Editorial, Kommentar, Top-Story: 14.03.2014

Eine Branche baut sich um

Ganz aktuell gab Quantel bekannt, dass man Snell übernommen habe und mit dem eigenen Unternehmen verschmelzen werde. Wieder gibt es damit ein selbstständiges Broadcast-Unternehmen weniger, das auf eine lange Tradition zurückblicken konnte: Roderick Snell hat das Unternehmen 1973 gegründet. Marke und Produkte von Snell werden aber weiter Bestand haben, versichert Quantel.

Vor kurzem erst hatte Belden Grass Valley übernommen: Ein früherer Kabelhersteller schluckte damit eine andere Broadcast-Traditionsmarke.

Da hört man förmlich einen Seufzer durch die Branche gehen: Früher, als etwa Snell noch Snell & Wilcox hieß, da war die Broadcast-Welt noch in Ordnung.

Aber stimmt das überhaupt? Naja, nicht so ganz, einiges ist hier eben doch der Verklärung geschuldet: Schließlich gab es auch schon im Jahr 2001, als das Unternehmen noch Snell & Wilcox hieß, Übernahmegerüchte. Nur zur Erinnerung: Damals wurde unter anderem Pinnacle als Aufkäufer gehandelt und als die damaligen Chefs Mark Sanders (Pinnacle) und David Youlton (S&W) sich bei der NAB2001 demonstrativ im öffentlichen Bereich des S&W-Standes auf einen Kaffee zusammensetzten, heizte das die Gerüchteküche noch einmal mächtig an.

Pinnacle hatte davor und danach einige Jahre lang wie ein Staubsauger diverse Unternehmen aus der Branche übernommen, darunter etwa auch zur IBC2001 die deutsche Fast Multimedia AG. Aus der Übernahme von Snell & Wilcox durch Pinnacle wurde nichts, vielmehr hat dann nach einer Konsolidierungsphase Snell & Wilcox im Jahr 2009 Pro Bel übernommen und sich in Snell umbenannt.

Pinnacle hingegen wurde selbst schon im Jahr 2005 von Avid gekauft. Die Pinnacle-Aktionäre erhielten dafür ungefähr 6,2 Millionen Anteile an Avid-Aktien und ungefähr 71 Million US-Dollar in bar — beim damaligen Aktienkurs von Avid, der jenseits von 60 US-Dollar lag, war das ein Gesamtwert von rund 460 Millionen US-Dollar. Wenn man betrachtet, was von Pinnacle bei Avid schon nach wenigen Jahren nur noch übrig war, kann das als eine der größten Geldvernichtungs- oder Umverteilaktionen der Branche gelten.

Avid wiederum hat seit dem Monster-Deal von 2005 — als Unternehmen betrachtet — eine ziemliche Achterbahnfahrt hinter sich und ist aktuell nicht mehr an der Nasdaq gelistet. Das Unternehmen hat offenbar einige finanztechnische Erklärungen gegenüber der Börsenaufsicht nicht innerhalb der gesetzten Fristen abgegeben, will das aber nachholen und dann wieder an die Nasdaq zurückkehren. Die Avid-Aktie fiel zum Ende Februar kurzzeitig auf einen neuen, historischen Tiefststand von unter 5 US-Dollar, hat sich aber wieder gefangen.

Und wie war das nochmal mit Grass Valley? 1958 als Grass Valley gegründet, wurde das Unternehmen 1974 an Tektronix verkauft und nur noch als Markenname weitergeführt. 1999 verkaufte Tektronix seine phasenweise in Tektronix VND umbenannte Tochter, zu der Grass Valley gehörte, an einen privaten Investor. Der machte Grass Valley auch wieder zum Firmennamen. 2002 dann erwarb Thomson das Unternehmen. Bei Thomson wurde Grass Valley mit diversen anderen Broadcast- und Filmtechnikaktivitäten des neuen Mutterkonzerns kombiniert, deren Wurzeln teilweise bei Philips und BTS lagen. Als Thomson Pleite ging, benannten sich ein paar überlebensfähige Teile des Konzerns nach der zeitweiligen Thomson-Tochter Technicolor. Technicolor schließlich reichte Grass Valley 2011 an das Finanzunternehmen Francisco Partners weiter und die haben Grass Valley nun an Belden verkauft.

Das Hin- und Herschaufeln, Spalten und Kombinieren, der finanzielle Auf- und Abstieg von Unternehmen ist also in der Broadcast-Branche ganz sicher keine grundsätzlich neue Erscheinung, nur das Tempo hat zugenommen. Außerdem drängen mit neuen Technologien auch neue Wettbewerber in den Markt und es gibt auch auf der Distributionsseite Konkurrenz zu den klassischen Broadcast-Modellen — was zusammengenommen den Wandlungsdruck ganz zweifellos erhöht.

Der Markt muss sich zwangsläufig permanent umbauen: Schließlich reden wir derzeit in der Branche über cloud-basierte Produktion und über 4K — die Technik ist also auch nicht stehengeblieben. Wehmut ist deshalb ganz sicher der falsche Ansatz, um in die Zukunft der Branche zu blicken und zu gehen.

Sie werden sehen.

P. S.: Apropos Wachstum bei Traditionsunternehmen (bitte denken Sie sich hier ein Augenzwinkern dazu): film-tv-video.de wird im kommenden Herbst sein 15jähriges Online-Jubiläum feiern — und hat im Februar 2014 mit 53.515 Visits seine höchste monatliche Besucherzahl aller Zeiten erreicht. Mehr hat im deutschsprachigen Teil der Branche keiner zu bieten, der einen vergleichbaren Themenfokus hat.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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