Branche, Interview, Top-Story: 01.02.2005

Gerhard Bergfried: HD-Jahr 2005?

50 Insider aus verschiedenen Bereichen der Film-, TV- und Videobranche haben die Fragen von www.film-tv-video.de zum Thema HD beantwortet. Eine Zusammenfassung analysiert die Stimmung in der Branche, zudem stehen auch die Antworten der einzelnen Befragungen in voller Länge zur Verfügung. In diesem Beitrag lesen Sie die Antworten von Gerhard Bergfried. (Zum Download bitte auf den Dateinamen am Ende des Artikels klicken.)

B_0105_BergfriedGerhard Bergfried ist mit Bergfried Consulting selbstständig. Zuvor war er von 1997 bis 2004 Geschäftsführer von Studio Babelsberg.

**Welche Bedeutung hat HD heute in Ihrem Tätigkeitsbereich? Wie und wann wird sich das aus Ihrer Sicht ändern?

Im Bereich der Beratung spielt HD eine wichtige Rolle, weil es um die Vorbereitung von Entscheidungen für die Zukunft geht. Da geht es mehr um HD als Produktionsmittel und nicht um HD als Sendestandard.
Dies wird sich aus meiner Sicht bezüglich des »Wie« ändern, wenn erkennbar wird, dass die Produktion auch für die Verbreitung in SD auf breiterer Basis in HD vorgenommen werden kann. Die Zeit ist reif, die Technik steht in den Regalen, aber die Verunsicherung ist groß.

**Beim Thema HD wird in Deutschland oft von der Signalwirkung gesprochen, die von der Fußball-WM 2006 ausgehen werde. Wie beurteilen Sie dieses Thema?

Es wäre wirklich schön, wenn es so wäre. Ich fürchte allerdings, dass die Signalwirkung zumindest in Deutschland nicht wahrgenommen wird. Ja, es wird zentral in HD produziert, aber in Deutschland mit ziemlicher Sicherheit in SD und wahrscheinlich sogar hauptsächlich in 4:3 gesendet.
Es gibt ja noch so viele Geräte mit diesem Bildformat, 16:9 ist da noch in der Minderheit. Leider wird es wohl auch Kompromisse bei der Bildregie geben. 16:9 ermöglicht aufgrund des breiteren Bildes eine andere Bildführung als 4:3, HD erlaubt mehr und längere Totalen als SD.
Welches Hindernis hemmt derzeit die Verbreitung von HD im Markt am meisten? Wie könnte man dem begegnen? Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit HD in Deutschland alltägliche Realität wird?

Wir haben da ein Henne-Ei-Problem, wie es schon von der Umstellung auf 16:9 bekannt ist. Es braucht Programme, damit der Anreiz zum Kauf der Flatscreens unterstützt wird und es braucht Geräte im Markt, damit die Sender zumindest Teile des Programms in HD ausstrahlen.
Mehr Absatz führt zu sinkenden Preisen der Geräte, die dann vermehrt gekauft werden, wodurch der Druck auf die Ausstrahlung von Programmen in HD wächst. Astra und Euro1080 / HD1 bieten hier eine richtige Initiative und auch Premiere in HD wirkt sicher positiv auf den Absatzmarkt.
Es wird ja immer gesagt: Wer einmal HD gesehen hat, will immer HD sehen. Das kann als Druck sicher auf die Programmanbieter durchschlagen. Im Moment wäre es aber schon ganz gut, wenn die HD-Technologie als Produktionsmittel verstärkt eingesetzt würde. Damit das passiert, müssen es die Sender als Auftraggeber und auch die Auftragsproduzenten wollen. Da gibt es auf beiden Seiten noch viele Bedenken.

**Wann werden die Zuschauer in Deutschland regelmäßig bei mehreren Sendern HDTV sehen können? Spielt das für Ihren Tätigkeitsbereich eine Rolle? Was erwarten Sie beim Thema HDTV von den öffentlich-rechtlichen Anbietern, was von den privaten?

Zum Ende des Jahres 2005 können die Zuschauer in Deutschland, die ein HD-fähiges Gerät erworben haben, regelmäßig bei HD1 und bei Premiere HDTV sehen. 2008 und mit inzwischen preiswerteren Geräten werden es wohl einige Sender mehr sein. Für meine Tätigkeit ist aber nicht die Sende- und Empfangsstrecke von Bedeutung, mir geht es verstärkt um die Produktion im zukunftssicheren HD-Format. Hier erwarte ich von den öffentlich-rechtlichen Sendern, dass sie in ihrer Finanznot die im System steckenden möglichen Kostenvorteile realisieren und die Programme bezüglich der Produktionsmittel bewerten. Die privaten Programmanbieter werden dies wohl wieder eher erkennen und umsetzen.

**Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht der Consumer-Markt mit Technologien wie HDV in der Aufzeichnung, mit HD-DVD und der zunehmenden Verbreitung von Plasma- und LC-Displays?

Ich glaube, das ist ein wichtiger Motor, nicht nur, weil er die Zuschauer an eine bessere Bildqualität auf einem größeren Schirm oder Projektionsfeld gewöhnt. Die werden sich im Zweifelsfall fragen, warum die eigenen Aufnahmen und die HD-DVD besser aussehen als das professionell produzierte Fernsehbild. Erfahrungsgemäß wird die Consumer-Technologie sogar auch Einzug halten in den semi- und professionellen Bereich.

**Wie sollte aus Ihrer Sicht ein europäischer HDTV-Standard aussehen? Nennen Sie uns bitte die Eckwerte und ergänzen Sie diese mit einer kurzen Begründung.

Hier geht es um die beiden möglichen Sendestandards 1080i oder 720p. Während 1080i zur Zeit die Chancen zum Weltstandard hat, spricht vieles dafür, dass sich in Europa 720p etablieren wird. Es bleibt festzustellen, dass mit größeren Displays dem Standard 1080i der Vorzug zu geben ist. Ideal wäre ein Standard mit 1080p, doch das bleibt wohl wegen der zu verarbeitenden Datenmenge ein theoretischer Ansatz.
Die Empfangsgeräte werden überwiegend 1080i und 720p wiedergeben können. Wichtig ist auch noch das Kompressionsverfahren: Während Euro1080 bei HD1 hier auf den MPEG-2-Standard setzt, denkt Premiere etwa an MPEG-4. In jedem Falle sollten alle Beteiligten im Blick haben, dass größtmögliche Kompatibilität für den Endverbraucher besteht. Nur dann ist der Weg für den notwendigen Absatz der Endgeräte frei.

**Was wollen Sie uns noch zum Thema HD mitteilen?

Ich hoffe und wünsche mir, dass wir nicht, wie leider in der Vergangenheit geschehen, in Sachen HDTV auf ein Abstellgleis geraten. Das gilt zu allererst für die Programmproduktion und dann natürlich auch für die Verbreitung. Nur wenn alle Beteiligten wollen, kommen wir voran.

Downloads zum Artikel:

T_0105_HD_Bergfried.pdf

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Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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