Postproduction, Test, Top-Story: 11.03.2008

Edius 4.5: Aufsteiger

Die Schnitt-Software Edius versucht verstärkt, auch professionelle Anwender zu gewinnen. film-tv-video.de hat das Programm getestet, gibt einen Überblick der Funktionalität — auch im Vergleich zu im Profibereich weiter verbreiteten Editing-Lösungen — und zeigt die Neuerungen in Edius Pro 4.5.

Wann ist eine Editing-Software professionell? Eine Antwort darauf ist nicht leicht. Letztlich sind es auch nicht einzelne Funktionen, die eine Software professionell machen, sondern ganz unterschiedliche Punkte: Eine Editing-Software sollte stabil laufen, sie muss dem Cutter nützliche Werkzeuge für den Schnittalltag an die Hand geben, sie sollte viele Formate ein- und ausspielen und natürlich auch darstellen können — dabei sollte sie möglichst schnelles Arbeiten erlauben.

Überzeugte Edius-Cutter werden ihre Software bei allen genannten Aspekten als professionell einstufen. Dennoch spielt Edius in den Schnitträumen größerer Sendeanstalten und Produktionshäuser bisweilen eher eine Nebenrolle — was Thomson Grass Valley ändern möchte: Das Unternehmen hat Canopus vor gut zwei Jahren aufgekauft (siehe News).

Edius-Schnittlösungen sind unter den Bezeichnungen Edius Neo, Edius Pro und Edius Broadcast erhältlich. Hauptunterschiede der drei Varianten liegen in den Video-Codecs, der Hardware-Unterstützung und im Preis. Edius Neo richtet sich an den ambitionierten Amateurfilmer, während Edius Pro und Broadcast den professionellen Cutter ansprechen wollen. Der Bruttolistenpreis von Edius Neo liegt bei rund 220 Euro, Edius Pro 4.5 kostet etwa 700 Euro und Edius Broadcast liegt bei 1.000 Euro.

Alle drei Versionen bieten Unterstützung und Codecs für DV, HDV, MPEG-2 und MPEG-1, sie können auch AVCHD-Material importieren. In Edius Broadcast kann man darüber hinaus auch Material editieren, das mit den Akquise-Codecs DVCPRO50, DVCPROHD, XDCAM HD/SD oder JPEG2000 aufgenommenen wurde. Außerdem bietet das Schnittsystem Unterstützung für P2 und Varicam-Aufnahmen. Mit einem separat erhältlichen Plug-In soll sich auch AVC-Intra-Footage bearbeiten lassen.

Das Edius Pro 4.5 Paket umfasst neben der Installations-DVD der Schnitt-Software die optional zusätzlich zu installierenden Tools SoundSoap von Bias und Title Motion Pro von Inscriber. SoundSoap ist ein recht einfach zu bedienendes Audio-VST-Plug-In zur Entfernung von Störgeräuschen, mit dem man sehr schnell zu akzeptablen Ergebnissen kommt. Title Motion Pro ist ein Animationsprogramm mit mehr als 200 Templates für Titeleinblendungen, das dem in Canopus schon integrierten Tool Quick Titler mit noch mehr Optionen gegenübersteht. Reichen die integrierten Export-Funktionen in Edius nicht mehr aus, kann der mitgelieferte Canopus ProCoder Express das Material in zahlreiche Formate wandeln.

Der erste Eindruck

Das gedruckte Benutzerhandbuch wirkt in der deutschen Version etwas mager: auf gerade mal 134 Seiten wird die Bedienung von Edius Pro 4.5 in den Grundzügen erläutert. Ein Blick auf die Installations-DVD liefert jedoch ein sehr ausführlich dokumentiertes Manual im PDF-Format mit 614 Seiten. Es empfiehlt sich also, dieses auf die lokale Festplatte oder den Server zu kopieren. Eine gedruckte Ausgabe des umfangreicheren Handbuchs wäre vor allem für den Edius-Neuling etwas einfacher zu handhaben. Weiter wird in gedruckter und digitaler Form ein Hardware-Setting-Guide zur Konfiguration von optionalen I/O-Boards, ein Installations-Guide und ein Broadcast-User-Guide mitgeliefert, der den Im- und Export von P2, Varicam, XDCAM, GXF und K2 dokumentiert.

Nach dem Programmstart und der Abfrage des USB-Dongles erfolgt die Auswahl des eigenen Cutter-Profils mit den persönlichen Einstellungen. Ein Blick in die Liste neuer Funktionen von Edius 4.5 verrät, dass sich hier einiges gegenüber der Vorgängerversion getan hat: Die neue Benutzerprofil-Funktion soll es nun erlauben, Fenster-Layouts, Anwendungseinstellungen inklusive Timeline und Render-Einstellungen, Schaltflächenanordnungen und Tastenkombinationen und Plug-In Einstellungen von einem Edius-System zum anderen zu im- bzw. exportieren. Das ist auch praktisch, wenn mehrere verschiedene Cutter am selben Projekt arbeiten und ihre persönlichen Settings immer zur Hand haben wollen.

Beim Anlegen eines neuen Schnittprojektes zeigen die zahlreichen Möglichkeiten an Videovoreinstellungen die Formatvielfalt — vor in der HDV Welt, mit der Edius zurecht kommen soll. So werden neben den bekannten DV-Formaten im Quicktime– und AVI-Container nun in Edius 4.5 die HDV-Formate von Sony 1080/24p, 1080/25p und 1080/30p unterstützt, von JVC die Formate 720/60p und 720/50p. Für einen flüssigen Schnittbetrieb in Echtzeit ohne sichtbaren Qualitätsverlust empfiehlt Canopus jedoch, das HD-Material vorher in das eigens entwickelte Canopus-HQ-Format zu wandeln. Grundlage des Canopus-HQ-Codecs ist ein 4:2:2 Chroma-Sampling bei variabler Bitrate und — seit Edius 4.5 neu — auch mit der Unterstützung eines Alphakanals.

Generell haben die Edius-Entwickler in der neuen Version die Oberfläche der Software neu gestaltet: Die schattierten Buttons sollen den »Look and Feel« der Grass-Valley-Produktlinie integrieren. Cutter, die normalerweise mit Avid-Systemen oder mit Apples Final Cut Pro schneiden, dürften sich in der neuen Edius-Umgebung schnell zurechtfinden, ohne all zu oft das Handbuch heranziehen zu müssen. Die Quick-Infos, die beim Streifen der Mouse über die Buttons erscheinen, erklären dem Edius-Einsteiger bereits das Wichtigste der Funktionen.

Was auch gefällt, weil intuitiv: Kontext-Menüs beim Klicken auf den kleinen Pfeil neben den Buttons geben für die jeweilige Funktion weitere Optionen frei.

Kein wirklich wichtiges Cutter-Werkzeug wird man im professionellen Schnittbetrieb im Programmumfang vermissen, erste Schnittversuche gehen ziemlich flott von der Hand. Etwas ungewohnt und umständlich dürfte für Avid- und Final-Cut-erfahrene Editoren die Unterscheidung von mehreren verschiedenen Spurarten in der Timeline sein. In Edius gibt es nicht nur die Differenzierung von Video- und Audiospuren, es wird zwischen vier verschiedenen Spurtypen unterschieden: V-Spur (nur Bildinhalt wird hier platziert), A-Spur (nur Audio), VA-Spur (Videoclips mit Audio) und die T-Spur (für Titeleinblendungen). Damit spart man sich beim Einfügen oder Überschreiben von Clips die An- und Abwahl der gewollten Zuspiel-Spuren des Quellmaterials, wie man es vielleicht von Avid-Systeme gewohnt ist. Leider leidet unter der Spurenvielfalt aber auch die Übersichtlichkeit in der Timeline.

Die Effektepalette ist recht gut gefüllt, die wichtigsten Filter für Video, Audio und Titel für den täglichen Schnittbetrieb sind vorhanden.

Edius im HDV-Schnittbetrieb

Canopus wirbt bei seiner Edius-Reihe mit einer allgemein flotten Schnittgeschwindigkeit, und das auch bei rechenintensiven HDV-Projekten. Wenn das Material vorher in den Canopus-HQ-Codec transkodiert wurde, soll es noch flüssiger zur Sache gehen. Dieser Eindruck bestätigte sich bei einem Test im Schnittbetrieb mit HDV-Quellmaterial in Edius Pro 4.5: Auf einem Laptop (Windows XP SP2, Intel Core 2 Duo mit 1,86 GHz und 2 GB Arbeitsspeicher) sollte Edius Pro 4.5 im Testbetrieb seine Eignung als mobile Editing-Lösung beweisen. Und tatsächlich: die im Format 1080i50 benutzten HDV-Clips konnten auch ohne vorherige Transkodierung und bei Anwendung harter Schnitte flüssig in der Timeline abgespielt werden, ohne dass der Frame-Puffer Einbrüche erleben musste und es zu Drop-Outs gekommen wäre. Auch bei mehreren Videostreams gleichzeitig, etwa bei der Anwendung von Überblendungen und beim Einsetzen einer einfachen Farbkorrektur, kam Edius beim Abspielen des HDV-Materials nicht ins Stottern – und das, ohne die Effekte vorher gerendert zu haben.

Richtig überzeugend wird Edius in puncto Geschwindigkeit, wenn das HDV-Material vorab ins Canopus-HQ-Format gewandelt wurde. Das HQ-Format kann man als Canopus-Äquvalent zu Avids DNxHD und Apples ProRes 422 betrachten, zumindest hat es die gleiche Zielrichtung. Aus den GOPs des MPEG-2-HDV Materials werden Einzelbilder, jedes für sich adressierbar, errechnet und neu kodiert. Natürlich ensteht dabei ein erhöhter Speicherbedarf, der aber bei heutigen Festplattendimensionen kaum mehr ins Gewicht fallen dürfte. Mit dem Intermediate-HD-Codec von Canopus, der in Sachen Bildqualität einen sehr guten Eindruck macht, geht das Scrubben durch das Rohmaterial quasi verzögerungsfrei von der Hand und das vor allem im Feinschnitt so wichtige einzelbildweise Vor- und Zurückspringen in der Timeline wird nun auch nicht mehr von einer kurzen, aber nervigen Denkpause des Schnittrechners begleitet.

Multi-Kamera und Farbkorrekturfunktion

Auch die Multi-Kamera-Funktion von Edius kann überzeugen. Wird dieses Feature in Schnittlösungen anderer namhafter Hersteller immer noch eher stiefmütterlich behandelt, macht es bei Edius Pro 4.5 einen ausgereiften und durchdachten Eindruck — und das, obwohl sie erst seit Version 4 implementiert ist. Bis zu acht unterschiedliche Kamera-Streams kann man in der Timeline platzieren und per Nummern-Pad auf der Tastatur in Echtzeit beim Abspielen die Schnittfolge der Kameraeinstellungen bestimmen. Beeindruckend ist hier die ruckelfreie Geschwindigkeit, mit der sich auch noch mehrere Streams gleichzeitig abspielen lassen. Laut Canopus soll dies mit dem Canopus-HQ-Codec auch in HD für mehrere Streams gleichzeitig gehen, was der Praxistest bei film-tv-video.de auf dem mobilen Schnitt-Laptop auch bestätigte.

Einen guten Eindruck hat auch die 3-Wege-Farbkorrekturfunktion hinterlassen. In Kombination mit der Vektorskop/Waveform-Anzeige in Edius ist hier eine durchaus professionelle Korrekturmöglichkeit der Farbkanäle, des Schwarzpunkts und des Weißpunkts gegeben. Die Option, diese Parameter per Keyframes über die Zeit auch noch einstellen zu können, kann ebenfalls überzeugen.

Die wichtigsten neuen Features

Canopus hebt bei Edius 4.5 die verbesserte Video-Overlay Qualität hervor. Die »DirectDraw Overlay«-Funktion zeigt das Video mit der Überlagerungsoberfläche, und »Direct3D9« nutzt die GPU zur Videodarstellung. Es ist nun außerdem möglich, den Timecode und die Audio-Level-Anzeige nur am PC-Bildschirm anzeigen zu lassen und somit gleichzeitig beim externen Vorschau-Monitor ohne störende Einblendungen die Schnittfolge bewerten zu können. Beim Trim-Modus lassen sich nun der Sequenz-Timecode und der Original-Timecode des Clips anzeigen. Das externe Audio-Mischpult Behringer BCF2000 mit Motor-Fadern wird nun unterstützt, was eine recht preisgünstige Lösung für das Audio-Monitoring ist.

Unter der Benutzung von vordefinierten Buttons und Hintergrund-Vorlagen können mit dem »Canopus DVD Creator« nun DVDs mit Menüs und Kapitel-Navigation erstellt werden. Eigene Designs mit bewegten Menüs und das Hinzufügen von Untertiteln sind zwar nicht möglich, weshalb man dieses Tool wohl nicht als amtliches Werkzeug für DVD-Authoring bezeichnen kann, aber zur DVD-Erstellung für Vorschauzwecke, etwa für Redaktionssichtung oder Freigabeschleifen, taugt es durchaus.

Auch die Batch Export Funktion in Edius 4.5 wurde verbessert. Mehrere Sequenzen können für die Ausgabe in eine Warteschlange gestellt werden, wobei in einem Rutsch unterschiedliche Zielformate wie DV, HDV oder Web-Formate exportiert werden können.

Durch das neue Feature der Segment-Kodierung (»Smart Rendering«) soll sich die Exportzeit eines HDV-Projektes reduzieren, da nur die bearbeiteten und/oder geänderten Stellen der Timeline neu kodiert werden müssen. Die Unterstützung wird jedoch nur für 1080i MPEG-2 Inhalte angeboten und setzt format-identisches Quell- und Ausgabe-Material voraus.

Fazit

Canopus Edius Pro 4.5 macht einen recht durchdachten und stabilen Gesamteindruck. Vor allem die Geschwindigkeit, mit der HDV-Material geschnitten werden kann, aber auch die zahlreichen Exportfunktionen überzeugen. Wird das HDV-Rohmaterial vor Schnittbeginn noch in den Canopus-HQ-Codec umgewandelt, kann in puncto Geschwindigkeit kein anderes aktuelles Software-only-Schnittsystem mit Edius mithalten. Die Lernkurve ist für Edius-Einsteiger durch die intuitive Bedienung recht steil. Auch für Cutter die von Avid- oder Apple-Schnittsystemen kommen, wird der Einstieg — abgesehen von der etwas verwirrenden Spurenphilosophie der Timeline — schnell möglich sein. Was spricht also dagegen, in Edius seine Schnittheimat zu finden? Bei der Editing-Umgebung für sich genommen, eigentlich nichts. Doch der Cutter von heute ist oft nicht nur für den klassischen Schnitt des Rohmaterials mit einer hoffentlich funktionierenden Dramaturgie zuständig. Er wird oft auch für eine aufwändigere Tonnachbearbeitung, für effektgeladene Compositings und oft auch für ein professionelles DVD-Authoring mit animierten Menüs und mehrsprachigen Untertiteln in andere, dafür ausgelegte Programme wechseln müssen. Dieser Wechsel sollte dabei so schnell und so unkompliziert wie nur möglich ablaufen, ohne vorher extra Clips oder die Timeline transkodieren zu müssen. Adobe hat das mit seinem durchgängigen Workflow-Prinzip im Creative Suite Production Bundle ebenso vorgemacht, wie Apple mit Final Cut Studio. Hier kann Canopus Edius leider keine adäquaten eigenen Lösungen anbieten, was die weitere Bearbeitungskette für Audio, Effekte und DVD-Authoring im professionellen Umfeld betrifft. Man wird also bei der Arbeit mit Edius immer mit Export- und Import-Sessions leben müssen.

Autor
Robert Stöger

Bildrechte
Stöger, Canopus

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