Branche, Interview, Top-Story: 01.02.2005

Dittmar Stretz: HD-Jahr 2005?

50 Insider aus verschiedenen Bereichen der Film-, TV- und Videobranche haben die Fragen von www.film-tv-video.de zum Thema HD beantwortet. Eine Zusammenfassung analysiert die Stimmung in der Branche, zudem stehen auch die Antworten der einzelnen Befragungen in voller Länge zur Verfügung. In diesem Beitrag lesen Sie die Antworten von Dittmar Stretz, die – soweit sie nicht eindeutige Fakten beschreiben, seine private, eigene Meinung wiedergeben und keine offizielle Stellungnahme des NDR darstellen. (Zum Download bitte auf den Dateinamen am Ende des Artikels klicken.)

B_0105_NDR_StretzDittmar Stretz arbeitet beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) in der Abteilung Systemplanung FS & IT. Die von ihm geäußerten Sichtweisen stellen, soweit sie über eindeutige Fakten hinausgehen, seine persönliche Sicht dar, die nicht zwangsläufig deckungsgleich mit der offiziellen Sichtweise des NDR sein muss.

**Welche Bedeutung hat HD heute in Ihrem Tätigkeitsbereich? Wie und wann wird sich das aus Ihrer Sicht ändern?

HD spielt aktuell für meinen Tätigkeitsbereich im NDR, die Systemplanung FS & IT, eine untergeordnete Rolle. Wir befassen uns lediglich informativ mit dem Thema.
Bei anstehenden Neuinvestitionen, etwa in Fernsehstudios oder Ü-Wagen, werden wegen der zu berücksichtigenden Nutzungsdauer konzeptionelle Überlegungen einfließen, inwieweit bereits Maßnahmen im Sinne eines Investitionsschutzes berücksichtigt werden müssen – das gilt natürlich auch für die Audioeinrichtungen mit Mehrkanaltechnik.
Eine wesentliche Intensivierung des Themas ist erst zu erwarten, wenn verstärkt programmliche Anforderungen zu verzeichnen sind. Heute ist der Auftrag für HDTV für öffentlich-rechtliche Sender nicht zu erkennen – und zwar speziell für das »Bread and Butter Business«, beziehungsweise die vielzitierte Grundversorgung. Sport kann hier eventuell ein Beschleuniger sein.
Highlight-Produktionen können auch heute schon ohne eigene Investitionen als Fremdproduktion in HD durchgeführt werden. Dieses wird vorerst der wirtschaftliche Weg sein.

**Beim Thema HD wird in Deutschland oft von der Signalwirkung gesprochen, die von der Fußball-WM 2006 ausgehen werde. Wie beurteilen Sie dieses Thema?

Die Signalwirkung der Fußball-WM ist naturgemäß gegeben, sollte aber nicht überschätzt werden. Die WM wird zwar für den internationalen Markt in HDTV produziert – aber unter Berücksichtigung von »Shoot & Protect«, so dass sogar auch noch eine 4:3-Kompatibilität gegeben ist. Wichtig ist, dass sich für die WM das geometrische Bildformat 16:9 weiter durchsetzt und auch akzeptiert wird. Über die Akzeptanz von kleinerer aktiver Bildfläche bei den auch noch 2006 überwiegenden 4:3-Empfängern liegen aber noch keine gesicherten Erkenntnisse vor!
Letztendlich werden die Verkaufszahlen von entsprechenden Fernsehempfängern mit entscheidend sein, wobei hier echte HD-Auflösung und eine Bildschirmgröße von größer 40 Zoll gemeint ist!
Hier ist in einigen Prognosen häufig der Wunsch Vater des Gedanken. Die Verbreitung dieser Geräte dürfte heute im sehr kleinen einstelligen Prozentbereich liegen. Ein Marktangebot ist heute so gut wie nicht vorhanden – und wenn dann zu völlig unakzeptablen Preisen. Eine Durchdringung der Haushalte mit 16:9-Empfängern aller Auflösungen und Größen wird zur WM eine Größenordnung von 20 % haben – leider doch noch sehr wenig!
Vielleicht sollte man zwei Jahre weiter, bis zu den nächsten
Olympischen Spielen schauen.

**Welches Hindernis hemmt derzeit die Verbreitung von HD im Markt am meisten? Wie könnte man dem begegnen? Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit HD in Deutschland alltägliche Realität wird?

Die Hindernisse sehe ich erstens in der Politik – hier passiert so gut wie gar nichts. Im Vergleich zu Amerika und Asien fehlen in Europa politische Rahmenvorgaben völlig!
Zweitens ist die Möglichkeit, HDTV zu verbreiten, noch nicht ausreichend gegeben und natürlich in der heutigen Zeit der engeren Gürtel eine brisante Kostenfrage – hier bietet sich aktuell lediglich die Distribution über Satelliten an, was allerdings voraussetzt, dass eine breite Einigung bezüglich der Codierverfahren erzielt werden kann.
Drittens muss sich das Geräteangebot etablieren. Solange der Handel die Haushalte mit billigen Röhrengeräten im 4:3-Format sättigt, wird sich die Einführungsschwelle für HD mittelfristig nicht nennenswert abbauen.
Viertens müssen auch die Produktionskosten »verträglich« sein. Im Besonderen für die Öffentlich-Rechtlichen sind die Budgets auf SD ausgerichtet und werden sich zukünftig eher negativ entwickeln.
Nicht zuletzt sind die äußerst konservativen Programmmacher zu überzeugen, dass der Wandel von 4:3 zu 16:9 und zu HDTV nunmehr zwingend und schnell vollzogen werden muss.

**Wann werden die Zuschauer in Deutschland regelmäßig bei mehreren Sendern HDTV sehen können? Spielt das für Ihren Tätigkeitsbereich eine Rolle? Was erwarten Sie beim Thema HDTV von den öffentlich-rechtlichen Anbietern, was von den privaten?

Soweit sich bei den privaten Anbietern ein positives Business-Modell darstellt, werden hier verstärkt Impulse zu verzeichnen sein. Soll heißen, dass mit HDTV Geld verdient werden muss.
Die Situation für die öffentlich-rechtlichen Häuser ist so, dass eine Vorreiterrolle wohl anscheinend bewusst nicht gewollt ist. Entsprechend ist naturgemäß für die Zukunft mit Zurückhaltung zu rechnen. Bei weiteren positiven Entwicklungen im TV-Bereich kann jedoch von einer Entkrampfung der Situation ausgegangen werden. Die öffentlich-rechtlichen Anbieter werden dann die Herausforderung einer gegebenenfalls notwendigen Aufholjagd annehmen müssen. Dieses Szenario ist aber damit gleichzusetzen, dass HDTV sich bis dahin faktisch auf dem Wege zum Standard-Fernsehen entwickelt hat – wohl sicherlich nicht in der laufenden Gebührenperiode.

**Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht der Consumer-Markt mit Technologien wie HDV in der Aufzeichnung, mit HD-DVD und der zunehmenden Verbreitung von Plasma- und LC-Displays?

Wie oben bereits dargestellt, ist die Akzeptanz durch den Zuschauer ein entscheidendes Kriterium. Der Mehrwert von HDTV für den Zuschauer muss deutlicher werden – ansonsten wird, wie so oft, die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Mehrwert ist allerdings nach meiner Meinung für die Display-Seite erst ab einer Bildschirmgröße von 40 Zoll gegeben. Ansonsten ist der Unterschied zu SD-Empfängern – bei den heute üblichen Betrachtungsabständen – und guten, digitalen Signalquellen, wie sie etwa. auch normale DVDs bieten können, nur schwer darstellbar.
HDV und HD-DVD wird hier vorerst für eine kleine Verbraucherschar Anreize durch Mehrwert bieten, sich auch auf der Display-Seite auszustatten. Akzeptable Preise für eine größere Masse dürften aber erst Ende der Dekade zu erwarten sein.

**Wie sollte aus Ihrer Sicht ein europäischer HDTV-Standard aussehen?

Wichtig sind einheitliche Standards für die gesamte Verwertungskette. Da die zukünftigen Displays grundsätzlich nur noch progressiv arbeiten, ist als Ziel ein Raster von 1080p anzustreben. Es sollten alle Grundsatzdispute – wie sie leider heute in technischen Kreisen auftauchen – über weltanschauliche Gestaltung von Zwischenschritten 720p oder 1080i vermieden werden, da diese absolut kontraproduktiv für die HDTV-Einführung sind. Insofern besteht heute ein Zwang zu Multistandard-Systemen.
Bezogen auf die Codierung der Distributionssignale sollten schnellstens einheitliche Empfehlungen erarbeitet werden. Auch hier ist eine Grundsatzdiskussion der Sache nicht dienlich. Für die fernere Zukunft kann wohl davon ausgegangen werden, dass diese Parametrisierungen eine untergeordnete Rolle spielen, da umfassende Formatverträglichkeiten mit Software-Updates erreicht werden können.
Wichtig ist aber, dass die Verbraucher, die sich kurzfristig auf den HDTV Weg begeben wollen, auch eine Kompatibilität in die Zukunft geboten bekommen. Aus diesem Grunde sehe ich einheitliche Standards und offene Systeme heute als zwingend an.

**Was wollen Sie uns noch zum Thema HD mitteilen?

Wo ein gemeinsamer Wille ist, kann auch ein Weg gefunden werden – also müssen sich Industrie, Handel, Politik, Programmproduzenten und Provider erst einmal konzertiert aufstellen. Hiervon sind wir leider noch weit entfernt.
Wenn heute der Auftrag, HDTV machen zu müssen, konkret gestellt würde, wäre die Technik bereit, beziehungsweise würden noch notwendige Klärungen unter diesem Druck schnell herbeizuführen sein. An dieser Aussage kann gemessen werden, dass die Problematik viel mehr im erweiterten Sinne politisch zu sehen ist.
Schön wäre es, wenn wir in Europa aus der Vergangenheit lernen würden und in diesem Sinne eine möglichst kurze Übergangszeit definieren und vorgeben würden. Als erster Schritt müsste nunmehr ein klares Bekenntnis aller Beteiligten zum geometrischen Bildformat 16:9 erfolgen. Die digitale Verbreitung bietet uns hier heute die Grundlage einer anamorphotischen, formatfüllenden Bildaufbereitung. Es wäre gegenüber des bisher praktizierten Letterbox-Verfahrens eine deutliche Steigerung der Bildauflösung auf echte 576 Zeilen zu erreichen. In Verbindung mit einem durchgängigen Wide-Screen-Signalling könnte dann das heutige Chaos der verzerrt dargestellten Bilder aufgelöst werden – eine entscheidende Grundlage für HDTV.

Downloads zum Artikel:

T_0105_HD_NDR_Stretz.pdf

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Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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