Branche, Interview, Top-Story: 01.02.2005

Oliver Gappa: HD-Jahr 2005?

50 Insider aus verschiedenen Bereichen der Film-, TV- und Videobranche haben die Fragen von www.film-tv-video.de zum Thema HD beantwortet. Eine Zusammenfassung analysiert die Stimmung in der Branche, zudem stehen auch die Antworten der einzelnen Befragungen in voller Länge zur Verfügung. In diesem Beitrag lesen Sie die Antworten von Oliver Gappa. (Zum Download bitte auf den Dateinamen am Ende des Artikels klicken.)

B_0105_DVS_GappaOliver Gappa ist Sales Manager bei DVS. DVS stellt Boards und komplette Systeme zur Verwendung als Diskrecorder und Bearbeitungssysteme her, die das Arbeiten mit Datenraten von HD, 2K und 4K ermöglichen.

**Welche Bedeutung hat HD heute in Ihrem Tätigkeitsbereich? Wie und wann wird sich das aus Ihrer Sicht ändern?

DVS ist eine Firma, die sich HD in ganz großen Buchstaben auf die Fahne geschrieben hat. HD ist für DVS nicht nur Lippenbekenntnis, sondern Teil der Firmenphilosophie. Wir wollen Systeme mit der maximal möglichen Qualität für Postproduktion und Broadcast entwickeln und vertreiben.
Bislang fand diese Philosophie vor allem in Amerika und Japan viele Anhänger. Mit der verstärkten Nachfrage aus der Postproduktion steigt nun auch in Deutschland die Zahl der DVS-Kunden stetig an.
In den letzten Jahren hat DVS auf Veranstaltungen in Europa immer wieder auf das Thema HD aufmerksam gemacht. Durch beeindruckende Vorführungen mit Partnerunternehmen konnte etwa die Autoindustrie vom Einsatz hochauflösender Technik für die Werbung auf Automobilmessen überzeugt werden. In unserer täglichen Arbeit wird sich daher gar nichts ändern. Der Marktplatz Europa wird aber lukrativer.

**Beim Thema HD wird in Deutschland oft von der Signalwirkung gesprochen, die von der Fußball-WM 2006 ausgehen werde. Wie beurteilen Sie dieses Thema?

Bei der Diskussion über die Einführung von HD wird eine Gruppe meistens vergessen – der Zuschauer.
Dem überwiegenden Anteil der Bevölkerung sagt der Begriff HD gar nichts. Weder Normen noch Vorteile sind bekannt. Die Berührung mit diesem Medium fand höchstens auf Messen oder im Ausland statt.
Premiere wird die WM, genau wie HD1 in HD übertragen und so kann in einigen Wohnzimmern und Premiere-Sportbars Fußball neu erlebt werden. Bislang halten sich die öffentlich-rechtlichen Anbieter bedeckt bis ablehnend. Bei einer Entscheidung wie dieser sollte auch der gefragt sein, der es letztendlich über seine Steuern und GEZ-Gebühren bezahlt – der Zuschauer.
Dazu müssten an möglichst vielen Orten Plasma-TVs, Beamer und LED-Wände aufgestellt werden, um möglichst viele Zuschauer zu erreichen. Danach wäre ein »Volks-befragung« auch mit dem Hinweis auf eine mögliche Gebührenerhöhung durchzuführen…
Dies ist natürlich Fiktion, in der Tat hat Premiere HD als Medium für Sport und Premium-Content entdeckt – einige Private denken auch darüber nach. Der restliche Markt wird wahrscheinlich abwarten, wie das Experiment ausgeht.
Die WM ist für das fußballbegeisterte Deutschland die richtige Testplattform.

**Welches Hindernis hemmt derzeit die Verbreitung von HD im Markt am meisten? Wie könnte man dem begegnen? Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit HD in Deutschland alltägliche Realität wird?

Vor einigen Jahren wurde ein für eigentlich nicht machbar gehaltenes Technologiepflänzchen namens Eureka über Nacht hoch gefeiert und durch die öffentlich-rechtlichen Sender kräftig überdüngt.
Nachdem etliche Millionen verdampft waren, hat man sich reumütig in die SD-Höhle zurückgezogen und will seitdem von hochauflösendem Fernsehen nichts mehr wissen. In der Tat finden wir seit Jahren eine gewisse Blockadehaltung der öffentlich-rechtlichen Seite vor.
Nachdem man HD nun nicht mehr wegleugnen kann, wird jetzt einfach die Messlatte höher gelegt. Wenn schon HD, dann progressive Bilder! 1920 x 1080 mit 50p muss es sein, weil da dauert es noch mindestens zwei Jahre, bis eine komplette Infrastruktur zur Verfügung steht.
Wir sind auch der Meinung, dass Vollbilder besser sind und Europa es nicht nötig hat, amerikanischen oder japanischen Normen hinterherzulaufen – auf der anderen Seite entwickeln auch die Japaner progressive Standards, etwa 1920 x 1080 60P, und wollen in Zukunft auf diese Technik umstellen.
HD-Technologie ist heute machbar und erprobt und für eine Übergangsphase könnten wir auch mit Interlaced-Standards leben.
Es existiert aber keine Lobby in Deutschland, die HD nach japanischem oder amerikanischem Vorbild puscht. Die Regierung sieht sich wie beim Sterben der deutschen Unterhaltungselektronik für nicht zuständig an und für die mit deutscher Gründlichkeit durchgeführte Planung der geplanten Einführung geht alles schon wieder viel zu schnell….
Europa verschläft mal wieder eine Technologie. Erwachen werden viele Verantwortliche erst, wenn der Konsument durch HD-DVD und HDV eine höhere Qualität geboten bekommt, als sie die ach so modernen Sender liefern können und damit Standardfernsehen mehr und mehr nur noch zum Überträger von Werbung wird.
Direkte Gegenmaßnahmen sind schwer zu definieren, da hier zu viele Faktoren wie Föderalismus und die Medienpolitik hineinspielen. Wir können also nur hoffen, dass das restliche Europa schneller reagiert und sich Deutschland auf diesem Weg zu HD hin bewegen muss.

**Wann werden die Zuschauer in Deutschland regelmäßig bei mehreren Sendern HDTV sehen können? Spielt das für Ihren Tätigkeitsbereich eine Rolle? Was erwarten Sie beim Thema HDTV von den öffentlich-rechtlichen Anbietern, was von den privaten?

HD1 strahlt schon seit einigen Monaten HDTV aus. Premiere wird im November 2005 mehrere Spartenkanäle starten.
Einige private Anbieter spielen mit dem Gedanken einzusteigen. Die öffentlich-rechtlichen Anbieter sind wie immer uneins und würden am Liebsten erst 2010 oder später HDTV ausstrahlen. Premium-Content und Sport werden wir ab 2005 von Premiere und etwas später wahrscheinlich auch von anderen Privaten sehen können, die einheitliche Einführung aber frühestens zwischen 2008 und 2010.

**Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht der Consumer-Markt mit Technologien wie HDV in der Aufzeichnung, mit HD-DVD und der zunehmenden Verbreitung von Plasma- und LC-Displays?

Der Consumer-Markt wird für den nötigen Druck von unten sorgen. Wenn HD-Technologien günstiger werden und damit einer breiten Käuferschicht zugänglich sind, hat das sicherlich einen Einfluss auf das tägliche Fernsehprogramm.
Bis heute ist der dramatische Qualitätsunterschied nur einer Handvoll Zuschauern bewusst, die Diskussion vom Zuschauer weitestgehend entkoppelt. Wenn aber dem Konsumenten die Möglichkeit geboten wird, diese Qualität selbst zu erleben, wird er auf Dauer mit dem gebotenen Fernsehen nicht mehr zufrieden sein.
Das lange benutzte Argument der HD-Gegner »unser Fernsehen ist doch gut genug«, wird dann durch den Konsumenten widerlegt. Außerdem steckt in der Vorstellung, Kameraleute benutzen privat HDV, um dann im Studio mit SD zu arbeiten, einige Ironie.

**Wie sollte aus Ihrer Sicht ein europäischer HDTV-Standard aussehen? Nennen Sie uns bitte die Eckwerte und ergänzen Sie diese mit einer kurzen Begründung.

Da sich Europa einige Zeit nimmt, auf den HD-Zug aufzuspringen, ist das Übernehmen des japanischen oder amerikanischen Standards nicht notwendig. Vielmehr kann man neben der erhöhten Auflösung auch endlich einen Schlussstrich unter das Thema »Interlaced« ziehen. Der in der letzten Zeit heftig diskutierte Vorschlag 1920 x 1080, 50p ist daher unser Favorit.
Eine Anhebung der Farbtiefe auf 12 oder 16 Bit ist zwar möglich, würde die Einführung aber weiter verzögern und erhebliche Kostensteigerungen bedeuten.

**Was wollen Sie uns noch zum Thema HD mitteilen?

Wir werden weiter dafür kämpfen!

Downloads zum Artikel:

T_0105_HD_DVS_Gappa.pdf

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Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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