Editorial, Kommentar, Top-Story: 15.02.2007

Material Girl?

Am Wochenende steht in der Filmbranche wieder mal eine Preisverleihung an: Die Jury der Berlinale verteilt goldene und silberne Bären — oder auch mal nicht, wenn sie sich nicht einigen kann oder in einer Kategorie keinen »preiswürdigen« Beitrag findet.

Bisweilen fragt man sich: Gibt es eigentlich eine andere Branche, die über einen ähnlichen Umfang von Preisen und Auszeichnungen verfügt, wie die Medienbranche? Neben Oscars, Bären, Palmen und Leoparden sind da noch die Lolas, Pierrots und viele weitere, ganz zu schweigen von all den Goldenen Kameras, Romys und Bambis.

Da nun also die nächste Filmpreisverleihung unmittelbar vor der Tür steht, lassen wir den Blick zurückschweifen auf eine andere Preisgala, die erst kürzlich stattfand: Eine junge Schauspielerin wird mit einem Nachwuchs-Filmpreis ausgezeichnet. Sie geht auf die Bühne, nimmt die Trophäe entgegen und setzt zur üblichen Dankesrede an. Wörtlich sagt sie: »Ja, Wahnsinn. Ich fühl mich wie eine Prinzessin.« Dann beginnen die Danksagungen — und zuallererst nennt die Jungmimin den Textilhersteller, der ihr für diesen Abend ein Kleid zur Verfügung gestellt hat: »Danke XY und Z für dieses wunderschöne Kleid.«

Tja — denkt da so mancher — diese Amis: Immer nur den Blick aufs Geld gerichtet und die eigenen Werbeverträge im Kopf. Aber weit gefehlt: Es war Hannah Herzsprung bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises, die so reagierte, und übertragen hat das Ganze der öffentlich-rechtliche Bayerische Rundfunk.

Was ist da passiert? Was geht in einem Menschen vor, der in einem ganz sicher emotionalen, aufregenden Moment, erstmal seinem Klamotten-Sponsor dankt? Erst dann folgten in der Dankesrede auch Jury, Agentin, Casting-Agentur, Schauspiellehrer, zwei Freundinnen, die Klavierlehrerin, der Regisseur, andere Schauspielerinnen und Schauspieler, Familie und Freunde. Aber das Modelabel hatte Vorfahrt.

Fast jeder wird, wenn er sein eigenes Gewissen erforscht, Momente in seinem Leben entdecken, in denen er in höchster Nervosität, Auf- oder Erregung, nicht die richtigen Worte fand und irgendwie unpassend oder peinlich agierte. Aber wie glaubhaft ist es, wenn eine junge Schauspielerin, die ihren ersten großen und wichtigen Preis erhält, zuallererst ihrem Klamotten-Sponsor »dankt«? Hoffentlich hat sich die Mühe wenigstens gelohnt und der Textilhersteller stattet Hannah Herzsprung bis zu ihrem Lebensende mit »wunderschönen« Kleidern aus.

Und der BR? Hat er Sorge getragen, solcherlei zu verhindern? Hat er zeitversetzt gesendet, um einzugreifen zu können? Nein, keineswegs. Live-Sendungen bergen nun mal ein gewisses Risiko und sicher ist es auch schöner und lebensnäher, wenn nicht überall eine Zensurmöglichkeit eingebaut und genutzt wird. Aber dann darf man als Sender auch nicht auf die werbefinanzierten Privatsender zeigen, wenn die in ihrer Ostersendung einen überdimensionalen Werbe-Schokohasen in die Deko integrieren.

Das Werbe- und Vermarktungs-Bombardement, das bei Sportereignissen im Fernsehen unvermeidlich zu sein scheint, greift immer massiver auch auf andere Sendungen über. Die öffentlich-rechtlichen Sender behaupten, das sei unvermeidlich, ja unverzichtbar, um beim bestehenden Gebührenaufkommen die Aufgaben zu stemmen, die ihnen der Rundfunkstaatsvertrag zuweist. Mag sein, oder auch nicht: Eine Erklärung dafür, weshalb sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen zur Plattform der Privatinteressen Dritter macht, ist das nicht. Und der richtige Weg in die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kann es ganz sicher auch nicht sein.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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