Editorial, Kommentar, Top-Story: 04.11.2015

Tonprobleme

Dass der Ton bei Medienproduktionen oft unterbewertet wird, ist leider eine schon seit vielen Jahren nahezu konstante Erscheinung. Das fängt schon bei der Originalaufnahme an und zieht sich bis zur Ausstrahlung durch. Selbst bei der Vorzeigeproduktionsreihe der ARD, dem »Tatort«, gibt es immer wieder Probleme, die sogar zu Zuschauerbeschwerden führen — und das bei einem Publikum, dem über die Jahre auch im Tonbereich schon sehr viel zugemutet wurde und bei dem man durchaus auch schon auf eine gewisse Abstumpfung schließen kann.

Neue Tiefpunkte der Tonqualität sind aber nahezu täglich im TV-Programm und natürlich auch bei Youtube und anderen Streaming-Portalen zu hören. Vielleicht eine Parallele zur Entwicklung im Telefonbereich? Es gab nämlich mal eine Zeit, da konnte man klar verständliche Telefongespräche führen und musste nicht mit zerhackstücktem Geräuschmüll, Delays und Echoeffekten kämpfen, wie sie in der Handy-Telefonie und bei IT-basierten Festnetzanschlüssen heute fast schon normal sind.

Aber zurück zum Thema: Weil bei vielen Medienproduktionen mittlerweile aus vielerlei Gründen massiv die Kosten gedrückt werden, trifft das auch den ohnehin oft schon von vornherein stiefmütterlich behandelten Tonbereich nochmal zusätzlich — und das kann man hören.

So gibt es etwa grauenhaft nachsynchronisierte Produktionen nicht mehr bloß bei Teleshopping-Anbietern, sondern — wenn auch nicht unbedingt mit den gleichen extremen Stilblüten — auch in anderen Marktsegmenten.

Immer öfter — so zumindest die individuelle Wahrnehmung der Autoren dieses Editorials — sind dabei nicht nur die Texte grässlich schlecht übersetzt und vollkommen unzulänglich an die Mundbewegungen angepasst, sondern es kommt oft auch noch eine Bild/Ton-Schere dazu, die man selbst dann kaum mehr ausblenden kann, wenn man gutwillig und leidensfähig dabeibleibt, weil einen das Thema interessiert.

Ein Beispiel: Der Moderator sitzt in einem großzügigen, plüschigen Wohnzimmer, der Ton klingt aber wie aus einem Gästeklo. Und um Geld zu sparen, sprechen zwei Synchronsprecher alle sieben Personen, die in der Produktion vorkommen — aber nicht etwa mit kunstvoll veränderter Stimme, sondern in einem lustlosen Rhabarberton, der unhörbar das Gefühl des gesamten Synchronteams transportiert: »Lass uns das einfach schnell durchhauen, maximal zwei Takes pro Segment müssen reichen, sonst legen wir drauf.«

Da reißen Hintergrundgeräusche ab, oder sie wurden gleich ganz weggelassen: Die Präsentatorin oder Schauspielerin bewegt sich in der Natur, im Hintergrund sieht man das Meer, der Wind wiegt die Pflanzen sanft hin und her — als Zuschauer hören wir aber nur den toten Sound aus der Sprecherkabine. Das tut weh. Von Retortendudelmusik und vollkommen unambitionierter, nachlässiger Tonmischung wollen wir hier gar nicht sprechen, denn die Probleme sind mittlerweile offenbar schon viel fundamentaler.

Ein weiteres Beispiel für die Missachtung der Bedeutung des Tons kommt aus einem etwas anderen Marktbereich: Es sind die mit Computerstimmen vertonten Online-Videos, die man in immer mehr Bereichen zu hören bekommt. Seelenlose Automaten lesen mit Minimalmodulation und seltsam abgehackt die Texte vor: Was in Warteschleifen und bei Durchsagen am Flughafen üblich ist, kommt also nach und nach in der Medienproduktion an. Nur konsequent nach all den schlechten Übersetzungsmaschinen und den sprachgesteuerten Smartphones?

Guter Ton kann eine ansonsten schlechte Medienproduktion in aller Regel auch nicht retten, aber schlechter Ton kann eine ansonsten gute Medienproduktion ruinieren — und guter Ton kann eine gute Produktion zu einer sehr guten adeln. Einfache Weisheiten, die aber viele in der Branche zunehmend zu vergessen scheinen.

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Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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