Broadcast, IP, IT, Report, Veranstaltung, Workflow, Ü-Wagen: 27.02.2019

Technology Innovation Days: IP und HDR

Rohde & Schwarz, Lawo und Sony luden während der Berlinale zu den »Technology Innovation Days«. Die Veranstaltung im 3IT-Center des Berliner Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institutes vermittelte Erfahrungen mit großen IP-Vernetzungsprojekten und beleuchtete die Bildverbesserungsmöglichkeiten mit HDR in 2K und 4K.


HDR
Technology Innovation Days, Mike Christmann
Mike Christmann, Flying Eye.

Flying Eye-Berater Mike Christmann erinnerte an die explosive Entwicklung der Konfigurationsmöglichkeiten bei der Ausstrahlung. Er zählte allein 1.296 Varianten, nur für 4:2:2 und ohne Berücksichtigung der Kompression. Mit 4K und Bildverbesserungen wie High Dynamic Range (HDR) und High Framerate (HFR) werde das nicht eben weniger. Mit Blick auf die Signalkette winkte er mit einem Zaunpfahl: HDR und SDR unterscheiden sich bis zum Zuschauer in der Gerätestruktur. Qualitätsverluste durch (die durchaus häufigen) Signalwandlungen irgendwo im Workflow seien nicht reversibel. Denn auf Verbraucherseite sei ja nicht bekannt, was zuvor mit dem Signal angestellt wurde. Christmann warnt auch vor nachlässigem Umgang mit den Farbräumen. Beispielsweise könnten Wandlungen von BT.709 nach BT.2020 zu Fehlfarben, Ausbrennern, Helligkeitsfehlern führen. Christmann empfahl, den Kontrastumfang keinesfalls anzutasten, während die Helligkeitswerte komprimiert durchgereicht werden könnten. Unterm Strich plädiert er für 1080p/50 mit HDR. Der Vorteil: Die Bildverbesserung durch den erhöhten Kontrastumfang könne bis zum Zuschauer transportiert werden.

HDR tut Sport gut
Foto: EBU.
Bei den European Championchips im August 2018 testete die EBU HDR mit 1080p und 2160p.
Grafik: Driesnack, IRT.
Der Video-Workflow für das 4k HDR-Projekt anlässlich der European Championchips.

Anlässlich der European Championchips im Sommer 2018 probte die EBU die Live-Produktion in 4k HDR. In Berlin kamen bei dem Projekt vier Kameras HDC-4300 in einem SDI Netz am XVS7000-Mischer zum Einsatz. Für Dagmar Driesnack, seitens des IRT für das Projekt verantwortlich, waren zunächst regelmäßige Standortwechsel wichtig, um ein breites Angebot an tageszeitlich und örtlich unterschiedlichen Lichtsituationen bewerten zu können. Schon in der Vorbereitung wurde klar, dass ein Hochrechnen des SDR-Signals auf HDR Hauttöne unerwünscht beeinflussen könne. Es empfehle sich also, das HDR-Signal herunterzukonvertieren, wenn eine SDR-Ausstrahlung gewünscht sei. Produziert wurde parallel in 2160p/100 (mit und ohne HDR) und in 1080p/50 HDR. Driesnack machte den Aufwand einer 4k HDR-Produktion deutlich: Es brauche je Signal acht SDI-Kabel. Probleme scheint es noch beim Ansprechen einiger Geräte zu geben, und HEVC-Encoder waren nur als Prototyp verfügbar. Aus Sicht von Driesnack ist 1080p/50 mit HDR eine optimale Lösung – wohl auch auf Zuschauerseite. Dort müsse aber die Abwärtskompatibilität gesichert sein. (film-tv-video.de berichtete über das Projekt).

In Berlin wurde auch mit dem Ton einiger Aufwand getrieben. Der mit Arraymikros ORTF-3D von Schoeps und em32 Eigenmike von mh Acoustics aufgenommene Multikanalton wurde 4+7+0 für die Abstrahlung in zwei »Etagen« abgemischt. Um die Synchronität von Bild und Ton herzustellen, wurde dem Bild ein kleines Delay verpasst.

»Parallelproduktion mit einer Ressource«
Foto: TVN.
Mönchengladbach gegen Leipzig, HDR mit UHD – getestet 2017 in Leipzig.

Am anderen Ende der Signalkette operiert der Broadcast-Dienstleister TVN. Das Unternehmen produziert seit 2016 Bundesligaspiele für Sky in UHD und seit 2017 auch für Sportcast. Geschäftsführer Markus Osthaus konstatierte nach Tests einen Qualitätsverlust beim Herunterkonvertieren von 4K auf HD. Weil aber eine Doppelproduktion zu teuer war, verlegte man sich auf eine »Parallelproduktion mit einer Ressource« – also das Hochkonvertieren von HD, was aber deutlich mehr Signal-Kapazitäten erfordere.

Die Kameras seien grundsätzlich auf HDR/Slog3 eingerichtet. So könne, wenn vom Kunden gewünscht, eine Aufzeichnung in höchster Qualität bereit gestellt werden. Neben dem HD-Sendesignal bekamen UHD-Sender ein UHD HDR-Signal, das von Slog3 auf SDR konvertiert war. Für einen Showroom im Stadion und eine Aufzeichnung wurde zusätzlich ein SLog3-Signal auf HLG gewandelt. Mit dieser Arbeitsweise bewirke eine HDR-Produktion keine allzu großen Veränderungen. Ein Beispiel hierfür war das Finale der Champions League in Kiew. Auf Anforderung der UEFA waren zwei Ü-Wagen vor Ort, die Produktion wurde mit 30 Kameras Sony HDC-4300 gefahren, von denen sechs für Highspeedaufnahmen konfiguriert wurden. (Bericht von film-tv-video.de)

Markus Osthaus, TVN, Technology Innovation Days
Markus Osthaus, TVN

Osthaus verwies außerdem auf ein vom Umstieg auf HD her bekanntes Phänomen: Schnelle Bewegungen könnten in UHD verschwommen aussehen. Die bei Sportproduktionen geforderten langbrennweitigen Schüsse auf die Spieler geben die Schärfe in der Tiefe des Bildes unzureichend wieder, so Osthaus. Gerade bei UHD werde jedoch ein völlig scharfes Bild verlangt. Weil die 12Kanal-XT3 Server nur Kapazität für zwei UHD-Kameras böten, seien weitere EVS-Geräte erforderlich. Auch gebe es noch zu wenig 2/3 Zoll UHD-Highspeed-Kameras.

HDR in 1080p/50 bringt auch aus Sicht von Osthaus eine deutliche Bildverbesserung für den Zuschauer. Auch HFR mit 100 Hz kann er sich vorstellen – trotz des doppelten Bandbreitenbedarfs und der höheren Kosten. Und er wendet ein: Wozu noch mehr Pixel? Spätestens bei 8K stimme der Betrachtungsabstand zuhause nicht mehr. Gern würde Osthaus künftige Ü-Wagen mit IP-Ausstattung ordern. Er sieht aber noch Probleme bei der Synchronität und fragt nach dem Havarie-Management: »Wie schnell bootet der Rechner?» und »Was, wenn die Störung dann nicht beseitigt ist?«

Bildverbesserung dank HDR
Die Veranstalter zogen ein positives Resümee der Veranstaltung. V. r. n. l.: André Vent, Michael Bauer, Juliane Struck und Martin Olff.

Die Unterhaltungselektronik-Hersteller haben den Begriff »Innovation« im Kampf verschlissen. Mit angeblichen Verbraucherwünschen üben sie Druck auch auf die Hersteller professioneller Produkte aus. Die Behauptung, man könne die vom Kino bekannte Qualität auf dem heimischen Fernseher wiedergeben, wird durch Ausstrahlung mit Kompression und Interlacing (letzteres außer DVB-T2 HD) aber letztlich konterkariert. Einig waren sich etliche Teilnehmer der Technology Innovation Days, dass 1080p/50 in Kombination mit HDR machbar sei und dass die gravierende Bildverbesserung mit eher einfachen Mittel zum Zuschauer transportiert werden könnte. 

Dass alle großen deutschen Programmfamilien sich bei der Terrestrik gegen das Interlacing und für HDTV in 1080p/50 entschieden haben, war ein großer Schritt nach vorne. Vielleicht ist nun der richtige Zeitpunkt, diesen Fortschritt den Zuschauern der anderen Verbreitungswege zugänglich zu machen und 1080p/50 überall mit HDR zu verbinden.

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