Branche, Top-Story: 23.12.2014

Preise für Freelancer: Rory Peck Awards 2014 vergeben

Mit den Rory Peck Awards werden herausragende Arbeiten von freischaffenden Kameraleuten aus dem Bereich Nachrichten und Zeitgeschehen ausgezeichnet. In diesem Jahr wurde bei der Preisverleihung in London erneut deutlich, welche Risiken Freischaffende bei ihrer Arbeit eingehen, die sehr oft in Krisengebieten oder unter anderweitig unsicheren Bedingungen stattfindet. film-tv-video.de hatte Gelegenheit, mit den diesjährigen Preisträgern über ihre Arbeit, ihr Equipment und ihre Arbeitsweise in der Krisenberichterstattung zu sprechen.

Die Organisation »Reporter ohne Grenzen« veröffentlichte dieser Tage aktuelle Zahlen, nach denen allein in diesem Jahr schon 66 Journalisten getötet und weitere 119 entführt wurden. 178 Reporter wurden im Rahmen ihrer Arbeit inhaftiert. Was bewegt diese Menschen, trotz all dieser Gefahren aus den Krisenregionen der Welt zu berichten? So unterschiedlich die Antworten auf diese Frage lauten mögen, ein zentrales Motiv besteht für viele Krisenreporter wohl darin, das Unrecht und die Tragödien, die sich in aller Welt abspielen, an die Öffentlichkeit zu tragen und den Betroffenen eine Stimme zu geben.

Auch die Finalisten des Rory Peck Awards betrachten es als wichtige Aufgabe, mit der Nachrichtenberichterstattung die oft schonungslose Realität der Krisenregionen an die Öffentlichkeit zu bringen.

Das Video zeigt einen kurzen Zusammenschnitt der Award-Verleihung.

Was ist der Rory Peck Trust?

Rory Peck war ein freiberuflicher Kameramann, der für viele Sender, darunter auch die ARD, in verschiedenen Krisenregionen der Welt drehte. Er kam 1993 in Moskau ums Leben, als er während der damaligen russischen Verfassungskrise von den Kämpfen um das russische Parlament und den staatlichen Fernsehsender Ostankino in Moskau berichtete. Seine Witwe gründete nach seinem Tod den Rory Peck Trust.

Der Rory Peck Trust ist die einzige Organisation, die sich den Freelancern und ihren Familienangehörigen widmet. Der Trust bietet freiberuflichen Journalisten und ihren Familien in Krisenfällen finanzielle Unterstützung, und ermöglicht Freiberuflern Zugang zu erschwinglichen Sicherheitsschulungen.

Alljährlich zeichnet der Trust die Arbeit von freischaffenden Kameraleuten aus dem News-Bereich im Rahmen einer Preisverleihung aus.

Als Zuschauer vergessen wir oft, unter welch harten Bedingungen die Bilder entstehen, die wir in den Nachrichten- und Magazinsendungen sehen. Der Job als Krisenreporter ist nicht nur gefährlich, sondern auch anspruchsvoll: auch unter höchstem Stress müssen die Kameraleute ihr Equipment schnell und zuverlässig bedienen können — und neben dem Blick aufs Motiv auch immer das Umfeld im Auge behalten. Auch gestalterisch hat sich in den vergangenen Jahren so manches verändert, mit dem Aufkommen von Single-Sensor-Kameras etwa, sind nun auch vermehrt filmisch anmutende Bilder in den Nachrichten zu sehen, vor allem bei Hintergrundberichten und -reportagen.

Mit dem Rory Peck Trust gibt es eine Organisation, die sich dieser wichtigen Arbeit von Freelancern in Krisenregionen widmet. Einmal jährlich vergibt der Trust Preise für die besten Arbeiten aus diesem Bereich. Dann trifft sich die große Familie der Nachrichten-Berichterstattung aus aller Welt, in der natürlich viele Engländer und Amerikaner unterwegs sind, was schon allein aufgrund der großen englischsprachigen News-Networks naheliegt. Aber auch andere Nationalitäten finden sich, so hat der Rory Peck Trust auch in Deutschland Unterstützer: etwa den Westdeutschen Rundfunk (WDR), der dem Trust schon seit vielen Jahren verbunden ist. Sichtbarer Beleg dieser Unterstützung: In diesem Jahr vergab Sonia Mikich, Chefredakteurin des WDR, den Rory Peck Award für News.

Tina Carr leitet mit viel Engagement den Rory Peck Trust und schafft es immer wieder, Sponsoren zu finden, die es ermöglichen, die wichtige Arbeit der Organisation zu unterstützen. Sie sagt: »In einer Zeit, in der Journalisten vermehrt zum Ziel von Aggressionen oder sogar zum Schweigen gebracht werden, verdeutlichen uns die Gewinner der Rory Peck Awards die Wichtigkeit der unabhängigen Berichterstattung sowie das Engagement von Freiberuflern, unbekannte Geschichten zu bezeugen und aufzudecken und das oft zu einem erheblichen persönlichen Preis. Die Arbeit der diesjährigen Finalisten und Preisträger hat unser Verständnis unserer Welt enorm verbessert. Sie verdienen unseren Schutz, unsere Anerkennung und Unterstützung.«

Der Rory Peck Award für News ehrt die Arbeit freiberuflicher Kameraleute, deren Fokus auf der zeitlichen Aktualität der Ereignisse liegt. Die Kandidaten für diese Kategorie haben die Ereignisse, von denen in den internationalen Nachrichten berichtet wird, mit eigenen Augen gesehen.

Preisträger dieser Kategorie war in diesem Jahr der 23-jährige Freiberufler Pacôme Pabandji aus der Zentralafrikanischen Republik. Sein Film zeugt von der Gewalt und dem Schrecken in Bangui sowie anderen Teilen der Zentralafrikanischen Republik, die vom Bürgerkrieg zerrissen ist. Sonia Mikich hob das besondere Engagement des Preisträgers hervor, der den erbitterten und gefährlichen Konflikt in seinen Beiträgen zeige, als stünde er abseits des Geschehens, obwohl er und seine Familie mittendrin leben.

Eine weitere Finalistin in dieser Kategorie war die Amerikanerin Nichole Sobecki. Sie berichtete von der Terrorattacke in der Westgate Mall in Nairobi in Kenia – und zwar deshalb, weil Sobecki in Nairobi wohnt – und zwar gar nicht so weit weg von der betroffenen Mall. Als sie von dem Vorfall hörte, fuhr sie sofort hin, um zu berichten. Gemeinsam mit Einsatzkräften vor Ort gelangte sie in die Mall und fing mit ihrem Sony-Handheld die Bilder ein, die in vielen Nachrichtensendungen zu sehen waren.

Mit Andriy Perun gab es einen weitere Finalisten, der für Reuters aus der Ukraine berichtete und Bilder inmitten von Polizei und Demonstranten am Majdan Nesaleschnosti mitten im Zentrum von Kiew einfing.

Das Video zeigt einen kurzen Zusammenschnitt der Award-Verleihung.

Mit dem Rory Peck Award für Features wird die Arbeit freiberuflicher Kameraleute ausgezeichnet, die im Bereich Nachrichten und Aktuelles ausführliche Reportagen realisieren.

Einer der Finalisten war in dieser Kategorie der Deutsche Marcel Mettelsiefen mit seinem Beitrag »Children on the frontline«, den er im Juli und August 2013 in Syrien drehte und gemeinsam mit Anthony Wonke produzierte. Darin erzählen fünf Kinder von ihrem Leben angesichts der Isis-Bedrohung und des Bürgerkriegs in Syrien. Neben einer extrem kompakten Sony-Kamera ist Mettelsiefen oft mit Canons C300 unterwegs — und dreht damit Bilder beeindruckender Intensität.

Dass Bilder von Single-Sensor-Kameras auch im Nachrichtenbetrieb Einzug halten, hielt man noch vor wenigen Jahren für eher unwahrscheinlich, doch mittlerweile sieht man immer mehr Bilder solcher Kameras in den News und in längeren Reportagen aus Krisengebieten — vor allem dann, wenn die Kameraleute den Blick des Zuschauers noch besser lenken möchten. In vielen Situationen sind klassische Handhelds aber nach wie vor eine gute Wahl. Muhammad Ali, ein weiterer Finalist dieser Kategorie, drehte beispielsweise von November 2013 bis Januar 2014 ebenfalls in Syrien. Für seine Einsätze war es wichtig, robustes Equipment zu haben, das er schnell und unkompliziert bedienen konnte.

Beim Preisträger in dieser Kategorie spielten ganz andere Aspekte eine Rolle: Eine Gruppe aus sechs anonymen Kameraleuten aus Nordkorea drehte Szenen in einem Land, von dessen Innenleben nahezu nichts bekannt ist. Bei diesem Undercover-Dreh ging das Team, das in China von dem japanischen Journalisten Jiro Ishimaru ausgebildet wurde, ein enormes Risiko ein. Aufnahmen, wie man sie von Handys kennt, liefern hier seltene Einblicke in das Innenleben des wohl abgeschottetsten Staates der Welt. Die Jury wies auf die enorme historische Bedeutung des Werkes sowie auf den außergewöhnlichen Mut des Teams hin, dessen Mitglieder ihr Leben aufs Spiel setzten, um diese Geschichte zu erzählen.

Sony ist Sponsor der dritten Kategorie des Rory Peck Awards, dem Sony Impact Award. Der Preis zeichnet die Arbeit freischaffender Film- und Fotojournalisten aus, die auf humanitäre Probleme aufmerksam machen und deren Beitrag internationale Auswirkungen hat oder zu einer Veränderung der Wahrnehmung oder Politik beiträgt.

Olivier Bovis, Head of Marketing AV Media and Solutions von Sony Europe, sagt über das Engagement von Sony bei diesem Preis, dass man schon seit vielen Jahren den Rory Peck Trust unterstütze und damit einen kleinen Beitrag leisten wolle, die Arbeit der Journalisten in Krisengebieten zu unterstützen.

Zu den Finalisten des Sony Impact Awards zählte unter anderem Safa Al-Ahmad. Geboren in Saudi-Arabien, lebt sie heute in Istanbul. In ihrer Heimat Saudi-Arabien drehte sie einen Film über Proteste, die es im sogenannten Arabischen Frühling auch durchaus in Saudi-Arabien gegeben habe — aber darüber werde eben nicht berichtet, so Al-Ahmad. Sie drehte für »Saudi’s Secret Uprising« in Saudi-Arabien mehr oder weniger undercover mit einem Canon-XF-Camcorder. »Ich transportierte die Kamera in meiner Handtasche und war praktisch sofort drehbereit, sobald ich irgendwo Zugang fand.« Auf die Frage, ob sie als Frau in Saudi-Arabien nicht Probleme beim Dreh bekommen habe, antwortet Safa Al-Ahmad, dass es für sie sogar leichter gewesen sei, weil sie sich vollkommen unauffällig bewegen konnte. Für sie sind Aspekte wie Kompaktheit und einfache Bedienung bei ihrem Equipment sehr wichtig. Sie hat auch schon mit einer Canon-DSLR 5D gearbeitet, hält DSLR-Kameras bei solchen Einsätzen aber für ungünstig, weil sie mehr Aufmerksamkeit bei der Bedienung erforderten — und diese Zeit gebe es bei solchen Drehs meist nicht nicht, so Al-Ahmad.

Ruhi Hamid ist eine andere Filmemacherin, die für den Sony Impact Award nominiert war. Sie dreht mit einem PMW-200 von Sony und schätzt an der Arbeit mit dem Camcorder, dass sie damit vergleichsweise diskret drehen kann. Sie habe schon sehr viele Projekte über Frauen realisiert, und gerade bei sensitiven Themen sei es wichtig, möglichst zurückgenommen arbeiten zu können und in den Gesprächen mit den Protagonisten die Nähe zu schaffen, die es in den Interviews brauche, um offene Gesprächspartner zu bekommen. Ihr Vorteil bestehe darin, dass sie aufgrund ihres Aussehens in verschiedenen südlichen Ländern als Einheimische durchgehe, sagt Ruhi Hamid.

Anders als Hamid arbeiten die meisten Krisenreporter bei ihren Einsätzen aber mit lokalen Übersetzern und Kontaktpersonen, den sogenannten Fixern, die überhaupt erst den Kontakt zu den Protagonisten herstellen.

Das war auch beim Preisträger in dieser Kategorie so: Der britische Freiberufler Ben Steele zeigt in seinem Beitrag »Hunted« die Welt einer russischen Bürgerwehr, die Jagd auf Schwule macht, sie fängt, erniedrigt und missbraucht. Ben Steele war mit seiner Canon C300 mit dabei, als ein junges Opfer eine gewaltsame Befragung über sich ergehen lassen musste. Eine äußerst kritische Situation, in der der Filmemacher situativ entscheiden musste, wo die Grenzen dieses Drehs lagen.

Das Video zeigt einen kurzen Zusammenschnitt der Award-Verleihung.

Die Jury lobte Ben Steeles mitfühlenden und neutralen Ansatz. Zudem stelle der Film ausgesprochen erfolgreich dar, wie sich die homophobe Atomsphäre in Russland anfühle, so die Jury. Bei seiner Ausstrahlung kurz vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi löste die Reportage eine öffentliche Debatte aus.

Bei diesem Dreh arbeitete Ben Steele mit der C300 und einer Festbrennweite. So konnte er den Blick des Zuschauers ganz gezielt lenken – musste aber auch immer entscheiden, wo er mit der Kamera hinblickte. Steele sieht in der Arbeit mit Primes und einer Single-Sensor-Kamera viele gestalterische Möglichkeiten, mit denen er die Zuschauer auf emotionaler Ebene erreichen kann. Er ist sich sicher, dass sich dieser Trend fortsetzen werde und glaubt, dass die Zeit der großen Schultercamcorder abgelaufen sei.

Der diesjährige Martin Adler Prize ging an den palästinensischen freiberuflichen Journalisten und Übersetzer Khaled Abu Ghali. Mit diesem Preis, der nun schon seit sechs Jahren verliehen wird, wird die Arbeit eines lokalen Freiberuflers gewürdigt, der sich besonders um den Nachrichtenjournalismus verdient gemacht hat. In seiner 14-jährigen Karriere berichtete Khaled Abu Ghali mehrfach von den hitzigsten Phasen des Gazakonflikts, vor allem in den Jahren 2006, 2009, 2012 sowie im Sommer 2014. Khaled Abu Ghali hat mit vielen der wichtigsten Nachrichtensender der Welt zusammengearbeitet und für sie viele hochinteressante Interviews organisiert und die Reporter und Nachrichtenteams vor Ort unterstützt.

Autor
Christine Gebhard
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