Postproduction, Test, Top-Story: 10.09.2013

Praxistest Media Composer 7: Mehr Background

Seit Sommer 2013 gibt es den Media Composer von Avid in der neuen Version 7. film-tv-video.de hat die jüngste Version des Schnittprogramms ausprobiert und erläutert die wichtigsten Neuerungen.

Zunächst fallen bei der jüngsten Version der Schnitt-Software Media Composer von Avid einige Neuerungen der Software-Oberfläche ins Auge — dazu später mehr. Sehr viel wichtiger fanden die Tester aber das, was sich »unter der Haube« getan hat: Viele Arbeitsschritte, die früher einiges an Geduld erforderten, können nun in den Hintergrund verlegt werden. Das betrifft in erster Linie den Import und die Transkodierung in DNxHD. Die neuen »Background Services« von Media Composer erlauben es, Clips in jedem unterstützen Format in alle möglichen Auflösungen zu transkodieren – und das im Hintergrund. Somit kann der Editor kreativ am Projekt weiter arbeiten, während der Import läuft, was ein großer Vorteil ist.

Blick zurück: Diese Problemfelder lösen die Background Services

Damit führt Avid eine Entwicklung fort, die schon vor einiger Zeit mit der Einführung der Plug-In-Architektur Avid Media Access (AMA) begann: Dank AMA-Verlinkung kann man mit Material in verschiedensten Formaten schneiden, ohne dieses extra zu transkodieren zu müssen. Aber gerade bei etwas älteren Rechnern läuft der Schnitt dann auch lange nicht so flüssig, wie mit DNxHD-Dateien.

Wer aus Kapazitätsgründen beim Schnitt nicht das gesamte Material in entsprechender Qualität in DNxHD importieren will, kann auch mit weniger speicherintensiven Proxy-Dateien arbeiten und später wieder auf die Original-Dateien zurückgreifen. Die Erstellung der Proxys erfolgt über das Consolidate/Transcode-Tool und nimmt einige Zeit in Anspruch.

In den Vorgängerversionen musste der Editor warten, bis dieser Arbeitsschritt abgeschlossen war. Das ist nun vorbei.

Background Services

Um die Background-Services zu nutzen, müssen diese erst gestartet werden, das kann auch automatisch mit dem Programmstart erfolgen. Weiter muss im Konsolidierungs-/Transkodierungsfenster der Haken bei »Run in Background« gesetzt werden. Wird der Haken nicht gesetzt, findet das Consolidating/Transcoding nach wie vor im Vordergrund statt. Nachdem die Transkodierung gestartet wurde, erscheinen die betreffenden Clips im Bin offline, bis sie fertig erstellt sind. Sollen bestimmte Clips bevorzugt behandelt werden, so kann im Fenster »Background Queue« die Priorität erhöht werden.

Werden die anderen Arbeiten durch die Arbeiten im Background zu langsam, können sie zur Entlastung der anderen Aufgaben vorübergehend abgeschaltet werden. Um die »Background Services« überhaupt vernünftig nutzen zu können, werden mindestens 8 GB RAM benötigt — Avid empfiehlt 16 GB.

Dynamic Media Folders

In engem Zusammenhang mit den Background Services steht eine weitere neue Funktion: DMF – Dynamic Media Folders Damit st es möglich, Ordner zu überwachen: Sobald eine oder mehrere Mediendateien dort hineingelegt werden, werden diese nach vorher festgelegten Regeln bearbeitet und beispielsweise transkodiert. Auch für DMF müssen die »Background Services« gestartet sein. Das Media Composer Hauptprogramm muss übrigens nicht zwangsläufig laufen, um die anstehenden Aufgaben abzuarbeiten. In der Task-Leiste des Rechners befindet sich ein kleines Icon, über das die »Avid Editor Services« aufgerufen und direkt verwaltet werden können.

Auch die nachträgliche Transkodierung in DNxHD ist einfach, denn in einer gemischten Sequenz können ab dieser Version auch nur die »AMA Files« einer Sequenz transkodiert oder konsolidiert werden. Um einen Überblick über die Anzahl der verwendeten AMA-Clips zu bekommen, können diese in der Timeline jetzt farblich gekennzeichnet werden, wie bislang Offline- und Proxy-Clips.

Erweiterte Funktionalität bei AMA-Files

Die Arbeit mit AMA-Files war schon in früheren Versionen von Media Composer möglich, jedoch waren diese bislang nicht in das Management im Media Tool eingebunden. Das konnte zu umständlichen Suchaktionen führen. Ab Version 7 werden die AMA-Files nun im Media Tool mit verwaltet. Dadurch lässt sich viel leichter nachvollziehen, wo sich die AMA-Files befinden, zudem können sie dadurch auch über Interplay verwendet werden, wenn die Interplay-Option vorhanden ist.

Bislang waren AMA-Files und AMA-Volume getrennte Menüpunkte, ab jetzt sind sie unter dem Menüpunkt AMA-Link zusammengefasst. Auch wenn Avid und die Kamerahersteller sich bemühen, möglichst viele Formate AMA-fähig zu machen, gelingt das nicht immer. Bei unserem Test ließ sich das Material von einer Lumix GH3 zwar importieren, nicht aber als AMA-File benutzen.

Video-Dateien können jetzt außerdem aus dem Explorer/Finder per Drag and Drop als AMA-Files in Bins gezogen werden. Bislang wurden sie importiert, das heißt ins vorausgewählte Format gewandelt. Quicktime-Dateien mit Alpha-Kanal werden von nun an unterstützt und im Bin als Matte-Key-Effekt angezeigt. Auch das Bin selbst hat eine kleine Veränderung erfahren: Dort kann jetzt zwischen den Ansichten »Text«, »Frame« und »Script-View« direkt umgeschaltet werden: eine kleine Verbesserung, die jeweils einen Klick spart.

Die Source-Settings von AMA-Clips sind stark erweitert. Zum einem können jetzt per »Color Encoding« Farbraumanpassungen für einzelne oder auch ein Gruppe von Clips vorgenommen werden, zum anderen lassen sich bei hochaufgelöstem Material mit Frame-Flex sehr einfach Ausschnitte bestimmen. Das kann entweder ein Ausschnitt in direkter HD-Auflösung sein oder aber auch ein beliebiger, der dann auf die Projektauflösung berechnet wird. Liegt ein so bearbeiteter Clip auf der Timeline, können im Effekt-Editor die Frame-Flex-Einstellungen angepasst werden — das funktioniert auch mittels Keyframes, so dass der Ausschnitt über die Zeit verändert werden kann. Frame-Flex wird also hauptsächlich bei höher aufgelöstem Material zum Einsatz kommen. Wer mit 4K arbeitet, wird sich deshalb über die Möglichkeit freuen, ab jetzt auch mit XAVC-Material arbeiten zu können.

Wird mit Proxies gearbeitet, muss das Material im Verlauf des Schnitts wieder mit den Originaldateien verknüpft werden. Bei diesem Relink ist es nun möglich, Audio- und/oder Video- oder Datenspuren auszuschließen. Dadurch können bei Bedarf nur die verwendeten Proxy-Files ersetzt werden, während die bearbeiteten Audioclips nicht ersetzt und dadurch nicht mehr angefasst werden müssen.

Audiobereich

Auch im Audio-Workflow hat sich einiges getan. Die vielleicht wichtigste Neuerung: Audioclips können nun auch direkt in der Timeline gepegelt werden. Dazu muss entweder am einzelnen Track oder im Fast-Menü bei »Audio Data« der Unterpunkt »Clip Gain« ausgewählt werden. Dann kann am Clip selbst ein kurzer Schieberegler geöffnet werden, mit dem sich die Pegel anpassen lassen. Zusätzlich ist eine numerische Eingabe möglich. Wurde der der Pegel an einem Clip einmal verändert, erscheint eine Pegellinie. Diese kann — wenn sie einmal vorhanden ist — auch mit der Maus verändert werden. Eine Möglichkeit, zwei oder mehrere Tracks gemeinsam zu pegeln, suchten die Tester vergeblich. Selbst wenn zwei Tracks im Audiomixer gruppiert werden, bleibt die Regelung auf der Timeline auf einen Clip beschränkt — das wäre noch ein Verbesserungswunsch für die nächste Version.

Optimiert wurde dank der Speicherung der Waveform-Daten die Waveform-Funktionalität. Jetzt müssen die Waveforms bei nochmaligem Öffnen nicht erneut berechnet werden. Außerdem scrollen die Waveforms jetzt auf der Timeline während des Abspielens mit. Waveforms gibt es jedoch nicht für alle AMA-Dateien (etwa MTS) – wer die Wellenform-Darstellung bei diesen Clips braucht, muss die Files zuvor transkodieren.

Der Audio-Mischer hat im »Fast Menü« den Punkt »Display Options« erhalten. Hier kann man die verschiedenen Elemente wie etwa Fader und Meter. als sichtbar oder unsichtbar schalten und so den Audiomixer den eigenen Bedürfnissen anpassen. Weiter ist im Audio-Mischer ein Master-Fader hinzugekommen. Zudem hat man die Möglichkeit, bis zu fünf RTAS-Plug-In-Effekte pro Track und im Master-Zug im Audiomischer zu platzieren. Dadurch können nun Plug-In-Effekte auch im Summensignal einfach ausprobiert und eingefügt werden, ohne dass zu vor ein Audio-Mixdown erstellt werden muss.

Dank der Unterstützung des AS-02 MXF-Formats mittels AMA, ist die Erstellung und Weitergabe mehrerer Versionen derselben Sequenz unkompliziert: AS-02/AS-11 packt alles in ein Paket, ohne unnötige Duplikate. Das erstellte Paket kann weitergegeben und bei Bedarf anderswo weiterbearbeitet werden, auch auf Systemen anderer Hersteller, sofern diese AS-02 oder AS-11 unterstützen. Diese Vermeidung von Redundanzen spart unter Umständen viel Speicherplatz, wenn beispielsweise mehrere Sprachversionen erstellt worden sind, das Bild aber immer identisch ist.

Weitere Workflow-Optimierungen

Marker können ab Version 7 in Media Composer nicht mehr nur einen bestimmten Punkt markieren, sondern auch einen ganzen Bereich. Die sogenannten »Spanned Markers« können sowohl im Source Viewer, als auch in der Timeline erstellt werden. Sie sind beispielsweise bei Interviews äußerst sinnvoll, da es oft etwas unpraktisch ist, das Interview in lauter kleine Subclips zu zerteilen, um bestimmte Passagen schnell greifbar zu haben. Bei vielen Subclips ist es nicht so einfach, den Überblick über das gesamte Interview zu behalten. Jetzt kann das Interview komplett bleiben und man kann schnell die Länge verschiedener Passagen sehen und dorthin navigieren, um diese zu verwenden. Ähnliches gilt in szenischen Produktionen beispielsweise für einen Mastershot.

Nur eine kleine Verbesserung, die aber dennoch positiv auffällt, ist der »Full Screen Playback«-Button, der jetzt per Vorgabe im Timeline-Fenster vorhanden ist. Ebenfalls gut gefallen hat den Testern die neue Vielseitigkeit des Mausrads. Im Bin kann mit gedrückter Strg-Taste von einem Element zum anderen gescrollt werden und mit zusätzlich gedrückter Shift-Taste markiert werden. Slider, wie etwa im Effekt-Editor, können nun auch mit dem Mausrad in den Werten verändert werden. Dazu hält man die Maus einfach über den entsprechenden Slider und dreht am Mausrad, um die Werte schrittweise zu erhöhen oder zu reduzieren. Und es geht noch mehr: Mit der Maus und gedrückter Strg-Taste kann auf der Timeline frameweise hin und her navigiert werden. Das kann selbst einem eingefleischten »J-K-L«-er Zeit sparen, da das Hin und Her einfach schneller und vor allem präziser geht. Das sind kleine Verbesserungen, die das tägliche Arbeiten erleichtern.

Interplay, das optional zur Verfügung steht, kann ab dieser Version Projekte, die auf dem lokalen System vorhanden sind, mit der im Interplay gespeicherten Version synchronisieren. Dabei wird die Ordner-Struktur des lokalen Rechners entsprechend auf Interplay nachgebildet und synchron gehalten. Somit ist gewährleistet, dass alle an dem Projekt arbeitenden Nutzer – gleichgültig, wo sie sich gerade befinden – auf die gleichen aktuellen Daten zurückgreifen und Änderungen sofort überall vorgenommen werden.

Bundle-Versionen

Nach wie vor sind im Media Composer-Bundle Avid FX (Boris Red), Avid DVD und Sorenson Squeeze enthalten. Der Preis für den Media Composer hat sich mit dieser Version deutlich verringert. Der Netto-Listenpreis von rund 830 Euro stellt im Vergleich zu den früheren Versionen ein Schnäppchen dar. Das Upgrade von der Version 6.5 kostet rund 250 Euro netto, das von früheren Versionen rund 330 Euro. Wer Interplay nutzen will, muss jedoch mit rund 1.200 Euro für die Vollversion mit mit Netto-Upgrade-Preisen von rund 420 Euro von der Version 6.5 und rund 500 Euro von früheren Versionen etwas tiefer in die Tasche greifen.

Wer die Software auf mehreren Rechnern — auch verschiedenen Plattformen — installieren will und immer nur eine Version im Einsatz hat, tut sich mit einem Dongle einfacher, als mit wiederholten Aktivieren und Deaktivieren auf den verschiedenen Computern. Ja, es gibt ihn auch noch, den guten alten Dongle, aber mit einem Aufpreis von rund 270 Euro für die normale, beziehungsweise 300 Euro für die Interplay-Version, ist er nicht gerade preiswert. Der Kauf ist letztlich nur sinnvoll, wenn man den Rechner oft wechselt. Ist noch ein alter Media-Composer-Dongle vorhanden, kann dieser per Upgrade auf den aktuellen Stand gebracht werden. Ein Upgrade von einer aktivierten Version auf eine Dongle-Version ist nicht möglich.

Fazit

Mit MC7 wurde der digitale Schnitt nicht neu erfunden, aber Avid hat in die neue Version viele Neuerungen und Verbesserungen gepackt — besonders im AMA-Bereich und bezüglich der Möglichkeit, bestimmte Arbeitsprozesse in den Hintergrund zu verlegen. Das macht die neue Version sehr interessant, besonders in Kombination mit der neuen Preisstruktur.

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Autor
Andreas Frowein
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