Editorial, Kommentar, Top-Story: 30.03.2010

Anläßlich der WM 2010 …

Bisher kannten wir solche Geschichten eigentlich nur aus den USA: Ein Mann erzählte in der Warteschlange am Flughafen einen Witz. »Woran kann man bei einem Rechtsanwalt erkennen, dass er lügt? An seinen Lippen: Sobald sie sich bewegen.« In der gleichen Schlange wartete auch ein Rechtsanwalt, der ganz offenbar keinen Humor hatte. Er soll den Witzerzähler wegen Diskriminierung auf Schadenersatz verklagt haben — und das dürften in den USA wahrscheinlich gleich viele Millionen Dollar gewesen sein, weil ja auch seelische Grausamkeit eine Rolle spielte.

Absurdes aus dem Reich der Rechte gibt es aber auch von der Fifa zu berichten, die versucht, alles schützen zu lassen, was mit der Fußball-WM im Zusammenhang steht. So wollte sich die Fifa sogar den Begriff »WM 2010« schützen lassen, was das zuständige Bundespatentgericht für Deutschland aber ablehnte. Mit Ferrero streitet die Fifa schon lange wegen der Begriffe und Logos mit denen der Süßwarenkonzern die Sammelbildchen bewirbt, die er seinen Produkten beipackt — auch hier hat die Fifa verloren.

Allerdings hat das EU-Markenamt einige Begriffe anerkannt, die nach deutschem Recht nicht schützbar sind, so auch »WM 2010«. Außerdem erhebt die Fifa natürlich einerseits Anspruch auf alle Kombinationen in denen das Kürzel »Fifa« vorkommt, was man noch nachvollziehen kann. Andererseits reklamiert sie aber auch exklusive Rechte an »World Cup«, »2010 World Cup«, »World Cup 2010«, »South Africa 2010«, »SA 2010«, »ZA 2010«, »2010 South Africa«, »Football World Cup« und »Soccer World Cup«, sowie Ableitungen und Kombinationen hiervon.

Kritisch und unsicher wird es in einer solchen Lage immer dann, wenn die fraglichen Begriffe im Zusammenhang mit Werbung genannt werden. Im »Titelschutz-Anzeiger« Nr. 961 erläuterte der Rechtsanwalt Dr. Frank Remmertz, was etwa Wirte beachten sollten, wenn sie einigermaßen abgesichert sein wollen: Wer vor seinem Biergarten ein Schild mit der Aufschrift »Heute große WM 2010 Party« aufstellt, wirbt aus Sicht des Anwalts unzulässig, weil man den Eindruck gewinnen könne, es handle sich um eine offizielle, von der Fifa lizenzierte Veranstaltung. Stattdessen empfiehlt der Anwalt den folgenden Text: »Anlässlich der WM 2010: Große Party«.

Wenn Sie an dieser Stelle leise den Kopf schütteln: Vielleicht kann die Fifa doch noch auf ihr Verständnis hoffen, wenn Sie erfahren, dass diese Fußballorganisdation allein am weltweiten Verkauf der TV-Rechte für die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika rund 2,3 Milliarden Dollar einnimmt. Das entspricht — nur ganz nebenbei bemerkt — in etwa dem Verlust, den der verstaatlichte Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate fürs vergangene Jahr angibt.

Vielleicht sollte man beim Thema Fußball-WM in Zukunft — ganz generell — aus Sicherheitsgründen bloß noch vom »Großen Kick in Afrika« sprechen — und hoffen, dass dafür noch niemand Titel- und Markenrechte angemeldet hat.

Wer sich bisher der Illusion hingab, es gehe bei der Fußball-WM noch um so etwas wie den sportlichen Wettstreit der Nationen, der sollte diese Haltung hinterfragen. Die Fifa ist einfach ein Unternehmen, das große Sportveranstaltungen monetarisiert, und dazu gehört eben, dass jeder eine Lizenz erwerben muss, der damit assoziiert werden will. Beim Thema Fußball-WM hat die Fifa ein Monopol, und das verteidigt sie mit Zähnen und Klauen.

Dass die Fifa versucht durchzugreifen, wenn große Unternehmen in ihrer Werbung auf den WM-Zug aufspringen wollen, ohne dafür Lizenzgebühren zu bezahlen, ist mit etwas gutem Willen — auch ohne Jura-Studium — noch zu verstehen. Das Augenmaß aber scheint den Funktionären in vielen Aspekten abhanden gekommen zu sein.

Trotz allem: Die Branche kann sich auf den »Großen Kick in Afrika« freuen, auch wenn erst noch »Das dicke Ding in Las Vegas« ansteht.

Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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