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Virtuelle Perfektion kann auch nerven  

Es ist ein ganz kleines bisschen ruhiger geworden um das Thema 360-Grad-VR, also denjenigen Aspekt der Virtual-Reality-Entwicklungen, der am ehesten ein kino- oder fernsehähnliches Erlebnis bietet. Deshalb schon den Schwanengesang anzustimmen, wäre aber ganz sicher verfrüht — und wahrscheinlich auch vollkommen falsch.

Schließlich steckt hier sehr großes Potenzial drin, auch wenn vielleicht noch nicht die optimalen Einstellungen der zahlreichen Stellschrauben gefunden wurden, um das Thema wirklich in die Breite zu tragen und massentauglich zu machen.

Natürlich nervt es ganz besonders, wenn die Systeme nicht gut funktionieren, etwa die Positionsbestimmung der Wiedergabesysteme nicht passt und die Bildqualität zu gering ist: Dann taucht man nicht wirklich ein, man hat kein »immersives« Erlebnis.

Aber auch wenn die Technik gut funktioniert, fehlt oft noch ein gewisses Etwas, um wirklich eine täuschend echte, überzeugend realitätsnahe Wahrnehmung zu erreichen.

Vielleicht liegt das unter anderem auch daran, dass viele der virtuellen Welten, die über reine 360-Grad-Dokus hinausgehen, einfach zu perfekt gestaltet sind. Nirgends gibt es dort Staub, Schmutz oder Müll, weit und breit keine Mülltonnen oder potthässliche Schaltkästen, kein Strommast stört den Panoramablick. Allzuoft wirkt alles einfach viel zu schön, zu glatt gebügelt, vollkommen unbenutzt und künstlich.

Virtuelle Perfektion

Natürlich fehlen auch die anderen Umwelteindrücke: Aber geschenkt, im Kino gibt es normalerweise auch keine Stechmücken und es regnet nicht — aber dennoch lässt man sich manchmal so tief in den Film ziehen, dass man das Drumherum vergisst.

Manchmal lohnt ein Blick in benachbarte Bereiche: Dort gibt es etwa Audio-Enthusiasten, die auf Röhrenverstärker schwören, die ein gewisses Bandrauschen und das Knacken eines Plattenspielers nicht vermissen wollen.

Vielleicht also weisen aktuelle Musikproduktionen im Retrosound den Weg, der Tonbereich ist dem Bildbereich schließlich oft ein Stück voraus: Dort sind perfekt rauschfreie, kristallklare digitale Produktionen längst möglich, haben sich aber letztlich auch schon wieder überlebt, weil sie oft als zu kalt und leblos empfunden wurden. Aktuell gibt es hingegen etwa wieder eine wachsende Schar von Musikern, die analoge Synthesizer horten.

Natürlich tun sich Computer und digitale Welt insgesamt mit gleichmäßiger Perfektion viel leichter, als mit natürlichem Chaos, mit Rauschen und Dreck. Wenn man aber ein wirklich realitätsnahes Erlebnis schaffen will, gehört das alles mit dazu.
 
Sie werden sehen.

Autor: Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

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