Editorial, Kommentar, Top-Story: 18.08.2006

IPTV: Glück, Geduld und Geld

Bei den großen Broadcast-Messen ist IPTV in jüngerer Zeit eines der Hype-Themen und wird als heiße Technologie mit großem Marktpotenzial gehandelt. Tatsächlich gibt es viele Anwendungen, wo Video-over-IP schon länger eingesetzt wird und auch gut funktioniert. Der Schritt vom geschlossenen VoIP-System zum Fernsehen via Internet auf breiter Basis scheint aber deutlich schwieriger zu sein als gedacht.

»Triple Play«, also die Versorgung von Haushalten mit Internet, Telefon und Fernsehen über einen gemeinsamen Anschluss, hat zumindest in Deutschland allem Anschein nach einen schweren Start: Wer derzeit etwa versucht, hierzulande die Bundesliga via IPTV zu empfangen, was ja in den vergangenen Monaten als echte, funktionsbereite Alternative dargestellt wurde, der braucht vor allem drei Dinge: Glück, Geduld und Geld.

Glück, weil VDSL — also das für Triple Play notwendige, aufgebohrte DSL-Netz — bisher kaum verfügbar ist und auch bis auf absehbare Zeit nur in einigen Großstädten angeboten werden soll. Geduld, weil es schwer ist, sich überhaupt einen Überblick zu verschaffen, einige Zeit erfordert, die nötigen Informationen zu bekommen und man dann auch noch geraume Zeit auf den Anschluss warten muss. Geld, weil das Bundesliga-Komplettpaket als Teil des Gesamtpakets »Fernsehen / Telefonieren / Surfen« pro Monat stattliche 65 Euro kostet, plus Installations- und Hardware-Kosten von 100 Euro. (Hier kursieren derzeit auch noch andere, höhere Zahlen).

Der Start verläuft dementsprechend zäh: Laut Recherchen der »Süddeutschen Zeitung« waren am vergangenen Wochenende in Deutschland nur 43 Haushalte technisch gerüstet, die Bundesliga via IPTV zu empfangen, die tatsächliche Zuschauerzahl soll im einstelligen Bereich gelegen haben — die Telekom will sich dazu nicht äußern. Ein furioser Start sieht ganz anders aus. Ab Herbst wollen auch ARD und ZDF Teile ihres Programms via IPTV der Telekom anbieten — die Zuschauerzahlen müssten bis dahin explodieren, um den nötigen Aufwand zu rechtfertigen.

Bedeutet dies, dass es IPTV in Deutschland wie so vielen anderen Technologien ergehen wird, die mit großem Brimborium angekündigt wurden, bevor sie dann wieder sang- und klanglos untergingen? Spontan kommt einem UMTS in den Sinn…

Wohl nicht, denn IPTV ist tatsächlich eine vielversprechende Technologie, die den Endkunden auch viele handfeste Vorteile bringen kann — wenn sie erst mal funktioniert. Aber das ist derzeit ganz offensichtlich noch nicht so: Zu groß ist das Durcheinander um die Verfügbarkeit, zu verwirrend sind die technischen Rahmenbedingungen, zu unübersichtlich die Angebote.

Das Vorpreschen von Premiere und T-Com bei IPTV hat aber ohnehin fast nichts mit der Technik zu tun, sondern damit, dass mit Premiere und Telekom zwei börsennotierte Unternehmen mit dem Thema Fußball einen Hype erzeugen und davon profitieren wollten. Ob das die richtigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Markteinführung von IPTV sind? Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Manager als Totengräber einer vielversprechenden Technologie betätigen. Es besteht aber Hoffnung, dass IPTV diese wahrscheinlich sogar ungewollten Attacken überlebt und sich auch in Deutschland etablieren kann.

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Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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