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ESC2026: Live-TV mit Kinolook
Color Grading live: 35 »Musikvideos« in einer Sendung
Florian Rettich, Senior Trainer & Consultant Digital Workflow Support bei Arri, formuliert den Anspruch so: «Wir betrachten die Acts des ESC wie 35 Musikvideos, die live produziert werden müssen. Das war unser Ausgangspunkt.«
Mehr als 50 verschiedene Color Profiles wurden für die teilnehmenden Delegationen entwickelt, über 30 davon sind tatsächlich im Einsatz. Jede Delegation hat – bis auf wenige Ausnahmen – einen eigenen Look für ihre Performance. Arri-Colorist Florian Utsi Martin arbeitete teils remote aus München: Stills und Videostreams wurden nach München übermittelt, dort feinjustiert, und die neuen Looks dann in Wien zurück auf die Kameras geladen.
Jeffrey Stroessner beschreibt die neue kreative Dimension: »In der Vergangenheit hatten die Delegationen Lichtdesign, Bühnendesign – und eine Broadcast-Kamera, die letztlich gefilmt hat, was auf der Bühne passiert. Jetzt kommt eine weitere Kreativebene dazu.« Besonders deutlich wird der Unterschied aus seiner Sicht bei jenen Acts, bei denen es viele Nahaufnahmen auf die Gesichter der Sängerinnen und Sänger gibt. »Man schaut diese Bilder an und hat das Gefühl, das kennt man aus einem Kinofilm.« Diese Bilder entstehen hauptsächlich mit den Steadicams, die mit den Cine-Objektiven bestückt sind.
Die Zusammenarbeit mit den Kreativteams war ein iterativer Prozess: Während der Proben hatte jede Delegation drei Durchläufe, um einen Color Look zu entwickeln und abzunehmen. Der erste Durchlauf als Vorschlag, der zweite bereits mit angepasstem Profil, der dritte zur finalen Abnahme – bei guter Kommunikation im Verbund aus Arri, Riedel und dem NEP-Team im Truck.
Automatisierte Looks
Für diesen ESC entwickelte Arri gemeinsam mit LiveEdit ein Trigger-System, das Timecode-gesteuert auslöst, Kameralooks wechselt und gleichzeitig Belichtungszeiten anpasst. Notwendig wird das beispielsweise bei Lasereffekten, die bestimmte Shuttergeschwindigkeiten erfordern. Florian Rettich erläutert: »Das kann vorprogrammiert und entweder per Knopfdruck oder automatisch vom Show-Calling-System ausgelöst werden – wobei der Mensch das immer überschreiben kann, wenn es notwendig ist. Das ist etwas, das wir so vorher noch nicht gemacht haben.«
Die meistgesicherte Liveshow Europas
Der ESC gilt bei Technikern als die redundanteste Show der Welt. Zwei vollständige OB-Vans von NEP stehen bereit (einen davon stellt NEP Germany), einer als Hauptsystem, einer als Backup. Riedel verlegt alle Signalleitungen doppelt. Marc Schneider erläutert: »Fast alles, was über unsere Systeme läuft, ist kritisch für die Sendung. Deshalb sind alle Geräte nicht nur redundant – auch die Leitungen werden doppelt verlegt.« Auch die Kommentatorensignale der teilnehmenden Broadcaster verlaufen über zwei separate Wege.
Jeffrey Stroessner erklärt: »Beim ESC könnte man theoretisch, falls ein OB-Van ausfällt, für die Übergangszeit auf eine der Probenaufzeichnungen zurückgreifen – alles ist so präzise und gescripted, dass es wie die laufende Show wirken würde. Das ist nie passiert, aber es wäre möglich.«
Sennheiser Spectera: Das bidirektionale Funkmikrofon-System
Auf der Audioseite setzt der ESC 2026 auf Sennheiser Spectera – das erste vollständig bidirektionale, digitale Funkmikrofon- und In-Ear-Monitoring-System der Branche. Volker Schmitt von Sennheiser erklärt den entscheidenden Vorteil: »Ich kann In-Ear-Monitoring und Mikrofon über ein einziges Bodypack abwickeln. Das reduziert die Anzahl der notwendigen Geräte – gerade bei den oft komplexen ESC-Kostümen ein erheblicher Vorteil.«
Ein weiterer wichtiger für die Produktion ist die Daten-Transparenz des Systems: »Früher konnten wir erst reagieren, wenn der Performer auf der Bühne sagte, dass es ein Problem gib. Jetzt sehen wir auf unseren Screens, wie sich die Geräteparameter entwickeln – und können eingreifen, bevor es kritisch wird.«
Als Mikrofon-Kapseln kommen beim ESC 2026 erstmals Neumann KK 105 zum Einsatz – ein Großmembran-Kondensatormikrofon, das man in einem lauten Veranstaltungsbereich mit starkem PA-Beschallungssystem zunächst kritisch beäugte, das aber sehr positiv überraschte.
Für das Frequenzmanagement betreibt Sennheiser an der Wiener Stadthalle vier aktive Basisstationen sowie dedizierte Scan-Antennen, die rund um die Uhr das gesamte Spektrum überwachen. Eine weitere Basisstation ist als universeller Notfall-Fallback konfiguriert, ein sechstes Gerät steht als »Spare of the Spare« bereit.
Für den guten Sound in der Wiener Stadthalle sorgt Agorà, verantwortlich für die technische Produktion der Veranstaltung.
Vizrt: Echtzeit-3D-Grafik und Augmented Reality
Auch auf der Grafikseite setzt der ORF beim 70. ESC auf einen neuen Standard. Vizrt ist offizieller technischer Lieferant und stellt mit Viz Engine das Echtzeit-3D-Rendering- und Compositing-System für alle Bildschirmgrafiken bereit – einschließlich der datengesteuerten Scoreboard-Grafiken, die während des gesamten Wettbewerbs die Länderpunkte anzeigen. Hinzu kommen virtuelle Umgebungen und Augmented-Reality-Grafiken über Viz Virtual Studio.
Claudio Bortoli ordnet die Anforderungen ein: »Die Ausrichtung des Eurovision Song Contest in seiner 70. Ausgabe stellt den ORF als gastgebenden Sender vor eine außergewöhnliche technische Herausforderung – sowohl hinsichtlich des Umfangs und der Redundanz als auch in Bezug auf den kreativen Anspruch. Gerade unter dem enormen Zeitdruck und der internationalen Aufmerksamkeit ist es entscheidend, Technologien einzusetzen, die Präzision, Flexibilität und absolute Zuverlässigkeit vereinen.«
Creative Technology: LED-Wand vollständig über IP
Für die LED-Infrastruktur ist Creative Technology (CT) zuständig. Das System basiert auf neun Haupt- und neun Backup-4K-Mediaservern, die nativ per SMPTE ST 2110 direkt in die LED-Controller einspeisen – ohne ein einziges HDMI- oder SDI-Kabel im gesamten System.
Drei deutsche Mittelständler, eine gemeinsame Mission
Was am ESC 2026 in Wien technisch besonders auffällt: Das Kern-Trio hinter der Innovation – Arri, Riedel und Sennheiser – sind allesamt deutsche Familienunternehmen.
Serkan Güner von Riedel bringt es auf den Punkt: »Drei starke Mittelständler, die gemeinsam so etwas auf die Beine stellen – das ist ein starkes Zeichen.«
Für Thomas Riedel schließt sich mit dem ESC in Wien ein Kreis: Schon in seinen Anfängen nutzte Thomas Riedel Arri-Scheinwerfer, und immer wieder spielte das Münchner Unternehmen in der weiteren Entwicklung von Riedel Communications eine wichtige Rolle und war Türöffner für viele spätere große Kunden. Jetzt hat Thomas Riedel Arri übernommen – und will Verbindungen zwischen Kino- und Live-Produktion schaffen und neue Perspektiven eröffnen. Der ESC ist dafür perfekt geeignet.
Seite 1: Host ORF, Alexa 35, Riedel
Seite 2: Grading, Sennheiser Spectera, Vizrt
Autor: Christine Gebhard
Bildrechte: Nonkonform
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