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Abschied von der Schärfe

Den Endkunden wurde und wird HDTV gern mit dem Hinweis auf »schärfere« Fernsehbilder schmackhaft gemacht. Im Fernsehen kann man derzeit allerdings eher die Hinwendung zur Unschärfe beobachten.

Da ist zum einen die gewollte, absichtsvolle Unschärfe: So wird etwa mit dem Einsatz von Large-Single-Sensor-Kameras ein »filmischer« Look angestrebt, wie er mit teuren Hollywood-Produktionen assoziiert wird. Ein Look, bei dem aufgrund der geringeren Schärfentiefe Vorder- und Hintergrund besser gegeneinander abgesetzt und voneinander getrennt sind. So weit so gut — auch hierbei wird zwar gelegentlich übertrieben, aber dieses Gestaltungsmittel kann auch ein großer Gewinn sein.

Daneben gibt es aber die zufällige, beliebige Unschärfe: Wenn etwa das unwichtige Regal im Hintergrund knackscharf abgebildet wird, der Interviewpartner davor aber leider während der ganzen Szene unscharf bleibt. Das konnte auch früher immer mal passieren, besonders wenn es bei der Aufnahme mal wieder hektisch zuging. Aber in jüngster Zeit — so jedenfalls der Eindruck der Redaktion — häuft sich das ganz massiv.

Woran liegt das? Sind die Kameraleute schludriger, kenntnisärmer und gleichgültiger als früher? Das mag im Einzelfall vielleicht auch mal zutreffen, aber die Regel ist es ganz sicher nicht. In sehr viel mehr Fällen liegt es am Arbeitsmittel: Es wird in HD gedreht und man müsste deshalb die Schärfe noch genauer kontrollieren als früher, aber leider kann bei den heute in wachsender Zahl eingesetzten, preisgünstigen Camcordern oft weder im Sucher noch auf dem Ausklappschirm die Schärfe wirklich überprüft und zweifelsfrei sichergestellt werden — trotz zahlreicher Zusatzfunktionen wie Focus Assist, Peaking und ähnlichem. Man sieht einfach auf den Winz-Schirmchen mit ihrer zu geringen Auflösung nicht, ob die Schärfe nun exakt da liegt, wo man sie haben will.

Und immer öfter wird auch das grundsätzlich falsche Werkzeug gewählt: Wer könnte nicht prinzipiell verstehen, dass die Versuchung groß ist, bei einer Auslandsreportage oder einer Doku nur mit »kleinem Besteck« flexibel und unauffällig zu arbeiten? Also wird eine lichtstarke DSLR eingepackt und dann vor Ort ohne Zusatzlicht mit offener Blende und minimaler Schärfentiefe gedreht.

Selbst ganz große Meister können aber unter diesen Voraussetzungen kein befriedigendes Ergebnis erreichen, wenn in einer spontanen Interviewsituation die Schärfentiefe beim Gesprächspartner nicht mal von der Nasenspitze bis zu den Augen reicht. So entsteht ein Bilderbrei aus unscharfem Geeiere und es tut der Sache auch nicht gut, wenn etwa von wichtigen, abgefilmten Geheimdokumenten nur eine halbe Zeile scharf ist …

So bleibt die Erkenntnis: Man kann zwar ein Badezimmer auch komplett mit einer Zahnbürste reinigen, wenn aber am Schluss das Ergebnis nicht stimmt, hat man eben leider nur Zeit verschwendet.

Bleibt zu hoffen, dass sich bald die Vernunft wieder Bahn schlägt und die Zuschauer nicht immer öfter mit zur Hälfte unscharfen Reportagen im CSI-Look gequält werden: Es passt nicht, es funktioniert nicht, es geht ins Auge.

Sie werden sehen.

Autor: Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

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