesem Jahr noch verschärfen. Zudem treibe die Digitalisierung die Betriebskosten hoch, so Pfeil. So sind etwa die Stromkosten für Projektion und IT — die 24/7 laufen muss — erheblich gestiegen, und das müssten die Betriebe allein schultern.

Nach Pfeils Erfahrung sind auch die Förderbedingungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau für Kinos kontraproduktiv: sie sind nicht mit den FFA-Förderungen für Investments in Filmtechnik kombinierbar. »Für einen Wirtschaftsförderer sind wir ein marginaler Betrieb«, klagt Pfeil. Er schlägt daher vor, alle Nachhaltigkeitsförderungen für Kinos — auch aus anderen Töpfen — bei der FFA zusammenzufassen. Gleichwohl sei einiges machbar, weit über ein Plastikverbot (Trinkhalme, Becher, Bestecke) hinaus. Auch sei das Fehlen von Popcorn in einigen seiner Kinos »gar nicht aufgefallen« und gezapftes Mineralwasser statt Flaschen auszugeben, werde gut angenommen.

Die FFA gibt Das grüne Kinohandbuch heraus und betreibt den Blog Grünes Kino.

Birgit Heidsiek, FFA-Beauftrage Grünes Kino, hat im Auftrag der das FFA das Grüne Kinohandbuch produziert, das über rechtliche Anforderungen und Einsparpotenziale in den Handlungsfelder Energieeffizienz, Ökostrom, Concession und Abfallmanagement informiert. Zudem wird anhand von rund 50 »Best Practice«-Beispielen aufgezeigt, welche ressourcen- umd umweltschonenden Maßnahmen Kinobetreiber bereits erfolgreich umgesetzt haben.

Auch Korina Gutsche stellt energetische Gebäudesanierung, Lichtsysteme, den Bezug von Energie, Wärme, Wasser und die Entsorgung in Zusammenhang mit den kinospezifischen Aspekten: Darunter sind etwa auch Concession, Mobilität der Kinobesucher und nicht zuletzt auch die Programminhalte zu nennen. Das von Gutsche geleitete Projekt Kino.Natürlich der AG Kino/Gilde ist seit Ende Januar 2019 online. Interessant: Als Förderer und fachliche Begleiter werden hier das Bundesumweltministerium und das Umweltbundesamt genannt.

Forderungen zeichnen sich auf beiden Seiten ab

Nach der mehr als dreistündigen Veranstaltung zeichneten sich einige Aufgaben der Politik auf Bundes- wie Länderebene ab, um die quasi systemischen Mängel zu beseitigen und Nachhaltigkeit in der Filmbranche durch politische Maßnahmen zu unterstützen:

  • Bei vielen Förderungen fehlt eine Einbindung von Aspekten der Nachhaltigkeit.
  • Bei den Filmförderern und Sender-Gremien fehlt es bisweilen an der Erkenntnis, dass Investments in umweltfreundliche Leistungen und Dienste teurer sein können als konventionelle.
  • Die Nachhaltigkeitsaspekte von Produktionen sollten förderfähig sein, wo sie höhere Kosten als konventionelle Produktionsweisen bedingen.
  • Verleiher von Filmtechnik werden zu höheren Investitionen in umweltfreundliche Produkte aufgefordert. Sie haben dann aber noch weniger Chancen, ihr Engagement zu refinanzieren, als mit konventioneller Technik. Daraus ergibt sich die Forderung nach Förderung von Investitionen in nachhaltiges Equipment.
  • Es fehlt an Aus- und Weiterbildungen für Produzenten und Gewerke und einer Zertifizierung von Fachleuten im nachhaltigen Produzieren. Deren Mitwirkung muss förderfähig sein.
  • Kinos brauchen eine Kopplung der Förderungen energetischer Baumaßnahmen und kinospezifischer Investitionen. Kleine Kinos sollten wegen der hohen digitalen Betriebskosten unterstützt werden.
  • Aufforderungen richten sich auch an andere Branchen: Es fehlen z.B. Hybrid-PKWs und LKWs sowie Stromerzeuger mit Partikelfilter im Verleih. Der befristete Bezug von Ökostrom on Location muss möglich und bezahlbar werden.

Veranstaltungshinweis

Neue Allianzen braucht das umweltfreundliche Filmland: Das Kulturstaatsministerium und das Bundesumweltministerium wollen während der Berlinale »Grünes Drehen – Filmproduktion und Nachhaltigkeit zusammenbringen«. Am 12. Februar 2019 diskutieren Claudia Steffen (Produzentin, Pandora Film), Carl Bergengruen (MFG Filmförderung Baden-Württemberg), Lars Jessen (Regisseur und Produzent), Marcus Ammon (Sky Deutschland) und Josef Reidinger (Arri Media). Weitere Informationen zur Veranstaltung und Online-Anmeldung.