Kamera, Test, Top-Story: 18.07.2002

Silberrohr für DV und MPEG-4

JVC will mit dem GY-DV300 neue Wege gehen. Aber kann der Streamcorder auch abseits seiner MPEG-4-Funktionalität bestehen?

Den GY-DV300 gibt es in zwei Varianten: Einmal als reinen DV-Camcorder (Nettopreis rund 4.500 Euro) und einmal als DV-Camcorder mit Network-Pack, das die Streaming-Funktionen mitbringt (rund 6.500 Euro).
Die Streaming-Features machen den Hauptunterschied des neuen JVC-Camcorders zu seinen Konkurrenten aus, bei denen vor allem der Canon XL1S, der DCR-VX2000 von Sony und der AG-DVX100 von Panasonic zu nennen sind.

AUSSTATTUNG
Ein Blick ins Menü des GY-DV300 zeigt, dass JVC viel getan hat, um professionelle Anwender anzusprechen. Das fängt mit einer Farbbalkentaste an und geht mit Einstellmöglichkeiten weiter, die man in Consumer-Geräten vergeblich sucht. So bietet das Setup-Menü zahlreiche Möglichkeiten, um die Bild- und Tonaufzeichnung in jedweder Drehsituation zu optimieren. Vor allem die Bildparameter lassen sich mit etlichen Funktionen beeinflussen, die aus der Profiwelt stammen.
Bei einigen Funktionen des DV300 verspricht das Menü allerdings deutlich mehr, als der Camcorder tatsächlich halten kann. Schönes Beispiel: Wer sich beim Menüpunkt Color Matrix darauf freut, dass er beim DV300 sogar gezielt in die Farbmatrix eingreifen kann, wird enttäuscht. Es gibt hier nur zwei Einstellpositionen, nämlich »On« und »Off«.
Positiv überrascht waren die Tester von den Einstellmöglichkeiten des Shutters: Er lässt sich innerhalb des Frequenzbereichs von 50,1 bis 2067,8 Hertz variabel einstellen und erlaubt so das flackerfreie Aufnehmen von Bildschirmen.
Generell lässt sich sagen: Für einen Camcorder seiner Preisklasse bietet der DV300 wirklich viele Einstellmöglichkeiten, die in der Hand dessen, der sich damit beschäftigt, zum Vorteil der Bildgestaltung einsetzbar sind.
Enttäuschung macht sich allerdings breit, wenn man das seitliche LC-Display ausklappt: Das Schirmchen hat gerade Mal einen Diagonale von 2,5 Zoll, der breite Plastikrand lässt es noch kleiner wirken.

DESIGN, VERARBEITUNG
Der GY-DV300 sieht ganz schnittig aus, ähnelt dem erfolgreichen Sony-Modell DCR-VX2000. Um so größer ist dann die Ernüchterung, wenn man erkennen muss: JVC hat in der Ausführung des DV-Camcorders leider an allen Ecken und Enden gespart, der DV300 versprüht den Charme eines Plastikmodells.
Das äußert sich in vielen Details: Das Kunststoffgehäuse vermittelt den Eindruck, als könne es schon Schaden nehmen, wenn man den Camcorder mal etwas wuchtiger abstellt. Das ausklappbare Display hängt an einer Verankerung, deren fragile Konstruktion wenig Zuversicht weckt. Weitere Kritikpunkte lassen sich leicht finden. Kurzum: Der DV300 ist in Details lieblos gestaltet und schlecht verarbeitet. JVC hat eindeutig an der falschen Stelle gespart. Für mehr als 4.000 Euro wünscht man sich einfach mehr.

BEDIENUNG
Die Bedienung des Camcorders folgt zwar weitgehend bekannten und bewährten Mustern, hat stellenweise aber auch deutliche Schwächen: So lassen sich zwar Blende und Fokus mit einem Griff manuell einstellen, und auch der ND-Filter lässt sich direkt zuschalten. Der manuelle Weißabgleich dagegen erfordert umständliche Bedienprozeduren. Zu viele Funktionen sind nur via Menü genauer einstellbar, was den Komfort schmälert. Hier haben andere Hersteller bei ihren Camcordern bessere Konzepte und auch JVC hat bei anderen Modellen schon Besseres gezeigt: Der GY-DV500 geht deutlich besser auf die Bedürfnisse professioneller Anwender ein und bietet insgesamt das rundere und bessere Bedienkonzept.

BILDQUALITÄT
Die Testaufnahmen mit dem GY-DV300 zeigen: JVC hat diesen Camcorder für möglichst rauscharme Aufnahmen optimiert. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Das vereinfacht die MPEG-4-Kodierung. Das rauscharme Signal geht jedoch bisweilen auf Kosten der Auflösung, gerade detailreiche Motive leiden deutlich sichtbar darunter. Gelegentlich muten die extrem ruhigen Bilder des DV300 zudem fast schon künstlich an. 440.000 Bildpunkte auf 1/3“-Chips, wie sie JVC für den GY-DV300 angibt, können besser aussehen.
Der Vergleich von DV300-Bildern mit Archivaufnahmen, die vom DV500 stammen, brachte eine Überraschung: Es gibt einen massiven Bildqualitätsunterschied zwischen diesen Camcordern, der viel größer ausfällt, als von den Testern erwartet. Aufgrund von Gerätepreis und Chip-Bestückung musste man schon im Vorfeld von Vorteilen für den 500er ausgehen. In der Praxis sind die Bilder des DV500 aber um Klassen schärfer, stimmiger und realitätsnäher, als die des DV300.
Ein echter Pluspunkt ist beim GY-DV300 aber der recht gute optische Bildstabilisator, der ohne Qualitätsverlust Wackler eliminiert.

STREAMING-FEATURES
Das Network Pack KA-DV300 wird unten an den Camcorder angeflanscht, es nimmt über eine Buchse im Boden des Camcorders Verbindung mit dem GY-DV300 auf.
Von hinten kann in den Network-Adapter eine Speicherkarte oder ein Wireless-LAN-Adapter in den PCMCIA-Slot eingesteckt werden. Im Adapter selbst werkelt im Grunde ein miniaturisierter Linux-Web-Server. Der wird aus dem Camcorder-Akku gespeist, was die Betriebsdauer beim parallelen Betrieb von DV-Aufzeichnung und MPEG-4-Kodierung verkürzt: Nach einer halben Stunde kann der mitgelieferte Akku in diesem Fall durchaus schon am Ende angelangt sein. Eine zusätzlich verwendete Wireless-LAN-Karte, die natürlich für ihre Sendeleistung ebenfalls Leistung aus dem Akku zieht, verstärkt dann noch den Wunsch nach einem »dickeren« Akku.
Gespeichert oder ausgegeben werden vom Network Pack MPEG-4-Files. Dabei lassen sich unterschiedliche Bildgrößen (176 x 144 oder 352 x 288 Bildpunkte), Frame- und Datenraten (32 bis 384 kbps) einstellen. Auf eine 128-MB-Flashcard passen bis zu 40 Minuten MPEG-4-Video mit Ton.
JVC liefert mit dem Camcorder die Windows-Software Streamproducer aus, die parallel die Datenströme von bis zu vier Streamcordern verarbeiten kann. Echtes Live-Switching ist allerdings nicht möglich, weil die Daten eben nicht in Echtzeit verarbeitet werden, sondern die beim Streaming üblichen Zeitverzögerungen vorliegen.
Mit dem Network Pack kann dem Camcorder eine IP-Adresse zugewiesen werden, er kann also, wenn er an ein IP-fähiges Netzwerk angeschlossen ist, über einen Browser angesprochen werden. Der Camcorder meldet sich dann mit einer Bedienoberfläche, von der aus sämtliche Einstellmenüs aufgerufen und justiert werden können. Auch die DV-Aufnahme lässt sich so per Browser fernsteuern, gleiches gilt für Zoom, Shutter und Blende. Live-Betrieb im engeren Sinne, bei dem die Kamera blitzschnell an veränderte Bedingungen angepasst werden kann, ist hiermit nicht möglich.

FAZIT
Aus Sicht der Tester ist der JVC GY-DV300 als reiner DV-Camcorder betrachtet, keine wirkliche Alternative zu den konkurrierenden Modellen in der Preisklasse von 4.000 bis 5.000 Euro. Dazu sind die deutlichen Defizite in der Verarbeitung und die teilweise umständliche Bedienung zu gravierend. Wer den Camcorder nicht wegen seiner Streaming-Funktionalität kauft, sondern primär für klassische DV-Anwendungen nutzen möchte, wird bei der Konkurrenz besser bedient. Für professionelle Anwender bieten Canons XL1S und Sonys DCR-VX2000 mehr fürs Geld. Wer mit dem JVC-Schultermodell GY-DV500 liebäugelt, sollte bei dieser Entscheidung bleiben. Der Mehrpreis dafür ist gut angelegt.

Downloads zum Artikel:

T_0702_JVC_GYDV300.pdf

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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