Automation, Broadcast, Live, Sport, Streaming, Top-Story: 20.02.2017

Sporttotal.tv: Bildregie als Cloud-Service

Wige Media hat eine Partnerschaft mit dem Deutschen Fußball-Bund geschlossen und stattet im Rahmen dieser Vereinbarung deutsche Amateurvereine mit einer speziellen Videotechnik aus. Die erlaubt es, Fußball-Spiele in hoher Qualität und vollautomatisch live zu übertragen.

Fußballspiele live und auf Abruf auf diversen Endgeräten: Das ist das Konzept von Sporttotal.

Wige Media will hierfür in den kommenden Jahren die Plattform Sporttotal.tv massiv ausbauen. Dort sollen — zunächst — Fußballspiele der niedrigeren Ligen zu sehen sein, live oder als Aufzeichnung. Der Clou dabei: Ein lernender Algorithmus übernimmt die Bildregie und bereitet die Spiele automatisiert visuell ansprechend auf.

Pilotversuch in Deutschland läuft

Sporttotal, Logo
Die Plattform Sporttotal soll in den kommenden Monaten sukzessive ausgebaut werden.

Derzeit sollen im Rahmen der Partnerschaft Fußballspiele aus unteren Ligen mit dem System gestreamt werden. Zunächst installierte Wige für die Rückrunde 2017 Anfang Februar erste Pilot-Systeme. Die übertragenen Spiele können die Fußballfans in der Basisversion kostenfrei verfolgen — auf einer Website oder per App.

Nach einer Testphase soll beurteilt werden, ob die innovativen Systeme in weiteren Ligen und Spielklassen zum Einsatz kommen.

Nach einer Testphase soll beurteilt werden, ob und in welchem Umfang in der zweiten Jahreshälfte die innovativen Systeme in weiteren Ligen und Spielklassen zum Einsatz kommen — wie und ob sich das System in Richtung höherer Ligen entwickeln wird, ist also offen. Aber zusätzlich kommen prinzipiell auch viele andere Sportarten für diese Art der Übertragung in Betracht.

Dr. Rainer Koch, der 1. DFB-Vizepräsident Amateure ist auf der Verbandsseite Ansprechpartner für die Aktivitäten von Sporttotal.tv.

Dr. Rainer Koch, der 1. DFB-Vizepräsident Amateure, sagt über Sporttotal.tv und das technische Konzept: »Dies ist ein gleichsam faszinierendes, wie innovatives Projekt. In der Pilotphase überprüfen wir, ob dieses Kamerasystem im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Perspektive für den Amateurfußball bietet.«

Systemkonzept von Sporttotal.tv

Das Grundprinzip könnte man so zusammenfassen: Eine festinstallierte Kamera nimmt die Spiele auf und überträgt sie in die Cloud. Dort fügt eine Software die Bilder zu einem nahtlosen Panoramabild in hoher Auflösung zusammen.

Panorama, Sporttotal
Das Panoramabild ist nur eine der verfügbaren Darstellungen von Sporttotal.

Gleichzeitig ist aber auch ein lernfähiger Algorithmus am Werk, der die Spielsituation per Bilderkennung analysiert. Dieser Algorithmus übernimmt dann die Bildregie: Er zoomt in das Panoramabild, schwenkt mit dem Spielgeschehen mit — und zeigt dadurch wichtige Spielszenen in einem vergrößerten Bildausschnitt, produziert also ein fernsehähnliches Programmsignal in HD-Qualität.

Sporttotal Grafik
Das Grundprinzip von Sporttotal im Überblick.
Sporttotal, Screen.
Die Zuschauer können mit dem Bildmaterial interagieren.

Der Zuschauer hat also ein fernsehähnliches Erlebnis — wenn er das will. Alternativ kann er nämlich auch das Panoramabild sehen und bei Bedarf selbst einen Ausschnitt daraus auswählen, seine Lieblingsszenen markieren und die entsprechenden Passagen in sozialen Medien teilen. Es ist auch möglich, ein ganzes Spiel herunterzuladen.

Sporttotal, Screen
Der Zuschauer kann seine Lieblingsszenen wählen, markieren und die entsprechenden Passagen in sozialen Medien teilen.

Dr. Rainer Koch vom DFB sagt dazu: »Besonders die jugendlichen Fußballerinnen und Fußballer kommunizieren über die sozialen Netzwerke. Sie können dann auch Bewegtbildsegmente von Spielen ihrer eigenen Mannschaft und ihres Heimatvereins posten und teilen. Vom Live-Stream dieser Spiele versprechen wir uns eine zusätzliche Aufwertung. Jeder sieht dann, wie attraktiv Amateurfußball sein kann.«

Wige, Sporttotal, Ben Lesegeld, Porträt
Ben Lesegeld von Sporttotal.tv.

»Der Algorithmus lernt von Spiel zu Spiel dazu«, erläutert Ben Lesegeld von Sporttotal.tv einen wichtigen Aspekt der Technik.

»Wir konnten etwa schon nach den ersten Spielen feststellen, dass er bei Pässen immer genauer die Flugbahn des Balls abschätzt und weiß, wo der Ball landen wird. Dadurch wird die Bildführung im Lauf der Zeit immer besser.«

Prinzipiell ist das System für den automatisierten, weitgehend personalfreien Betrieb konzipiert, es ist aber beispielsweise problemlos möglich, einen Kommentator zuzuschalten und somit die Berichterstattung weiter anzureichern.

Sporttotal, Kamera, Stadion
Am Anfang des Systems steht eine besondere Kamera.
Sporttotal. Schema
So bringt Sporttotal die Bilder auf die Geräte der Endkunden.

Weitere, detailliertere Infos zum System

Das System ist so konzipiert, dass es ohne technisches Personal vor Ort auskommt und ein lernfähiger Algorithmus die Bildregie übernimmt und so die Bilder ansprechend präsentiert.

Lemur, Sporttotal
Die Kamera wird fest installiert.

Die Kamera kommt von JAI und wird unter dem Namen Lemur als Teil einer kompletten Lösung vom israelischen Unternehmen Pixellot angeboten. Wige hat bei Pixellot für die Technologie ein exklusives Nutzungsrecht für Deutschland erworben.

Vor Ort wird eine spezielle, wetterfeste Kamera fest installiert, die man von weitem auch für einen Lautsprecher halten könnte: Sie ist als senkrechter Zylinder mit 31 cm Höhe und rund 15 cm Durchmesser ausgeführt.

Sporttotal, Kamera
Die Kamera wird auf Höhe der Mittellinie montiert.

Diese Kamera wird auf Höhe der Mittellinie installiert, in ungefähr 5 m Entfernung von der Seitenline und in ungefähr 5 m Höhe.

Innerhalb der Kamera sind vier gegeneinander verdrehte, einzelne Kameramodule am Werk, deren Bildfeld sich teilweise überlappt. Vor den Sensoren sind weitwinklige Objektive mit einer Brennweite von 12,5 mm installiert.

Sporttotal, Screens
Sporttotal bietet auch eine fernsehartige Aufbereitung an, per Zooms und Schwenks wird der jeweils wichtigste Spielausschnitt vergrößert gezeigt.

Insgesamt nimmt die Kamera so ein Panoramabild des Spielfelds auf, mit einem Blickwinkel von insgesamt 180 Grad horizontal und 60 Grad vertikal. Auf einem Fußballplatz erfasst die Kamera unter den genannten Begebenheiten ein Bildfeld mit einer Breite von rund 165 m. Sollten es die Verhältnisse erfordern, kann auch mit anderen Objektiven gearbeitet werden, hierfür stehen Linsen mit 16 mm Brennweite zur Verfügung.

Die Videobilder mit einer kombinierten Auflösung von 8K werden über Cat7-Netzwerkkabel zu einer Rechnereinheit transportiert.

Über einen eigens dafür konzipierten seriellen Anschluss am Kameragehäuse werden die Videobilder mit einer kombinierten Auflösung von 8K, gemeinsam mit den Audiosignalen (Stadionton) über Cat7-Netzwerkkabel zu einer Rechnereinheit transportiert.

Von dort werden die Bildsignale der Kamera — per RTSP — live aus dem jeweiligen Stadion an die technische Zentrale von Wige in Köln gestreamt.

Sporttotal, Kamera, Lemur
Innerhalb der Kamera sind vier gegeneinander verdrehte, einzelne Kameramodule am Werk, deren Bildsignale zu einem Panorama kombiniert werden.

Dort angekommen, werden die Bilder dann verarbeitet und ausgegeben: In Form eines fernsehartig aufbereiteten HD-Signals mit Zooms und Schwenks und zusätzlich als 180-Grad-Panorama-Livestream.

Beide Signale können aber nicht nur live betrachtet werden, sondern stehen kurze Zeit nach Event-Ende auch zum Abruf per VoD bereit.

Gespeichert werden Mezzanine-Files, aus denen dann die jeweils für die verschiedenen Endgeräte passenden Dateiformate generiert und dann ausgeliefert werden.

Sämtliche Transcodings der Mezzanine-Files erfolgen innerhalb der zum System gehörenden Software. Zur Archivierung werden die segmentierten Datenpakete in einem speziellen Blob-Storage abgelegt. Die Mezzanine-Files werden als MP4-Files gespeichert.

Sporttotal Kamera
Die Kamera kostet rund 10.000 Euro.

Kosten, Finanzierung

Die Kamera kostet rund 10.000 Euro und wird von Wige fest installiert, die Vereine müssen dafür — zumindest in der derzeitigen Testphase — nichts bezahlen. Die Teilnahme ist für die Vereine laut Verband vollkommen freiwillig.

Sporttotal, Screen
Die Zuschauer können im Material navigieren und damit arbeiten.

Sporttotal.tv soll auf zwei Wegen finanziert werden: Über werbefreie Premium-Abonnements einerseits und über Werbung andererseits. Zudem soll es eine enge Kooperation zwischen Sporttotal.tv und Fussball.de, der Amateurfußballplattform des DFB geben.

Ausbau, Nutzung

Sporttotal, Screen
Wige geht davon aus, dass die Vereine die Vorteile von Sporttotal erkennen und mitmachen wollen

Wige geht davon aus, dass die Pilotphase erfolgreich verläuft und dass die Vereine die Vorteile erkennen und mitmachen wollen: Bis Mitte 2017 werden laut Wige 50 Fußballvereine die Technologie einsetzen. Innerhalb von zwei Jahren will Wige das System dann auf 3.000 Plätzen in Deutschland installiert und im Betrieb haben, so das Ziel.

Derzeit nutzt ein größerer Anteil der Zuschauer Sporttotal auf einem Rechner. Wige geht aber davon aus, dass sich dieses Verhältnis in Zukunft immer mehr in Richtung mobiler Devices verschiebt, also immer mehr Nutzer mit der App von Handys und Tablets aus auf die Inhalte von Sporttotal.tv zugreifen.


Imagevideo der neuen Plattform.
Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
Bildrechte
Wige Media, DFB
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