Festival, Top-Story: 05.05.2021

Filmtipps fürs 36. Dokfest München 2021

Das Dokfest München 2021 startete am 5. Mai sein 18 Tage langes Online-Festivalprogramm. Die Filme stehen bis zum 23. Mai online zur Verfügung, es gibt Einzeltickets und einen Festivalpass.





LAND
[Einblicke, Landwirtschaftliche Produktion]
Deutschland 2020 / 76 Minuten

Der Bauernhof gilt als der Ort, von dem unsere Lebensmittel kommen — und wird oft mit aberwitzigen Klischeevorstellungen verknüpft. Dieser Film gibt einen Einblick in die industrielle Produktion von Lebensmitteln und folgt dabei einem strikten formalen Konzept, das man aus der Architekturfotografie kennt: alles im rechten Winkel.

Land

Die Kamera fährt vorweg, fährt hinterher, fährt seitlich mit oder steht genau ausgerichtet zum Horizont. Die Einstellungen sind lang, und ganz selten gibt es einen Schwenk. Wir sehen aus der Drohnenperspektive senkrecht von oben Landschaft, Felder, Wald, abstrakte, von Menschen gestaltete Flächen — und wir bekommen Einblicke in große Industriebetriebe, die Pflanzen und Tiere mit Hightech in Massen herstellen. Dazwischen kommen auch mal Menschen in ihrer Freizeit vor, die sich im gleichen Rhythmus verhalten und bewegen wie die Produktionsprozesse, die sie steuern. Die wenigen Sätze, die im Film gesprochen werden, fallen am Rande und spielen keine Rolle. Es ist ein Film ohne jeden Dialog, begleitet nur von einer Musik, die den Zuschauer in meditative Stimmung versetzt und nicht der beliebten Dramatisierung dient.

Normalerweise lege ich bei meinen Tipps keinen Wert darauf, die Macher zu benennen. Bei diesem hier, der auch für die Kamera verantwortlich zeichnet, handelt es sich um den NDR-Redakteur, der auch für »Lovemobil« zuständig war.
Sehenswert: *****

HE’S MY BROTHER
[Behinderung, Pflege, Verantwortung]
Dänemark 2020 / 82 Minuten

Peter ist durch eine Frühgeburt behindert, kann weder sehen noch hören und sich nur mit dem Geruchssinn, dem Geschmack und dem Berühren orientieren.

He’s my Brother

Er ist einer von drei solcher Fälle in den skandinavischen Ländern. Der Film wird von seiner jüngeren Schwester Christine erzählt, die mitten in den 20er Jahren von zu Hause auszieht. Der nun 30 Jahre alte Peter ist immer der Mittelpunkt der Familie gewesen und reagiert zunehmend aggressiver auf Veränderung. Die Familie steht vor dem Problem, wie seine Betreuung in Zukunft gesichert werden kann.
Sehenswert: ***

MENSCHENSKIND!
[Kinderwunsch, Samenspende]
Tschechien 2020 / 82 Minuten

Die Filmemacherin ist alleinstehend, lebt als Künstlerin in der Schweiz und erfüllt sich den Kinderwunsch mit Hilfe einer Samenspende.

Menschenskind!

Sie zieht ihre Tochter alleine auf. Irgendwann stellt sich die Frage, wie erkläre ich später dem Kind, wer der Vater ist, der anonym bleiben soll, aber tatsächlich in der Persönlichkeit des Kindes vorhanden ist. Sie spricht mit Betroffenen, die mit Hilfe einer Samenspende zur Welt kamen, und beleuchtet so die Perspektive der Kinder, die beim Kinderwunsch meist nicht berücksichtigt wird. Im Freundeskreis bei einem lesbischen Paar ist die Situation noch viel vertrackter.
Sehenswert: ***

Zuhurs Töchter

ZUHURS TÖCHTER
[Transgender, Geschlechtsumwandlung]
Deutschland 2021 / 89 Minuten

Lohan und Samar sind die älteren Söhne einer kinderreichen syrischen Flüchtlingsfamilie in Deutschland und haben die Pubertät hinter sich. Sie fühlen sich aber im falschen Körper geboren und wollen ihre weibliche Identität ausleben. Während die Eltern in traditionellem Glauben und Werten verharren, nutzen die beiden die in dieser Beziehung offenere Gesellschaft in Deutschland. Der Film begleitet die zwei über drei Jahre hinweg bis zur medizinischen Geschlechtsangleichung.
Sehenswert: ***

Bilder (M)einer Mutter

BILDER (M)EINER MUTTER
[Familienporträt, Frauenbewegung]
Deutschland 2021 / 78 Minuten

Die Filmemacherin rekonstruiert die Lebensgeschichte ihrer Mutter, die früh 1993 an Krebs verstorben ist. Diese Rekonstruktion gelingt, weil der Vater schon das Kennenlernen in den 70er Jahren mit Super-8-Film festgehalten hat und später das Familienleben mit Video aufzeichnete. Mit dem Tagebuch der Mutter gelingt der Tochter so eine intensive Erzählung der Vergangenheit aus der mütterlichen Perspektive, die gleichzeitig einen Blick auf das Rollenbild der Frau der 70er bis 90er Jahre wirft. Die Mutter durfte erst mit 21 Jahren selbst bestimmen, schloss 1976 die sogenannte Hausfrauenehe. Erst 1980 wurde die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz durchgesetzt. Im individuellen Schicksal der Mutter steckt durch die Erzählung und Montage der Filmemacherin das Allgemeine einer ganzen Epoche.
Sehenswert: ****

Die Kunst der Folgenlosigkeit

DIE KUNST DER FOLGENLOSIGKEIT
[Verbrauch von Ressourcen]
AT, DE 2020 / 73 Minuten

Dieser Film thematisiert sich selbst und sagt letztlich: Das Beste für diesen Film wäre, man würde ihn gar nicht erst anschauen und er würde folgenlos bleiben. Durch das Anschauen werden aber immerhin weniger Ressourcen verbraucht, als durch den Dreh. Am allerbesten, man hätte den Film erst gar nicht gedreht.

Es ist ein fiktionaler Kurzfilm zwischen Küche und Dinnerraum, er dreht sich um die Frage der Folgenlosigkeit und der Kunst. Das Ganze wird mit einem dokumentarischen Making-Of der Dreharbeiten verschnitten, in dem Regisseur, Autor und Darsteller in Interviews über die Folgenlosigkeit sinnieren. Visuell ist das Ganze nicht besonders attraktiv, und sicher wäre der Stoff in einem Hörspiel viel besser aufgehoben gewesen.
Sehenswert: *

 

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Hinter den Schlagzeilen, Dark Rider, The Last Hillbilly, The Ark, Holgut, No Hay Camino, Komúna
Seite 3: Land, He’s my Brother, Menschenskind!, Zuhurs Töcher, Bilder (M)einer Mutter, Die Kunst der Folgenlosigkeit
Seite 4: Soldaten, Eva-Maria, Heimatkunde, La Conquista de las Ruinas, Between Fire and Water, Zinder
Seite 5: Cosas Que no Hecemos, Der geraubte Wald, Silence of the Tides, Erwin Olaf, Shadow Game, Los Boys, Monobloc


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Autor
Hans Albrecht Lusznat

Bildrechte
Dokfest München

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