Editorial, Kommentar, Top-Story: 03.12.2008

Lauter Experten — überall

Sie haben ein kniffliges Heimwerkerproblem? Sie brauchen Infos über ein Medikament oder eine Krankheit? Sie wollen sich eine neue Uhr kaufen? Schnell mal im Internet nachsehen. Das ist heute ganz normal und es kann kaum überraschen, dass die Autoren dieses Newsletters das im Grunde auch ganz gut und richtig finden.

Dass in Foren und auf angeblich neutralen Informationsplattformen im Internet praktisch alles und das jeweilige Gegenteil davon mit Vehemenz und oft recht apodiktisch vertreten werden, das ist keine Neuigkeit. Verändert hat sich aber der Umgang mit diesen Infos: Selbst Menschen, die einem nahe stehen und die man als intelligent und vernünftig einschätzt, kann man bei diesem Thema oft unter einem neuen Aspekt kennen lernen.

»Die Erde ist eine Scheibe. Hab ich im Internet gelesen.« Na dann muss es wohl stimmen. Denn wenn die Google-Suche, die Amazon-Rezensionen, Wikipedia und ein Expertenforum das Gleiche sagen, kann es keinen Zweifel mehr geben.

Vollkommen übertrieben? Die Tendenz einfach mal zu glauben, was immer man zu einem Thema schon bei der oberflächlichen, schnellen Internet-Recherche findet, ist weiter verbreitet als man denkt. Vertrauensselig schließen wir uns der Meinung von wildfremden Menschen an. Beispiel Wikipedia: Die Volks-Enzyklopädie gehört — insgesamt betrachtet — ganz sicher nicht zu den schlechtesten Informationsquellen im Web, aber auch hier sind bisweilen Zweifel angebracht. Einem Wikipedia-Experten, der schon 5.000 Begriffe erklärt hat, könnte dabei vielleicht auch der eine oder andere Fehler unterlaufen sein. Außerdem: Was sind das für Menschen, die so viel Freizeit haben, dass sie ständig gratis an Wikipedia mitarbeiten können? Sind die noch geerdet, führen die ein normales Leben und haben einen gesunden Menschenverstand? Oder leben die bloß noch in einer virtuellen Welt? Kann man denen vertrauen?

Vielleicht führen die Treffer bei Ihrer Internet-Suche auch auf heillos veraltete Inhalte? Versuchen Sie beispielsweise mal, nach einem Firmenumzug ihre alte Adresse im Web zu tilgen: Ein Ding der Unmöglichkeit, wenn Sie nicht tagelang Mails versenden und selbst die Einträge in all den Adressverzeichnissen abändern wollen, die gegenseitig voneinander abschreiben und/oder schon sehr lange nicht mehr aktualisiert wurden. Auch Jahre nach Ihrem letzten Umzug wird noch die alte Adresse gefunden — und das keineswegs erst auf Seite 14 der Google-Trefferliste.

Noch kritischer wird’s bei den zahllosen Foren und all den selbsternannten Experten-Plattformen, die oftmals weniger durch fundierte Inhalte glänzen, als viel eher durch eine innovative Rechtschreibung sowie seitenlange, rechthaberische Ergüsse und Privatfehden unter den Forumsmitgliedern: Da streitet sich dann beispielsweise »Messias01« mit »GrandmasterMash« über ein Detail von AVCHD und schon nach wenigen Zeilen wurde das eigentliche Thema komplett aus den Augen verloren. Was letztlich korrekt ist, bleibt meist auch nach der Lektüre solcher »Threads« unklar — oder zumindest umstritten.

Weihnachten steht vor der Tür und damit auch die Zeit der Online-Einkäufe. Welche Espressomaschine soll ich mir denn wünschen? Auf der Testseite für Espressomaschinen wird schnell klar: Die Jura, die man eigentlich im Auge hatte, erreicht nur die Note 1,9, während die de Longhi eine 1,8 schaffte. Bei Amazon dagegen geben zwei der vier Experten der Jura-Espressomaschine fünf Sterne. Aber eine der Rezensionen moniert, dass sich der Einsatz für die besonders reichliche Crema nur schwer anbringen ließ. Diese Praxiserfahrung überzeugt: Aber schließt man sich damit vielleicht unwissentlich nur der Meinung des Saeco-Produktmanagers an?

Wo auch immer die Wahrheit liegt, es wird immer schwieriger, das herauszufinden und in den Unmengen an Schrott, die das Internet anhäuft, die Sahnestückchen zu finden. Virales Marketing hier, Experten-Blogs da und »Anwender-Meinungen« dort: Wer sich hier noch zurechtfinden möchte, braucht Ankerpunkte. Vertrauenswürdige Dienste und Portale, die sich zumindest bemühen, Informationen zu prüfen und das Sachliche und die Meinung zu trennen. Bleibt zu hoffen, dass Sie film-tv-video.de so oder besser einschätzen — dem will die Redaktion gerecht werden.

Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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