Editorial, Kommentar, Top-Story: 05.06.2013

Zwischen Voyeurismus, Sensationsgier, Informationshunger und Mitgefühl

Im Grunde sind es die üblichen Grenzmarkierungen des Krisenjournalismus, zwischen denen sich auch die aktuelle Hochwasserberichterstattung bewegt. Ob beim Live-Ticker von Spiegel Online, auf diversen »Hochwasserseiten« im Internet, in den Sondersendungen »ZDF Spezial« oder »ARD Brennpunkt«: Oft erweist sich der Grat als allzu schmal und die Beiträge stürzen in die eine oder andere Richtung ab. Das wiederum führt oft zu bitteren Kommentaren.

Das folgende Zitat aus einer bei Spiegel Online publizierten Agenturmeldung von AFP bringt das Dilemma noch aus einer anderen Perspektive auf den Punkt: »Eine junge Frau trägt mit Freunden eilig Sandsäcke vor ihren Hauseingang. Als eine ältere Dame die Szene fotografiert, schreit die junge Frau sie an: »Fällt Ihnen nichts Besseres ein, als vom Leid anderer Menschen Fotos zu machen?“«

Vielleicht muss man zudem auch konstatieren, dass dieser Aspekt des menschlichen Daseins sich in unserer Gesellschaft nicht positiver entwickelt hat, seit praktisch jeder, der ein Handy besitzt, sich selbst in den Reportermodus versetzen kann und eine Plattform für seine — leider sehr oft völlig unreflektierten — »Krisenpornos« und seine Kommentare dazu zur Verfügung hat. Der klassische Gaffer hat halt heute ein Handy dabei. Aber wenn man es positiv sehen will, ist Interesse schließlich auch die erste Stufe der Empathie — und so betrachtet immerhin schon besser, als gefühlskalte Gleichgültigkeit und Ignoranz.

Außerdem wäre es doch all zu leicht, die Berichterstatter unterschiedlichster Couleur über einen Kamm zu scheren und zu geißeln: Gäbe es kein Publikum dafür, wäre wohl kaum einer davon versucht, sich hinreißen zu lassen, über das Dokumentarische hinaus ins rein Voyeuristische abzugleiten. Und wer hat noch nie die Regung verspürt, einen Blick erheischen oder ein Foto machen zu wollen, das nur der Befriedigung eigener Neugier und Sensationslust diente?

So oder so — nun gehen wir unvermittelt in die nächste Phase des Medienmissbrauchs: Politiker in Gummistiefeln, die rasche, unbürokratische Hilfe versprechen — man brauchte keinerlei prophetische Fähigkeiten, um zu wissen, dass dies nun unweigerlich als nächster Akt ansteht.

So spült das Hochwasser eben auch die Schminke von der hässlichen Fratze des Medienbetriebs, die es ganz zweifellos auch gibt — und die natürlich auch derjenige kennt, der in dieser Branche sein Geld verdient und nicht vollkommen naiv ist.

Wie dünn doch letztlich der Firnis aus Zivilisation und Kultur ist, das überrascht doch immer wieder.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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