Editorial, Kommentar: 06.10.2017

Von Milch und Kühen  

Wer Milch trinken will, der muss dafür nicht zwangsläufig eine Kuh besitzen. Auf diese einfache Erkenntnis lassen sich viele moderne Spielarten des Handels und der Dienstleistung reduzieren. Und in jüngster Zeit — so scheint es zumindest — etablieren sich die Modelle, die sich auf dieser Basis entwickelt haben, immer breiter und in immer mehr Lebensbereichen.

Was früher gekauft wurde, wird heute geleast, gemietet, per Lizenz auf Zeit freigeschaltet: Autos, Stadtfahrräder, Filme, Musik, Software — all das müssen wir heute nicht mehr physisch kaufen und besitzen, um es nutzen zu können.

Eine Spielart davon, die in unserer Branche längst Schule gemacht hat: Kameras, deren Funktionalität man je nach Bedarf wochenweise freischalten kann. Oder Softwares, die man nicht mehr kauft, sondern deren Nutzungsrechte man per Abo jeweils für einen bestimmten Zeitraum aktiviert.

Sind wir also auf dem Weg in eine immaterielle, virtuelle, letztlich im physischen Sinne besitzlose Wirtschaft — und vielleicht sogar Gesellschaft? Hat die Virtualisierung somit schon längst ein Maß erreicht, das uns vielleicht gar nicht wirklich bewusst ist?

Virtualisierung
Von Milch und Kühen

Beim Thema Virtualisierung sprechen wir natürlich letztlich auch über die Cloud. Was man darunter versteht und wie man die Cloud nutzen will, das unterscheidet sich durchaus. Ein praktisches Beispiel dafür: Cloud-Lösungen für die Medienbearbeitung.

Die radikalste Lösung: Man hat auf dem Rechner nur noch einen Browser, über den man ein virtualisiertes Schnittsystem nutzt. Die komplette Funktionalität des Schnittsystems kommt aus der Cloud und auch das Material ist dort gespeichert. Wer es weniger virtuell mag, kann auch das Schnittsystem lokal installieren und damit auf Material zugreifen, das in der Cloud gespeichert ist. Auch die umgekehrte Verteilung ist denkbar: Material lokal, Funktionalität via Cloud. Klingt Ihnen zu abgefahren? Gibt es aber auch in unserer Branche schon: Zwar nicht im Schnittbereich, aber etwa in den Bereichen Transcoding und Messtechnik.

Das Ganze funktioniert aber nur — und hier sind wir wieder bei der Milch und den Kühen — wenn die einen etwas besitzen und anbieten, was die anderen nutzen wollen — und die Handelswege existieren, die Kunden und Anbieter verbinden. Wir sprechen also heute in unserer Branche darüber, dass man flächendeckende, schnelle, breitbandige Datenverbindungen braucht, wenn man sich ernsthaft in diese Richtung bewegen will. Klingt banal, ist aber außerhalb von Ballungsräumen in Deutschland leider immer noch ein großes Thema. Außerdem gilt nach wie vor: Die Cloud gibt es eigentlich gar nicht, das ist nur der Rechner von jemand anderem.

Was man in diesem Zusammenhang vielleicht auch nicht vergessen sollte: Wer die Produktionsmittel besitzt, der hat in der modernen Industriegesellschaft auch weiterhin eine große Macht. Wenn Ihnen die Software gar nicht mehr gehört, die Sie täglich nutzen, haben Sie sich in eine große Abhängigkeit begeben — selbst wenn es noch alternative Anbieter gibt. »Denial of Service« kann in einem solchen Umfeld das Licht eines Unternehmens sehr rasch ausknipsen.

Begeben wir uns durch die vermeintlich größere Freiheit, die uns die Virtualisierung eröffnet, nicht auf anderer Ebene in eine viel tiefere Abhängigkeit — um nicht zu sagen Knechtschaft?

Vielleicht ist es eben doch ganz sinnvoll, ein paar wichtige Dinge weiterhin auch physisch zu besitzen …
 
Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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