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Schiedsrichtersicht: Von der Idee zur RefCam
Schiedsrichter Patrick Kessel berichtete im Interview mit Magenta, wie die RefCam entstanden ist.
2018: Die Idee entsteht
Die Idee zur RefCam entstand im Januar 2018. Nicht am Whiteboard, sondern nach einem Spiel im Stadion. Patrick Kessel und sein Schiedsrichterkollege Nicolas Winter hatten noch Zeit bis zur Rückreise und analysierten, wie üblich, den Spielverlauf – gute Entscheidungen, schlechte Entscheidungen, Dinge, die besser hätten laufen können.
Dabei fiel ihnen auf, was bei aller TV-Technik fehlte: die eigene Perspektive. »Wie sieht ein Zweikampf wirklich aus, wenn du ihn in Sekundenbruchteilen bewerten musst? Wie verändert sich eine Situation, wenn ein Spieler deinen Blick kreuzt?«, beschreibt Kessel die Ausgangsfrage. Aus der Trainingsidee wurde ein größerer Gedanke: »Wir wollen es jedem Zuschauer auf der Welt ermöglichen, Fußball aus unserer Perspektive zu sehen.«
Die ersten Reaktionen auf die Idee waren gemischt, erinnert sich Kessel: Manche fanden es spannend, andere lächelten nur höflich, manche schauten die beiden an, »als hätten wir gerade vorgeschlagen, den Ball ab nächster Saison eckig zu machen.«
Das erste Testspiel
Den ersten Machbarkeitsnachweis produzierten Kessel und Winter deshalb in Eigenregie – mit denkbar einfachen Mitteln: einer GoPro, befestigt auf Winters Kopf, im Einsatz bei einem Kreisliga-Spiel seines Heimatvereins in Rülzheim. Die Gage für die Mitwirkenden: zwei Kisten Bier. Das mit iMovie geschnittene Rohmaterial diente als erster Pitch – technisch, wie Kessel selbst einräumt, »weit entfernt von dem, was wir uns irgendwann vorgestellt haben«, aber emotional genau das, was gebraucht wurde, um aus einer Idee etwas Sichtbares zu machen.
Der entscheidende Kontakt kam über Umwege: Auf dem Spobis 2018 lernten die Gründer Ulrich Tacke kennen, der ihnen riet: »Ihr müsst unbedingt Thomas Riedel kennenlernen.« Aus einem geplanten 30-minütigen Termin bei Riedel in Wuppertal wurden zwei Stunden. Kessel beschreibt die Begegnung als Moment, in dem der Erfinder und Macher in Thomas Riedel die Oberhand gewann: Er begann sofort, technisch mitzudenken. So begeistert Thomas Riedel war, so deutlich sagte er aber auch: »Ohne die DFL ist das Projekt kaum zu stemmen.«
»Wir nickten damals zustimmend, hatten aber keine Idee, wie wir als Schiedsrichter der Regionalliga und der 3. Liga einen Kontakt zur DFL-Zentrale knüpfen sollten«, so Kessel.

Bei diesem Vortrag versuchten die beiden RefCam-Erfinder mit Christian Seifert in Kontakt zu kommen.
Der Erstkontakt zum damaligen DFL-Geschäftsführer Christian Seifert gelang schließlich auf denkbar unkonventionelle Weise. Über einen ehemaligen Kommilitonen organisierte Kessel fünf Minuten Redezeit im Anschluss an einen Seifert-Vortrag am RheinAhrCampus. Aber weil der Vortrag deutlich länger ging, als geplant, wurde aus den fünf Minuten nichts. »Stattdessen versuchten wir Christian Seifert mit aufgeklapptem Laptop in der Hand auf dem Weg zu seinem Auto noch abzufangen. Aber wir konnten nicht viel mehr tun, als ihm noch eine Visitenkarte mit QR-Code zum Rülzheim-Video in die Hand zu drücken«, so Patrick Kessel. Doch drei Tage später kam tatsächlich eine Einladung zur Sportcast nach Köln.
Unter dem internen Codenamen »Regel 18« – benannt nach dem damaligen Verbot von Schiedsrichterkameras im Fußball-Regelwerk – lief ab Anfang 2019 eine Machbarkeitsanalyse zu Technik, Sportpolitik und Business Case, geheim gehalten wegen der sportpolitischen Brisanz des Themas.
Zentral für die Umsetzung wurde Jacqueline Voss, die Thomas Riedel strategisch auf das Projekt ansetzte. Sie brachte technisches Verständnis und einen »langen Atem« mit – zuvor hatte sie als Projektleiterin die Kameratechnik für Felix Baumgartners Stratosphärensprung verantwortet. »Ohne Jacky gäbe es heute keine RefCam«, sind sich Patrick Kessel und Nicolas Winter einig.
Die Konzeptphase
Das Ergebnis der Konzeptphase war ambivalent: technisch herausfordernd, aber machbar; sportpolitisch schwierig, aber nicht unrealistisch; wirtschaftlich spannend – aber kein Milliardenunternehmen. Genau daran scheiterte ein Investment der DFL über deren Beteiligungsprogramm »DFL for Equity«, das auf Unicorn-Potenzial ausgelegt war. »Für ein paar Tage fühlte es sich an, als wäre die Geschichte vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte«, beschreibt Kessel diese Phase.
Auch ein zweiter Anlauf mit einem prominenten deutschen Fußball-Weltmeister als Investor zerschlug sich in einer späten Verhandlungsphase. Kessel und Winter entschieden sich daraufhin, das Investment selbst zu stemmen: Sie nahmen Kredite auf und gründeten am 28. November 2019 gemeinsam mit Frank Eischet / Riedel als Joint Venture in Wuppertal die In-YS GmbH (In Your Shoes) – den Namen hatte Jacqueline Voss vorgeschlagen.
Weiterentwicklung
Die Gründung des Joint-Ventures markierte den Beginn der Produktentwicklung der RefCam. Ein Prozess, der Zeit braucht. Wie bei jeder Produktentwicklung mussten auch etliche Herausforderungen bewältigt werden. Aber Ende 2023 war es soweit, dass der Schiedsrichter Daniel Schlager die RefCam während des Aufeinandertreffens von Arminia Bielefeld und dem TSV 1860 München in der 3. Liga testete.
Wenige Monate später kam die RefCam am 25.02.2024 erstmals bei einem Spiel der Bundesliga zum Einsatz. Die kleine Spezialkamera wurde während der Begegnung zwischen Eintracht Frankfurt und dem VfL Wolfsburg am Headset des Schiedsrichters angebracht und filmte das Spielgeschehen aus seiner Perspektive. Anlass war eine Produktion des Internationalen Produktportfolios der DFL, in der das Schiedsrichterteam begleitet wurde.
Seite 1: Idee und Konzept
Seite 2: Entwickung und Einsatz
Autor: Patrick Kessel, red
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