Editorial, Kommentar, Top-Story: 22.08.2013

Experimentierfeld Second Screen

Das Thema Second Screen interessiert Sie privat und persönlich nicht? Dann — bitte verzeihen Sie die Direktheit — haben Sie höchstwahrscheinlich Ihre Jugend schon ein Weilchen hinter sich gelassen. Die nachwachsenden Generationen, so legen es eigene Beobachtungen und Marktforschungsergebnisse nahe, sehen das Thema nämlich ganz anders. Der Großteil der jungen Fernsehzuschauer ist demnach parallel mit Handy, Tablet oder Laptop zugange, wenn die Glotze läuft.

Zumindest aus der beruflichen Perspektive wird Sie dieses Thema also mit höchster Wahrscheinlichkeit doch noch treffen, denn wenn Sie keine Affinität zum Broadcast-Bereich hätten, würden Sie wohl kaum diese Zeilen lesen — und wenn es nicht gelingt, auch in Zukunft jüngere Zuschauer an das Fernsehen zu binden, hat diese Branche schon bald ein wachsendes Problem.

Oft wird aus der eingangs behaupteten Entwicklung abgeleitet, man müsse Fernsehen und Second-Screen-Inhalte synchronisieren. Aber stimmt das überhaupt? Muss auf dem kleinen Schirm ergänzender Inhalt zum großen Schirm ablaufen? Oder machen die Endkunden auf dem Handy ohnehin nicht etwas ganz anderes, während parallel das Fernsehprogramm nur mehr einen Teil ihrer Aufmerksamkeit bindet? Lohnt es sich also überhaupt, Fernsehen und Second-Screen-Inhalte zu verknüpfen und zu synchronisieren? Oder reicht es aus, die gleichen Inhalte auf verschiedenen Kanälen verfügbar zu machen?

Hier wird man ohne Experimente nicht weiter kommen. Ein solches Experiment, das zumindest in eine der vielen möglichen Richtungen weist, ist das private Jugendfernsehen Joiz, das 2011 in der Schweiz gestartet ist und nun auch einen deutschen Kanal aus Berlin verbreitet. Joiz verbindet Fernsehen und Internet — und hier besonders die Social-Media-Bereiche — zu einer Multimediafusion mit vielen interaktiven Aspekten. Hier wird der Second Screen als Rückkanal genutzt, die Zuschauer können per Twitter, Facebook und Skype Feedback geben und in die Sendung eingreifen. Aber sie müssen es nicht und können ihr Tablet oder ihr Handy auch einfach für den monodirektionalen Konsum der Joiz-Inhalte nutzen.

Wohin geht die Reise? Es wäre albern und anmaßend, zu glauben, dass man das zum derzeitigen Zeitpunkt schon sicher sagen könnte. Derzeit basteln zweifellos ganz viele am integrativen, medienübergreifenden Ansatz — wer aber auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen will, der kann sich dabei eben auch ganz leicht verzetteln.

Gute Ideen mit wirtschaftlich tragfähigen Konzepten werden sich — zumindest für eine gewisse Zeit — durchsetzen. Diese zu finden erfordert aber Experimentierbereitschaft.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

Bildrechte
Samsung

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