Branche, Kommentar, Top-Story: 04.03.2014

Wer verleiht eigentlich die Oscars an wen?

Die alljährlich für die Oscar-Verleihung veranstaltete Zeremonie zieht weltweit große Aufmerksamkeit auf sich. Kein Wunder also, dass für viele Personen und Unternehmen die Versuchung sehr groß ist, ein bisschen vom Glanz und Glamour dieses Filmpreises in die eigene Richtung zu lenken.

Oscar Statuette
Der Oscar ist wohl der weltweit bekannteste Filmpreis. Die Oscars werden von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences verliehen. Vom Glanz der Statuetten wollen aber viele profitieren.

Schon wenn die Oscar-Nominierungen bekanntgegeben werden, geht das Gerangel los: Soundsoviele nominierte Filme wurden mit Kameras von Hersteller X gedreht, kein einziger mit Kameras von Hersteller Y, soundsoviele auf Film. Und wenn die Preise dann vergeben sind, hagelt es Pressemitteilungen der Art »Oscar-Gewinner XY nutzte unsere Kameras/Leuchten/Mikros/Schnittsysteme/Trinkflaschen«.

Die Sicht der Redaktion von film-tv-video.de zu diesem Thema haben wir schon mehrfach zum besten gegeben, etwa auch in einem Editorial vor zehn Jahren mit dem Titel »Oscars für alle!«.

Glaubensfragen

Gibt es tatsächlich Menschen, die ernsthaft glauben, dass die Verwendung einer bestimmten Kamera oder Leuchte den Ausschlag dafür gab, ob dieser Film einen Oscar erhielt, oder eben nicht? Zumindest gibt es solche, die das nach außen behaupten.

Es mag dabei durchaus möglich sein, dass ein Einzelfall denkbar ist, in dem ein bestimmtes Feature eines speziellen filmtechnischen Zubehörs einen wichtigen Beitrag zum Gelingen einer bestimmten Szene geleistet hat. Aber zu glauben, deshalb habe ein bestimmter Film einen Oscar erhalten, ist schon sehr weit hergeholt.

Wenn Sie also mal jemanden treffen, der so etwas behauptet und Sie Lust darauf haben, ihm die Absurdität dieser Aussage zu erläutern, können Ihnen auch die folgenden Fakten und Gerüchte dabei helfen.

Fakten und Gerüchte

Über die Vergabe der Oscars entscheidet die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (Ampas oder kurz »Academy« genannt). Das ist ein elitärer Verband, der bestimmten, irgendwie als verdient oder herausragend geltenden Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen der Filmwirtschaft, eine Mitgliedschaft anbietet. Mitglied kann nur werden, wen das »Board of Governors«, also eines der Führungsgremien der Academy, dazu einlädt. Es gibt dafür ein Vorschlagswesen und der Gewinn eines Oscars gilt ebenfalls als Eintrittskarte zur Mitgliedschaft.

Die weitaus meisten Mitglieder der Academy kommen, so wird allgemein behauptet, aus den USA. Es können auch Nicht-Amerikaner berufen werden, was aber angeblich nur sehr selten passiert und meist einen vorangegangenen Oscar erfordert.

Die Academy veröffentlicht keine Mitgliederlisten und hüllt sich auch sonst gern in Schweigen und Geheimniskrämerei. Lediglich die Namen einiger herausragender, ohnehin berühmter Mitglieder gibt die Academy bekannt — und dass man derzeit mehr als 6.000 Mitglieder habe. Man kann aber sicher davon ausgehen, dass fast alle Hollywood-Größen auch Academy-Mitglieder sind.

Die Los Angeles Times hat im Jahr 2012 nach eigenen Angaben rund 5.000 der damals angeblich 5.765 Mitglieder identifiziert und eingeordnet: Demnach waren davon 94% weiß, 77% männlich, nur 14% jünger als 50 und das Durchschnittsalter betrug 62 Jahre. Das ist weder ein repräsentativer Querschnitt der aktiven Filmschaffenden, noch des Kinopublikums, sondern — ganz offen ausgesprochen — ein ziemlicher Altherrenclub.

Als Berufsfelder, aus denen die Mitglieder kommen, nennt die Academy selbst: Actors, Designers, Cinematographers, Directors, Documentary, Executives, Film Editors, Makeup Artists and Hairstylists, Music, Producers, Public Relations, Short Films, Feature Animation, Sound, Visual Effects, Writers. Wer in diese Klassifizierung noch nicht reinpasst und wen die Academy trotzdem in ihren Reihen haben will, der kann noch den Members-at-Large zugeordnet werden. Ein bunter Strauß an Kompetenzen mischt sich also in der Academy.

In der Praxis ist die weitaus am stärksten repräsentierte Berufsgruppe unter den Academy-Mitgliedern unbestätigten Gerüchten zufolge die der Schauspieler.

Die Oscars werden von der Academy prinzipiell in einem zweistufigen Wahlverfahren vergeben: Einen Oscar kann nur erhalten, wer zuvor nominiert wurde — die für die Nominierung vorgeschlagenen Einzelpersonen müssen weder Amerikaner, noch Academy-Mitglieder sein, aber beides soll Gerüchten zufolge hilfreich sein. Nominiert wird schließlich, wer von den Mitgliedern eines Komitees aus seiner Berufsgruppe die meisten Stimmen bekommt. Dabei gelten für jede Oscar-Kategorie eigene Zusatzregeln, was die maximale Zahl der Nominierungen in jeder Kategorie betrifft, die Prozedur, nach der die Komitees bestimmt werden, und das Verfahren, wie diese dann die Nominierungen bestimmen.

In einigen Kategorien ist die Nominierungsprozedur streng geregelt, in anderen wird sie recht lax gehandhabt. Bei den Strengeren kann es passieren, dass letztlich nur ganz wenige Individuen entscheiden, wer nominiert wird, weil eben nur ganz wenige die Anforderungen erfüllen können oder wollen. Bei den Laxeren weiß man hingegen beispielsweise gar nicht, ob und wie die Stimmberechtigten die zuvor versendeten DVDs der Filme, die sie später nominieren, überhaupt gesehen haben. Und in praktisch allen Fällen bleibt es völlig offen, aus welchen Gründen ein bestimmter Film oder Filmschaffender nominiert wird, weil die Auswahlkomitees keinerlei Begründung abgeben (müssen).

Im letzten Schritt wählen alle aktiven Mitglieder der Academy aus den Nominierungen der verschiedenen Kategorien den jeweiligen Oscar-Gewinner aus. In der Praxis heißt das etwa, dass Schauspieler, Ausstatter und PR-Leute gleichberechtigt mit allen anderen Mitgliedern beispielsweise über den Kamera-Oscar mitentscheiden. Generell spielt es auch keine Rolle, ob die bei der Endauswahl stimmberechtigten Mitglieder die nominierten Filme überhaupt gesehen haben.

Fazit

Wie wahrscheinlich ist es bei all diesen Randbedingungen, dass wirklich die jeweils besten Filme und individuellen filmischen Leistungen eines Jahrgangs einen Oscar erhalten? Und wie wahrscheinlich ist es, dass der Einsatz eines bestimmten Teils von Film-Equipment dabei irgend eine Rolle spielt?

Etwas besser sieht es da bei den sogenannten »Technischen Oscars« aus, bei deren Verleihung natürlich ebenfalls allerlei Randbedingungen eine Rolle spielen und die der Realität oft Jahre hinterherhinken, bei denen man aber die Auszeichnungen meistens auch als Außenstehender nachvollziehen kann.

Wird dieser Artikel irgend etwas an der Popularität der Oscars ändern? Wohl kaum — und zwar aus sehr vielen, ganz unterschiedlichen Gründen. Aber manches muss eben trotzdem einfach mal gesagt werden.

Empfehlungen der Redaktion:

07.03.2004 – Oscars für alle!
12.02.2009 – Die goldene Wurst
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Autor
red

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Ampas

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