Kamera, Test, Top-Story: 18.08.2001

Der Durchblicker

Mit dem HL-DV7 hat Ikegami als einziger Anbieter neben Sony einen DVCAM-Camcorder im Programm. Und was für einen.

Ikegami gilt, obwohl die Angebotspalette des Unternehmens mittlerweile auch andere Produkte umfasst, als Kameraspezialist. Ikegami-Camcorder entstehen daher, vom Ikegami-Disk-Camcorder abgesehen, praktisch immer nach dem gleichen Prinzip: Ein eigen entwickeltes Kamerateil wird mit einem zugekauften Laufwerk kombiniert. Bei Ikegami gibt es daher eine größere Vielfalt von digitalen Aufzeichnungsformaten als bei anderen Herstellern: MPEG-IMX, DVCPRO, DVCPRO50 und nun auch DVCAM hat Ikegami im Programm. Neben dem Format-Erfinder Sony ist Ikegami übrigens der einzige Anbieter eines DVCAM-Camcorders.
Ikegami gilt aber seit je her auch als etwas teurer und hat sich nie in die unteren Preiskampf-Regionen bei den Camcordern eingemischt. So beginnt auch die DVCAM-Range bei Ikegami im Preisbereich wesentlich höher als bei anderen Anbietern: 32.308 Mark beträgt der Netto-Einstiegspreis für den Camcorder mit 4:3-CCDs, der die Bezeichnung HL-DV5 trägt. Zu diesem Preis liefert Ikegami Sucher, Mikro, Schultergurt und Memory-Chip mit, aber das Objektiv geht extra. Mit sonst gleicher Ausstattung, zusätzlich aber auf 16:9 umschaltbar, wird die Version HL-DV-7W für 35.365 Mark angeboten. Ein auch aus Sicht von Ikegami qualitativ passendes 20fach-Zoom-Objektiv von Fujinon erhöht den Nettopreis für die 16:9-fähige Variante HL-DV7W um weitere 8.117 Mark (alle Preise Stand 08/2001).
Was darf man dafür erwarten? Professionelle Qualität, die sich deutlich von dem unterscheidet, was Consumer-DV-Camcorder bieten. Und soviel sei vorausgeschickt: Das packt der HL-DV7W in der getesteten Variante locker.

Eckdaten, Handling, Ergonomie
Mit rund 7 kg betriebsbereitem Gewicht sitzt der Camcorder satt auf der Schulter, das verstellbare Anti-Rutsch-Polster erlaubt einen leidlichen, wenn auch nicht ganz optimalen Tragekomfort. Der Sucher ist seitlich verschiebbar und das Okular lässt sich in der Länge verstellen, ohne dass davon der separat ausgeführte Dioptrienausgleich betroffen wäre.
600.000 Bildpunkte sind im 16:9-Betrieb beim HL-DV7W pro CCD-Sensor aktiv. Das allein erklärt aber keineswegs den besten Bildeindruck, den die Redaktion bisher je bei einem DV– oder DVCAM-Camcorder mit IT-Bildsensoren gewinnen konnte: Der HL-DV7W lässt alle 1-Chip-Consumer-Geräte kilometerweit hinter sich, deklassiert aber auch die 3-Chip-Consumer-Camcorder und die davon abgeleiteten Profi-Geräte überdeutlich. Auch zu Aufnahmen, die von der Redaktion bei früheren Tests mit dem DSR-300 von Sony gemacht wurden, oder mit dem GY-DV500 von JVC, bestand ein gut sichtbarer Qualitätsunterschied zugunsten des HL-DV7W.
Nun kostet beispielsweise der JVC-Camcorder GY-DV500 kaum mehr als ein Drittel des HL-DV7W und ein direkter Vergleich mit diesem Camcorder wäre sicher unfair. Das gilt auch deshalb, weil der JVC-Camcorder mit 1/2-Zoll-CCDs bestückt ist, während die Bildwandler des HL-DV7W 2/3 Zoll Bilddiagonale messen.
Auch der DSR-300, der schon etwas betagt und ebenfalls nur mit Halbzoll-Chips ausgestattet ist, taugt nicht wirklich zum Vergleich. Somit bleibt der DSR-500W von Sony als direkter Konkurrent des HL-DV7W: Er liegt im gleichen Preisbereich und ist mit 2/3-Zoll-CCDs bestückt. Aber auch hier hatte der Ikegami-Camcorder die Nase vorn. Weil beide Camcorder mit dem gleichen Laufwerk arbeiten wird klar, dass Ikegamis Ruf nicht ganz von ungefähr kommen kann: Der HL-DV7W setzt Maßstäbe dafür, was mit DVCAM heute an Bildqualität möglich ist. Es bewahrheitet sich ein weiteres Mal, dass seit der Einführung von DV und seinen Derivaten beim Camcorder das Kamerateil und das Objektiv die entscheidenden Faktoren für die erreichbare Bildqualität sind.

Überzeugende Bildqualität
Was war so überzeugend am Bild des Ikegami-Camcorders? Die Farbwiedergabe war bei Tageslicht ebenso wie bei Kunstlicht und selbst in schwierigen Mischlichtsituationen natürlicher und stimmiger als bei den zum Vergleich herangezogenen Archiv-Aufnahmen und aktuell parallel aufgezeichneten Bildern von Consumer-Camcordern. Die optisch bewertete Auflösung des HL-DV7W war deutlich sichtbar besser, weil selbst feine Details noch störungsfrei und schärfer abgebildet wurden als bei anderen DV- und DVCAM-Camcordern. Gut gelöst haben die Ikegami-Ingenieure auch den stets notwendigen Kompromiss beim Kontrastverhalten des Camcorders. Die Grundabstimmung sorgt in Kombination mit der Kniefunktion dafür, dass beim Ikegami HL-DV7W die Bilder auch dort noch ordentlich aussehen, wo andere Camcorder Probleme haben und entweder in den hellen Bildbereichen keine Zeichnung mehr zeigen und ausfressen, oder in dunklen Bereichen das Bild »zusoßt«. Gleichzeitig ist der HL-V7W aber auch so abgestimmt, dass dunkle Bildbereiche nicht künstlich »hochgezogen« werden, wenn man das nicht absichtlich so haben will. Kombiniert man dies mit dem für diese Preisklasse wirklich sehr guten Rauschabstand, den Ikegami mit 62 dB angibt und der dafür sorgt, dass auch kritische Bildbereiche kein rauschbedingtes Eigenleben entfalten, dann ergibt sich daraus eine überzeugende Bildqualität, wie die Redaktion sie bis dato in dieser Geräteklasse noch nicht gesehen hatte: ruhige, natürliche, stimmige Bilder.
Auch bei der Lichtempfindlichkeit ist der HL-DV7W durchaus vorzeigbar, Ikegami gibt als Eckwert Blende 11 bei 2.000 Lux an.

Ton: Ausbaufähig
Regt das Bild zu Höhenflügen an, lässt sich das beim HL-V7W über den Ton nicht sagen: Wenn man das beigelegte Mikrofon verwendet, muss man sich auf ein ziemlich eingeschränktes Tonerlebnis gefasst machen, weil die tiefen Frequenzen dabei stark unterrepräsentiert werden, was zu einem ziemlich unnatürlichen, quäkigen Ton führt. Der Audioteil des Recorders kann deutlich mehr als das Mikro, das wirklich nur Notcharakter hat. Der Camcorder bietet zum Glück neben den zusätzlich Audio-In-Buchsen an der Geräterückseite einen Steckplatz für einen Funk-Audioempfänger von Sennheiser.
Es können mit dem Gerät jeweils nur zwei Audiokanäle aufgezeichnet werden, obwohl das DVCAM-Format und somit auch das Recorderteil des HL-V7W prinzipiell auch mit vier Kanälen arbeiten können. Es gibt aber beim HL-V7W keine Möglichkeit, dieses Feature wirklich zu nutzen.

Ausstattung und Bedienung
Neben den üblichen Funktionen, die man im Preisbereich des HL-V7W erwarten darf, wie etwa diversen Detail-Funktionen (auch Skin Detail), Hypergain, einstellbarem Black Stretch/Press und Variable Shutter, haben sich die Konstrukteure auch einige Besonderheiten ausgedacht. Die meisten Funktionen werden wie üblich über ein Bedienmenü eingestellt, das im Sucher und/oder auf einem angeschlossenen Monitor angezeigt werden kann. Neben einem einfachen, reduzierten, steht auch ein erweiterter Modus mit zusätzlichen Eingriffsmöglichkeiten bereit. Hiermit lässt sich der Camcorder in praktisch allen Parametern der Bildsignalerzeugung an die jeweiligen Drehbedingungen und persönliche Vorlieben anpassen.
Auf eine »Easy-« oder »Full-Auto«-Betriebsart haben die Entwickler verzichtet. Sie gehen offenbar nicht ohne ein gewisses Understatement davon aus, dass den HL-DV7W nur Profis in die Hand nehmen, die wissen was sie tun.

Bedienelemente und -prozeduren
Mit neuartigen Bedienelementen am Gerät tut Ikegami aber gleichzeitig etwas dafür, die Bedienung komfortabler und einfacher zu gestalten: Um beim Einstellen von Shutter-Geschwindigkeiten oder numerischen Werten im Kameramenü zügig und ohne fingerlähmendes Dauertippen auf Minitasten auszukommen, wurde für solche Einstellungen ein Drehrad an der Gerätefront eingebaut. Schön ist auch die P-Func-Taste an der Seite, auf die man sich eine Funktion legen kann, die dann nicht mühsam per Menü aufgerufen werden muss, sondern sofort im Zugriff liegt.
Neben der P-Func-Taste liegt die Taste Skin Detail mit der sich ohne über Menüs gehen zu müssen, die gleichnamige Funktion zur gezielten Schärfeverringerung in einem bestimmten Farbbereich aufrufen und bedienen lässt. Im Recorder-Bedienfeld, unter der seitlichen Klappe, befinden sich zusätzlich zu den üblichen Bedienelementen drei weitere Drehräder. Ist im Menü der »Video Process Mode« und hier der Unterpunkt »Level Set« angewählt, dann lassen sich mit diesen Rädern die Werte für die Grundfarben RGB getrennt einstellen.

Speichermöglichkeiten
»Lens Files« lassen sich ebenso wie »Scene Files«, also einmal als gut befundene Betriebseinstellungen, oder auch die kompletten Einstellparameter des Camcorders, auf einer Chipkarte dauerhaft und austauschbar speichern. Dafür ist der HL-DV7W mit einem Memory-Card-Laufwerk ausgestattet.

RECORDER
Am Recorder gibt es neben den üblichen Funktionen für Timecode und Audiobetrieb auch eine ClipLink-Taste. Die nutzt aber nur denjenigen etwas, die über ein entsprechend ausgestattetes Schnittsystem verfügen, in der Praxis nutzen nur wenige Anwender ClipLink.

Besonderheiten
Der HL-DV7W wurde im Testbetrieb ziemlich warm: Bei 24ºC Raumtemperatur kletterte ein auf das Gehäuse des Camcorders gelegtes Thermometer nach rund 1,5 Stunden Betriebsdauer auf 37,5ºC. Dieses leichte Fieber hatte zwar keine Auswirkungen auf die Funktion und Signalqualität, sorgte aber bei den Testern mitunter für heiße Wangen und Ohren.

Fazit
Obwohl der HL-DV7W sehr viel bietet, ist ihm in puncto Ausstattung und Bedienung aus Sicht der Redaktion in der Praxis der konkurrierende Sony-Camcorder DSR-500W überlegen. An einigen Punkten, etwa im Tonbereich oder bei der Menüführung ist Kritik an Ikegamis DVCAM-Gerät durchaus angebracht. Insgesamt lässt sich aber sagen, dass der HL-V7W beim Bildeindruck so überzeugend punkten kann, dass ihm die meisten Anwender die gegenüber der Konkurrenz vorhandenen Defizite voll und ganz nachsehen dürften – der Redaktion jedenfalls ging es so.

Downloads zum Artikel:

T_0801_Ikegami_DV7_VV.pdf

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
Schlagwortsuche nach diesen Begriffen
Kamera, Test, Top-Story


Das könnte Sie ebenfalls interessieren: