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Mobile TV: die nächste Medienrakete?

Pressekonferenzen sind selten der richtige Ort, um vollständige und ausführliche Informationen zu erhalten. Vielmehr muss man sich auf mehr oder weniger geschickt gewählte Ausschnitte der Realität gefasst machen und kann gar nicht so selten beobachten, wie man mit vielen Worten sehr wenig sagen, Fakten fast gänzlich aussparen und wagemutigen Prognosen aufstellen kann.

Während der IBC geht es den meisten Vortragenden dabei um die Zukunft, auf die man sich — etwa durch »strategische Allianzen« und neue »Plattformen« — sehr gut vorbereitet sieht. Im Endeffekt führt das aus Sicht der Redner fast zwangsläufig zu enormem Wachstum, großen Potenzialen und fantastischen Märkten, die man nun rasch erschließen kann und will.

Einer dieser Märkte, der während der IBC ganz sicher auch jenseits der Pressekonferenzen zigfach beschworen wird, ist der für »Mobile TV«. Glaubt man etwa Jeff Rosica, dem Marketing-Mann von Grass Valley, wird die Zahl der Mobile-TV-Nutzer bis zum Jahr 2010 explodieren und auf 100 Millionen Menschen anwachsen. Auf welche Grundlagen sich Rosica und Grass Valley bei dieser Prognose stützen, blieb in der Pressekonferenz des Unternehmens allerdings offen. Realisten überrascht diese recht positive Einschätzung und sie mutet ehrlich gesagt doch etwas sehr hoch gegriffen an. Da kommen ganz ungute Erinnerungen an die euphorischen Prognosen hoch, die einige Hersteller während des Streaming-Hypes vor ein paar Jahren generierten — nur um das Thema dann kurze Zeit später wegen Erfolglosigkeit wieder ad acta zu legen.

Mobile TV mag im Gegensatz zu Streaming tatsächlich ein deutlich größeres Potenzial haben und realer sein. Aber 100 Millionen Anwender im Jahr 2010? Dafür dürften derzeit noch ein paar zuviele Fragen offen sein. Etwa die, über welche Netze der Content übertragen werden soll, mit welchen Technologien und Geräten die Inhalte empfangen werden, wie es um weltweite Kompatibilität steht, was denn so gesendet werden soll — und nicht zuletzt, was das Ganze den Endkunden kosten wird. Von den Pilotversuchen, die während der Fußball-WM liefen, ist bei genauerer Betrachtung jedenfalls nicht sehr viel mehr übrig geblieben, als das Papier der Jubelmeldungen, die vorab und im Anschluss daran verbreitet wurden.

Wie geht es also weiter mit Mobile TV? Von den vielen Herstellern, die sich derzeit in diesem Bereich tummeln, wird wohl nur eine Handvoll mit ernsthaften und erfolgreichen Produkten übrigbleiben. Ähnliches hat der Markt auch schon beim nonlinearen Editing erlebt, wo es mittlerweile nur noch wenige ernstzunehmende Hersteller gibt. Für jene, die durchhalten, kann Mobile TV ein einträgliches Geschäft werden — auch wenn es länger dauern sollte als bis 2010, bis 100 Millionen Nutzer erreicht sind.

Sie werden sehen.

Autor: Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

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