Festival, Top-Story: 06.05.2019

Filmtipps für das 34. Dokfest München 2019

Am 8. Mai 2019 begann das 34. Internationale Dokumentarfilmfestival München. 159 Filme aus 51 Ländern gibt es zu sehen.

Der Doku-Kameramann Hans-Albrecht Lusznat hat einige Filme schon gesehen und gibt hier seine ganz persönlichen Tipps ab.






Sie ist der andere Blick [Kunst, Emanzipation]
»Sie ist der andere Blick«.

Renate Bertlmann, Linda Christanell, Lore Heuermann, Karin Mack, Margot Pilz und Iris Dostal, alles Frauen, von denen der Normalzuschauer noch nicht gehört hat (eine ist die Mutter der Fernsehköchin Sarah Wiener). Alle Künstlerinnen starteten in den 60er- und 70er-Jahren und hatten durch ein angestaubtes gesellschaftliches Rollenverständnis große Probleme, sich durchzusetzen. »Frauen sammeln wir nicht« war da wahrscheinlich noch die harmloseste Variante.

Die Filmemacherin hat diese interessanten Frauen in ihr Atelier geholt, lässt sie arbeiten und von ihrem Werdegang erzählen, wobei der emanzipatorische Aspekt ein besonderer Schwerpunkt ist.

Shooting (Disparos) [Fotografie; Mexiko]
»Shooting (Disparos)«.

Jair Carera ist ein mexikanischer Fotograf der, sozialisiert in einer Stadtteilgang, seine Arbeit zum Teil der allgegenwärtigen Gewalt in der Gesellschaft gewidmet hat. Mit seiner Arbeit als Fotojournalist ist er erfolgreich, bis er zwischen die korrupten Fronten von Politik, Drogenkartell und Polizei gerät und nach Spanien emigriert. In dem Portrait werden die Abgründe offen, die sich hinter einer von Korruption zerfressenen Gesellschaft auftun. Erinnert sei hier nur an die 43 Lehramts-Studenten, die 2014 von Polizei und Kriminellen ermordet wurden.

Die Grube [Alltag Bulgarien]
»Die Grube«.

Mitten in Varna, der drittgrößten Stadt Bulgariens, gibt es unmittelbar am Schwarzmeerstrand hinter dem Primorski Park ein kleines Heißwasserschwimmbecken, das für jedermann offen steht. Gespeist wird es aus einer 37 Grad warmen Bohrlochquelle. Es ist ein Stück postsozialistisches Gemeinschaftseigentum, das hauptsächlich von älteren Bewohnern intensiv genutzt und auch gepflegt wird. Unter den Badenden gibt es einen Taxifahrer, einen Ex-Musiker, der als Gastarbeiter in der DDR gespielt hat, einen aus Sibirien zugewanderten Russen, der einen kleinen Zoo betreibt, und viele andere.

Das Strandstück ist ein Juwel und weckt natürlich Begehrlichkeiten – und damit den Widerstand der Benutzer, denn nach den Vorstellungen der Stadtverwaltung soll nach Sanierung ein Eintritt erhoben werden.

Harry Gruyaert – Photographer [Farb-Fotografie]

Fotografen-Portraits sind immer wieder dankbare Sujets, weil man interessante Bildschaffende kennenlernt und sich deren Archive plündern lassen. Der Belgier Harry Gruyaert ist ein Meister der Farbfotografie. Der Film begleitet ihn auf einer Fotoreise entlang der Küste und zeigt nebenher natürlich seine reichhaltige fotografische Ausbeute der letzten 50 Jahre. Dazu kann er viele Anekdoten erzählen – auch über die Magnum Agentur und seine Kollegen. Gruyaerts kann auf hervorragendes Filmmaterial seiner Kindheit zurückgreifen, denn sein Vater – ein Angestellter von Agfa Gevaert – war begeisterter Amateurfilmer und hat viele Familienevents in erstaunlich guten 16mm Einstellungen festgehalten.

»Harry Gruyaert – Photographer«.

Hier findet man Bilder von Harry Gruyaert.

War of Art [Nordkorea]
»War of Art«.

Morten Traavik ist ein norwegischer Regisseur und Künstler, der schon öfters den Austausch mit Nordkorea gesucht hat und dem es gelungen ist, mit Laibach zum ersten Mal eine (teilweise umstrittene) westliche Musikgruppe in dem abgeschotteten Land auftreten zu lassen.

2017 organisierte Traavik einen Künstleraustausch mit Nordkorea. Eine Gruppe unterschiedlichster westlicher Künstler reist in die Volksrepublik, soll dort ihre Kunst vorstellen und sich mit koreanischen Künstlern austauschen. Schon bei der Frage, was Kunst ist, klaffen die Vorstellungen diametral auseinander, und bei jeder Aktion beginnt ein Kleinkrieg um das, was erlaubt und möglich ist. Die Künstler sind wie eine Kindergruppe auf Besuch in der Wohnung strenger Verwandtschaft, wo sie nichts anfassen, nicht spielen und nicht laut sein dürfen. Dem Filmemacher ist es erstaunlich gut gelungen, die beklemmende Atmosphäre mit all ihren Peinlichkeiten einzufangen.

— Ende —

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