Editorial, Kommentar, Top-Story: 14.07.2012

Keine Zeit, keine Zeit

Im vergangenen Jahr erhob sich unter den Vertrieblern der Branche ein allgemeines Stöhnen: Ein Event jagte den anderen, im Herbst kulminierte die Situation und viele wussten vor lauter Regional- und Hausmessen nicht mehr wohin. Vor Ort zeigte sich dann zunehmend das gleiche Bild: Der Gedankenaustausch unter Vertriebskollegen und Händlern stand im Vordergrund, viel zu wenige Kunden fanden sich ein. Das Motto: »Harte Arbeit, karger Lohn und die immerwährende Frage: Wo bleiben die Kunden?«

Folgerichtig stellten und stellen sich Hersteller wie Dienstleister die Frage, wie man potenzielle Kunden besser ansprechen kann. Die einen versenken dafür ihr Marketingbudget als Sponsor eines Filmfestivals, andere stampfen gleich einen eigenen Clip-Wettbewerb aus dem Boden. Wieder andere bezahlen mittlerweile ganze Heere von »Independent Filmmakers« oder anderen Branchen-Insidern, die dann schon lange vor dem offiziellen Lieferstart Testgeräte erhalten, über deren fantastische Möglichkeiten sie dann möglichst schnell — natürlich völlig unabhängig — in diversen Blogs oder direkt auf der Hersteller-Website berichten.

Natürlich kann man mitunter auch in einem Workshop etwas lernen, dessen Referent von einem Hersteller bezahlt wird — und ganz sicher bieten viele Firmen-Websites umfassende und gehaltvolle Informationen. Erhofft man sich davon aber einen echten Marktüberblick oder wirklich unabhängige Eindrücke, dann muss man schon sehr naiv sein. Außerdem: Wer hat die Zeit, die Veranstaltungen und diversen Websites aller Hersteller zu besuchen, um dann in der Summe doch wieder einen Überblick zu gewinnen?

Bleibt also letztlich doch nur das schnelle Überfliegen von ein paar wenigen Informationsquellen, um dann — zack-zack — Entscheidungen zu fällen? Darf aber Googeln zur einzigen Art der Informations- und Wissensbeschaffung werden? Oder ist nicht vielmehr der echte Kontakt mit Menschen und Equipment unersetzlich, muss man nicht Produktionen sehen und mit deren Machern reden, wenn man ernsthaft etwas lernen und erfahren will? Ist es nicht so, dass Zeit und Mühe grundsätzlich unumgänglich und vielleicht sogar absolut notwendig sind, um sich einen fundierten Überblick zu einem Thema zu verschaffen?

Offenbar sehen das immer weniger Branchenteilnehmer so, sonst wären etwa mehr Besucher zur Digitalen Cinematographie gekommen — um ein aktuelles Beispiel zu nennen. Man kann im Gegenteil den Eindruck gewinnen, hier virtualisiere sich zunehmend eine ganze Branche.

Das eine zu tun und das andere nicht zu lassen, vielleicht ist das der beste Weg, mit dieser Entwicklung umzugehen: So eröffnet ja das mobile Internet die Möglichkeit, in die virtuelle Welt eingebunden zu sein, ohne auf den Staub der Straße verzichten zu müssen.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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