Branche: 03.02.2011

ARD und ZDF: Abkehr von der Tour de France

Von der diesjährigen Ausgabe des wohl bekanntesten Radrennens der Welt werden ARD und ZDF aufgrund laufender Verträge noch live berichten, ab 2012 soll es keine Live-Berichterstattung mehr geben.

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Laut einer ZDF-Pressemitteilung werden ARD und ZDF ab 2012 auf Live-Berichterstattung von der Tour de France verzichten. Beide Sender haben sich demnach darauf verständigt, einem neuen Vertrag der EBU mit dem Rechteinhaber ASO über eine Live-Ausstrahlung nicht mehr beizutreten.

Als Grund für diese Entscheidung erläutern die öffentlich-rechtlichen Sender: »Das bedeutendste Radrennen der Welt findet bei den deutschen Fernsehzuschauern nur noch eine geringe Akzeptanz, die lange Live-Sendestrecken nicht mehr rechtfertigt.« Das ist eine eher indirekte Erklärung: Vielleicht ist das Interesse der Zuschauer am doping-verseuchten Profi-Radsport tatsächlich gesunken, zumal es eben keine deutsche Identifikationsfigur wie den frühen Jan Ullrich mehr gibt — schließlich ist die Tennisbegeisterung der Deutschen mit den Karriereenden von Boris Becker und Steffi Graf auch massiv abgesunken. Aber letztlich ist es ist eben für die Sender auch sehr riskant, erst viel Geld für die Rechte und die Live-Produktion ausgeben zu müssen, wenn gleichzeitig ständig die Gefahr droht, dass man auf öffentlichen und/oder politischen Druck hin, oder auch aus eigenem Verantwortungsbewusstsein, aus der Berichterstattung aussteigen müsste, falls erneut große Dopingfälle bekannt würden.

2011 berichten ARD und ZDF aufgrund der noch laufenden Lizenzvereinbarung aber noch live von der Tour de France. Die 98. Ausgabe der Frankreich-Rundfahrt beginnt am 2. Juli auf der Ile de Noirmoutier und führt über 21 Etappen bis zum 24. Juli ins Ziel auf der Avenue des Champs Élysées in Paris.

Die beiden öffentlich-rechtlichen Broadcaster planen, im täglichen Wechsel innerhalb eines Zeitfensters zwischen zirka 16:15 und 17:30/18:00 Uhr live und in Zusammenfassungen aus Frankreich zu übertragen. Die letzte Stunde bis zum jeweiligen Etappenziel steht nach Senderangaben auf jeden Fall live auf dem Programm. Im Fokus der Berichterstattung bleibt aber laut ARD und ZDF auch das Thema Doping, das die Sender für ihre Zuschauer kritisch begleiten und verständlich aufbereiten wollen.

Die aktuelle Entscheidung zur Tour de France wirft über den professionellen Radsport hinaus auch grundsätzliche Fragen zum Thema Doping und aus dem Themenbereich TV-Sportrechte allgemein auf: Wird der Radsport als Bauernopfer benutzt, um Dopingbewusstsein zu illustrieren? Was passiert, wenn in anderen Sportarten Doping- und Betrugsfälle bekannt werden? Und: Kann es auf Dauer richtig sein, die immer horrenderen, maßloseren Forderungen der Rechteinhaber und Wettkampfveranstalter zu befriedigen und mit Gebührengeld die Taschen von Sportfunktionären zu füllen?

Autor
red
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