Editorial, Kommentar, Top-Story: 13.04.2010

… und täglich grüßt das Murmeltier

Im Rahmen der NAB gibt es auch den Bereich »Technologies for Worship«, was soviel bedeutet wie »Gottesdienst-Technologien«. Hier wird TV-Technik für die in den USA verbreiteten Mega-Churches ausgestellt. Da liegt der Rückgriff auf die Religion nahe und viele Grundprobleme der Menschheit sind ja schon in der Bibel formuliert: »Was gewesen ist, dasselbe wird wieder sein, und was geschehen ist, dasselbe wird wieder geschehen; es gibt nichts Neues unter der Sonne.« So lautet die ernüchternde Bilanz in Kohelet Vers 1,9.

Macht aber nichts, solange es die Beteiligten anders erleben: Oft gehören ja etwa die Erinnerungen an das persönliche »erste Mal« — in vielerlei Zusammenhang — zum Schatzkästlein individueller Erinnerungen, wo die besonders tief eingeprägten und emotional belegten Dinge lagern. Und das bleibt auch so, wenn man sich bewusst macht, dass viele andere das alles auch schon erlebt haben. Nicht umsonst heißt eines der bewährten, immer noch funktionierenden Grundkonzepte in der Medienwelt »Boy meets Girl«.

Der Prediger, dessen Worte Eingang in die Bibel fanden, hat also im Grunde recht, auch wenn wir das individuell teilweise anders erleben. Und das zeigt auch die diesjährige NAB in Las Vegas — nein, das soll nicht heißen, dass es hier langweilig wäre. Die NAB, die seit ein paar Jahren offiziell NABShow heißt, verändert und wandelt sich durchaus. Auch sind in diesem Jahr — soweit sich das am Ende des ersten Messetags sagen lässt — wieder spürbar mehr Besucher vor Ort als 2009. Und natürlich haben die meisten Hersteller an ihren Ständen auch echte Neuheiten zu bieten.

Aber wenn man diese Messe schon das eine oder andere Mal besucht hat, dann kann es nicht ausbleiben, dass sich die Déja-Vu-Erlebnisse häufen. Es ist dabei weniger das konkrete Messegeschehen, als mehr das Drumherum, das die »Kohelet-Momente« triggert.

Wenn etwa die immer gleichen Floskeln amerikanischer Sales-Manager fallen, die jedes Jahr »extremely excited« sind, auch weil sie bei der Konzeption neuer Produkte »very closely« auf den Kunden gehört und darum »customer focussed« und »user centric« entwickelt haben. Oder sie »beobachten sehr aufmerksam den Markt«, um dann »zu gegebener Zeit mit einer optimalen Lösung zu reagieren«. Aha.

Und ständig steht eine technische Revolution vor der Tür — wie wäre es denn, wenn einfach mal jemand die Tür öffnen würde?

»Diesen Product-Manager kenne ich von irgendwo! Hat der nicht bis vor kurzem noch das gleiche über ganz andere Produkte erzählt?« »Waren wir in diesem Hotel nicht schon mal?« »Diese Demo klingt vertraut.« »Hatte der Slogan »Best of Breed« vor zwei oder drei Jahren seine Hochzeit?« »Wie lange steht eigentlich schon der Durchbruch von »Mobile TV« unmittelbar bevor?«

Solche Fragen können in Kombination mit Déja-Vu-Erlebnissen — je nach persönlicher Veranlagung — durchaus Krisen auslösen. Aber keine Sorge: Das Team von film-tv-video.de spielt hier nicht »Fear and Loathing in Las Vegas« nach. Und wenn Sie diesen Artikel lesen, versuchen wir schon wieder, die Déja-Vus zu übersehen und ganz unvoreingenommen über echte Neuheiten zu berichten.

Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller

Bildrechte
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