Branche, Top-Story: 30.11.2005

Simulcast: HD-Strategie von ProSiebenSat.1

Im Oktober 2005 begann die ProSiebenSat.1-Gruppe, ihr Programm parallel zu SD auch in HD auszustrahlen. Der mutige Schritt der Sendergruppe wurde und wird in der Branche intensiv diskutiert und dabei positiv wie auch negativ bewertet — besonders weil der Großteil des Programms derzeit aus hochkonvertiertem SD-Material besteht. Dr. Martin Emele, Head of Technology, erläutert für www.film-tv-video.de die Strategie, die hinter dieser Entscheidung steckt und fasst die Sichtweise der Sendergruppe zum HDTV-Start zusammen (PDF-Download am Textende).

Mit dem Start der HD-Programme von ProSieben und Sat.1 hat die ProSiebenSat.1-Gruppe ihre Innovationskraft und Technologieführerschaft erneut unter Beweis gestellt. Wie schon bei der Einführung von Dolby Digital versteht die ProSiebenSat.1 Media AG diesen Schritt als Initiative zur Weiterentwicklung des Fernsehens. Das überwiegend positive Echo aus Industrie und Medien auf unseren Vorstoß, der den »gordischen HD-Knoten« zum ersten Mal zerschlagen hat, bestätigt uns in dieser Annahme. Ab sofort ist es für Handel und Industrie sehr schwer, die mangelnde Verfügbarkeit oder die hohen Preise von Geräten mit dem Fehlen von Inhalten zu begründen. Je mehr Programmanbieter und Gerätehersteller sich nun dieser Initiative anschließen, desto besser für alle Beteiligten, die das Thema HDTV endlich auch in Europa voranbringen möchten.

Bei all der positiven Resonanz auf unsere Initiative und unserem ehrlich gemeinten Engagement für HDTV, ist Kritik an der HD-Initiative der ProSiebenSat.1-Gruppe zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur leicht, sondern auch billig. Argumente wie fehlende Receiver und upkonvertierte Inhalte wurden in den vergangenen Wochen nicht nur oft bemüht, sondern auch — bewusst oder unbewusst — in einen missverständlichen Kontext gestellt.

Eine komplette Ausstrahlung in echtem HDTV gleich zu Beginn hat die ProSiebenSat.1 Media AG zu keinem Zeitpunkt angestrebt, noch in Aussicht gestellt. Die Ausstrahlung von upkonvertierten Inhalten war immer Bestandteil unseres HDTV-Angebots auf den Programmplätzen, auf denen kein natives HD-Material zur Ausstrahlung vorliegt. Mehr noch: Eine Komplett-Umstellung von Vollprogrammen auf HDTV ist derzeit weder realistisch noch wirtschaftlich darstellbar. Darüber hinaus wäre es grob fahrlässig, eine objektive wirtschaftliche Betrachtung außer Acht zu lassen und allein dem technologischen Fortschritt zu huldigen. So würde beispielsweise eine Produktion und Ausstrahlung in nativem HD allein im Bereich der aktuellen Produktion einen signifikanten Investitionsbedarf in Studiotechnik bedeuten, der sowohl kurz- als auch mittelfristig nicht zu realisieren ist. Aus diesem Grund beginnen wir als Free-TV-Anbieter, dessen HDTV-Angebote ohne Abonnement-Gebühren frei empfangbar sind, den Schritt in die Zukunft mit Umsicht und erhöhen den Anteil an nativem HD sukzessive.

Betrachtet man die hochaufgelösten Bilder einmal vorurteilsfrei, müssen auch HD-Puristen anerkennen, dass hochkonvertiertes, natives SD immer noch weit besser aussieht als alles, was sonst derzeit zu empfangen ist. Immerhin bedeutet es einen erheblichen Unterschied, ob ein unkomprimiertes SD-Signal mit den professionellen Geräten einer Broadcast-Unit hochgerechnet wird oder in komprimierter Form zum Zuschauer gelangt und dann von einem Consumer-Gerät in eine für den Flatscreen passende Auflösung konvertiert wird. Ein mit mehr Datenrate gesendetes SD-Signal (8 bis 10 Mbps), das von Seiten der öffentlich-rechtlichen Sender immer wieder ins Spiel gebracht wird, bringt unserer Meinung nach zwar eine Qualitätsverbesserung, berücksichtigt aber nicht den stetig wachsenden Anteil an nativen HD-Programminhalten. Einem solchen Schritt würde folglich die strategische Perspektive fehlen — auch aus diesem Grund haben wir uns für eine Upkonversion auf den Kanälen Sat.1 HD und ProSieben HD entschieden. Zum Vergleich: Auch bei der Einführung des Farbfernsehens hat es fast 15 Jahre gedauert, bis das Programm größtenteils in Farbe zu empfangen war.

Natürlich ist auch für uns der Anteil der Haushalte, die tatsächlich HDTV empfangen können, mittelfristig mitentscheidend über den Erfolg oder Misserfolg von HDTV. Wir gehen davon aus, dass sich bereits nach der WM 2006 absehen lässt, ob HDTV in Deutschland eine erfolgreiche Zukunft vor sich hat. Natürlich sind wir vom Erfolg des Fernsehens der Zukunft überzeugt, stellen unser Engagement zu diesem Zeitpunkt jedoch noch einmal auf den Prüfstand. Eines steht allerdings bereits jetzt fest: Im deutschsprachigen Europa wird in Zukunft jeder HDTV-Haushalt ein ProSiebenSat.1-HDTV-Haushalt sein.

Einige Worte zum Vorwurf, dass mangels geeigneter, zum Empfang notwendiger Set-Top-Boxen in den zuschauerlosen Raum gesendet würde: Tatsache ist, dass zum Empfang von Sat.1 HD und ProSieben HD — neben »HD ready«-Displays — auch Dekoder notwendig sind, die sowohl mit dem neuen Kompressions-Standard MPEG-4 als auch dem Modulationsverfahren DVB-S2 umgehen können. Für diese technologischen Standards hinsichtlich Kompressions- und Modulationsverfahren haben wir uns entschieden, da wir davon überzeugt sind, dass sie sowohl zukunftsgerichtet wie auch wirtschaftlich sinnvoll sind. Von Seiten der Geräteindustrie war uns versichert worden, dass entsprechende Empfangsgeräte zeitnah zum Sendestart von Sat.1 HD und ProSieben HD in den Fachhandel gelangen sollen. Die verspätete Marktpräsenz der Dekoder ist natürlich ein ebenso hemmender Faktor wie die nicht erfolgte Einigung der DVD-Industrie auf einen einheitlichen HD-Standard. Hier hätten wir es lieber gesehen, wenn die nächste Generation von hochauflösenden DVD-Playern schon zum Weihnachtsgeschäft 2005 auf den Markt gekommen wäre.

Wir als Programmanbieter können keinen direkten Einfluss auf die Hersteller ausüben. Selbstverständlich bedauern wir sehr, dass die Dekoder-Boxen nicht zum Start unserer HDTV-Angebote verfügbar gewesen sind. Glücklicherweise konnten wir mit Prototypen die zukünftige Qualität im Rahmen der Medientage München präsentieren. Wir sind zuversichtlich, dass die notwendigen Geräte in den nächsten Wochen in den Fachhandel gelangen und die Zuschauer sich über hochauflösende Bilder in bislang nie gekannter Auflösung freuen werden. Wir selbst haben inzwischen weitere Prototypen zur Verfügung, die uns zeigen, welche großen Fortschritte die Geräteindustrie macht. Dass sich auf europäischer Ebene inzwischen alle Entwicklungsenergie bezüglich Dekoder auf Deutschland konzentriert, ist nicht zuletzt unseren Ausstrahlungen zu verdanken. Die kurze Phase der dekoder-losen Zeit wird rückblickend an Bedeutung verlieren. Es wird die ProSiebenSat.1 Media AG sein, die HDTV in Europa als erster Broadcaster eingeführt und damit einen entscheidenden Schritt in die Zukunft gewagt hat.

Downloads zum Artikel:

T_1105_Emele_HD.pdf

Autor
Dr. Martin Emele
Schlagwortsuche nach diesen Begriffen
Branche, Top-Story