Report, Top-Story, Trend: 24.01.2011

Grundlagen der Raw-Aufzeichnung

In einigen Bereichen der Bewegtbildaufnahme setzt sich die Aufzeichnung im Raw-Format durch. Dabei wird nicht in einem Videoformat unter Einsatz eines Codecs aufgezeichnet, stattdessen werden digitale Rohdaten gespeichert. Die digitalen Kameras von Red, Arri und Silicon Imaging etwa, können mit Raw-Videodaten ­arbeiten. Für die Aufzeichnung werden teilweise interne Speicherkarten verwendet, teilweise werden externe Aufzeichnungssysteme genutzt.

Zwei der großen Vorteile der Raw-Aufzeichnung bestehen darin, dass die Kameraelektronik deutlich vereinfacht wird und für die nachträgliche Bildgestaltung mehr Spielraum bleibt. Der wesentliche Nachteil besteht darin, dass man Raw-Daten bei der Aufnahme nicht so einfach ansehen kann, um sie in puncto Qualität zu kontrollieren und zu überwachen. Zudem ist das Handling in der Postproduktion stellenweise komplexer und zeitaufwändiger – auch wenn sich mittlerweile einige Abläufe vereinfacht haben: So gibt es beispielsweise Lösungen für direktes Playback inklusive erster Farbkorrekturen und einfacherem Import von Raw-Daten in der Postproduktion.

Grundprinzip

Alle gängigen Bewegtbildsensoren erzeugen zunächst nur Schwarzweißbilder. Die Farbinformation wird erst durch verschiedene Filterverfahren gewonnen. Eines davon, das überwiegend bei Single-Sensor-Kameras angewendet wird, ist das nach seinem Erfinder benannte Bayering: Dabei wird den einzelnen lichtempfindlichen Bildpunkten auf dem Sensor ein festgelegtes Muster zugeordnet, das Bayer-Pattern. Die Hersteller können dabei relativ frei schalten und walten, wie sie Rot-, Grün- und Blauanteile aus dem auf den Sensor fallenden Licht filtern wollen.

Die Daten, die man mit einem solchen Sensor gewinnt, werden Raw-Daten genannt. Um aus diesen Daten ein korrektes Farbbild darstellen zu können, muss man bei der weiteren Bearbeitung das Muster kennen, das den Bildpunkten zugeordnet wurde und man muss wissen, wie die Daten zu gewichten sind. Das wird beim De-Bayering umgesetzt und ist eine Wissenschaft für sich: Der hierbei verwendete Algorithmus entscheidet über die Bildqualität mit, besonders was die Auflösung, die Schärfe, die Farbwiedergabe und die Kantendarstellung betrifft.

Das De-Bayering kann man direkt in der Kamera durchführen und dann ein aus den Raw-Daten gewonnenes Videosignal aufzeichnen. Alternativ dazu kann man eben die Raw-Daten speichern und das De-Bayering später, also in der Postproduktion durchführen und dort etwa ein RGB-Signal aus den Raw-Daten generieren.

Kamera-Raw-Daten

Single-Sensor-Kameras wie etwa Red One, Alexa, SI-2K oder A-Cam dll – um nur einige zu nennen – können Raw-Daten auf Speicherkarten oder externen Medien speichern. ­Diese Raw-Daten stellen aber keinesfalls ein standardisiertes Datenformat dar, das man problemlos zwischen verschiedenen Systemen austauschen könnte. Es gibt zwar erste Ansätze dafür, so etwas zu entwickeln und im Markt zu etablieren, aber es gibt noch keinen De-facto-Standard. Vielmehr muss der Anwender sich auf die Zertifizierungen und Empfehlungen der Hersteller verlassen und/oder individuell klären, ob das jeweilige Postproduction-System die jeweiligen Raw-Daten verarbeiten kann.

Weiter kompliziert wird die Situation dadurch, dass es unkomprimierte und komprimierte Raw-Daten gibt. So wendet etwa der Kamerahersteller Red auf seine Raw-Daten ein Kompressionsverfahren namens Redcode an, das auf Wavelet basiert.

Raw-Formate

Verschiedene Hersteller haben eigene Raw-Datenformate kreiiert, etwa Redcode-Raw oder Arri-Raw. Adobe versucht, mit dem DNG-Format einen einheitlichen Standard zu etablieren, den etwa Ikonoskop bei der A-Cam dII nutzt. Doch diese Bemühungen stecken noch in den Anfängen und werden sich — wie immer bei Standardisierungsprozessen — wohl noch länger hinziehen.

Vorteile der Raw-Aufzeichnung

Was macht den Charme der Raw-Aufzeichnung aus? Die Datenmengen, die bei der Raw-Aufzeichnung anfallen, sind deutlich geringer als bei der Aufzeichnung von RGB-Daten. Nur so ist es möglich, auch hochaufge­löste Daten in hoher Qualität auf gängigen Speichermedien aufzeichnen zu können — am Beispiel der Red One, die Raw-Daten zusätzlich auch noch komprimiert, bevor sie auf CF-Karten aufgezeichnet werden, ist das schön zu sehen.

Ein weiterer wichtiger Vorteil der Raw-Aufzeichnung besteht darin, dass in der Postproduktion hinsichtlich der Bildoptimierung viele Möglichkeiten offen stehen. Vereinfacht gesagt, wird bei der Aufzeichnung mit der Kamera im Raw-Modus lediglich auf Empfindlichkeit und Belichtung geachtet. Einstellungen wie etwa Kontrast, Farbsättigung und -temperatur werden erst später beim De-Bayering und in der Postproduktion vorgenommen — was viele Möglichkeiten eröffnet, Gestaltungsraum lässt und Flexibilität bietet.

Ein weiterer Vorteil der Raw-Aufzeichnung besteht darin, dass die Kameraelektronik deutlich vereinfacht wird. Das unterstützt die Konstruktion relativ preisgünstiger Kameras eines neuen Typus: kompakte Single-Sensor-Kameras. Die kommen zudem ohne Strahlenteiler aus, was ebenfalls Kosten und Baugröße spart. Zwar ist das Prinzip der Single-Sensor-Kamera nicht zwingend mit der Raw-Aufzeichnung verknüpft, aber beide Technologien werden oft miteinander kombiniert. Mit Single-Sensor-Kameras, die einen großen Sensor haben, der in die Nähe des 35-mm-Bildfensters reicht und mit den passenden Objektiven, kann man einen filmischen Look mit geringer Schärfentiefe erzeugen, wie er in szenischen Produktionen meist erwünscht ist.

Nachteile der Raw-Aufzeichnung

Betrachtet man die aufgezeichneten Raw-Bilder am Set ohne De-Bayering, kann man letztlich nicht viel mehr als den Bildausschnitt beurteilen, denn Raw-Bilder wirken flau und sind meist farbstichtig. Es braucht also letztlich eine Lösung, mit der es im besten Fall schon am Set möglich ist, die aufgezeichneten Raw-Bilder wirklich beurteilen zu können.

Iridas gehört mit seinen Software-Lösungen sicher zu den Pionieren und zu den fortgeschrittensten Anbietern in diesem Bereich, aber auch andere Hersteller wie etwa P+S-Technik, DVS, Filmlight und DFT liefern Lösungen fürs On-Set-Grading– und für die Wiedergabe von Raw-Daten. Zunehmend gibt es auch günstige Software-Lösungen hierfür.

Dennoch ist die Raw-Aufzeichnung weniger für Produktionen geeignet, wo man schnellen Turn­around braucht, etwa im News-Bereich. Hier haben Videosysteme zumindest derzeit noch klare Vorteile, weil sie schneller und einfacher zu hand­haben sind und weil es möglich ist, ein fertiges, sende- oder vorführfertiges Bildsignal direkt aus der Kamera oder vom Speichermedium zu bekommen. Das Arbeiten mit Raw-Daten bleibt eher dem szenischen Bereich vorbehalten, wo man mehr Zeit hat, um aus dem Rohmaterial einen fertigen Film zu machen.

Die Vielfalt der verwendeten Speichermedien und die mangelnde Standardisierung können sich ebenfalls als Nachteile erweisen: Immer wieder berichten Anwender von Problemen, die Raw-Daten vom jeweiligen Speichermedium oder Recorder schnell und bequem auszugeben und in einen Laptop oder ein On-Set-System einzuspielen.

Perspektiven

Der große Erfolg von Single-Large-Sensor-Kameras wird sicherlich dazu führen, dass Raw-Aufzeichnung und Raw-Workflows eine weiterhin wachsende Rolle spielen. Schon jetzt hat sich der Markt darauf eingestellt und zahlreiche Softwares, Speicherlösungen und Bearbeitungssysteme hervorgebracht, mit denen sich die Abläufe optimieren lassen. Bei der Raw-Aufzeichnung gilt es allerdings mehr denn je, vor Produktionsbeginn den geplanten Workflow zu definieren und für alle Produktionsstufen abzuklären: Mit welchem Raw-Code wird aufgezeichnet? Wie lassen sich diese Daten am Set beurteilen und wie einfach lassen sich Dailies erzeugen? Wie gut und schnell kann das geplante Postproduktionssystem mit den Raw-Daten umgehen?

Im Grunde sind das lauter einfache Fragen, aber wer sie nicht vorab beantwortet, kann sich im Raw-Workflow-Dschungel leicht verlaufen.

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Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

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