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Neue Maßstäbe in der Virtual Production
Drei Prozessoren, ein System
Was die Signalarchitektur der IMLS von vielen anderen Stages unterscheidet, ist die parallele Integration dreier verschiedener LED-Prozessorsysteme – jeweils optimiert für ihren spezifischen Einsatzbereich.
Brompton Technology verarbeitet die Hauptwand. Der britische Hersteller gilt in der professionellen LED-Welt als Referenz für Farbpräzision, HDR-Verarbeitung und nahtlose Kameratauglichkeit – und ist auf den meisten High-End-Stages weltweit gesetzt. NovaStar übernimmt die Steuerung der 240-Hz-Wand, die primär für Simulations- und Trainingsanwendungen genutzt wird, bei denen besonders hohe Bildwiederholraten entscheidend sind. Megapixel schließlich steuert die Kinoflo-Leuchten im Studio.
Die Kinoflo-Fixtures spielen in der IMLS eine konzeptionell wichtige Rolle. Die RGBWW-Panels können das vollständige Lichtspektrum darstellen – anders als reine RGB-LEDs, die bestimmte Farbbereiche nicht abdecken können – und sind direkt aus der Unreal Engine 5 ansteuerbar. Das Prinzip: Was auf der LED-Wall als virtuelles Licht erscheint, wird über die Kinoflo-Fixtures als reales Licht in den physischen Raum verlängert. Image Based Lighting in Echtzeit, pixelgenau synchronisiert. Dreht die Sonne im virtuellen Set auf der Wand nach links, folgt das Licht auf den Gesichtern der Darsteller. »Man kann den Content von der Wand quasi über die Fixtures laufen lassen«, beschreibt Schlecht das Prinzip. Das reduziert den Bedarf an konventioneller Setbeleuchtung erheblich und macht Szenen glaubwürdiger.
Pixera als Medienserver-Rückgrat
Die Steuerung und Synchronisation des Gesamtsystems übernimmt Pixera von AV Stumpfl als zentraler Medienserver.
Die Plattform bietet eine native Schnittstelle zur Unreal Engine 5 und gewährleistet framegenaue Wiedergabe von 3D-Inhalten in Echtzeit. Über Genlock- und Timecode-Integration sind LED-Wall, Kamera, Tracking und Licht lückenlos synchronisiert – eine Voraussetzung für In-Camera VFX, bei denen kleinste Latenzunterschiede zu sichtbaren Artefakten im Kamerabild führen würden.
Die modulare Architektur von Pixera ermöglicht darüber hinaus Layer-basiertes Compositing, automatisierte Show-Control-Logik und Remote-Zugriff – relevant für einen Hochschulbetrieb, in dem unterschiedliche Nutzergruppen mit unterschiedlichen Workflows auf das System zugreifen.
Tracking mit medizinischer Präzision
Das Kamera- und Motion-Tracking der IMLS basiert auf Systemen von Viocon, einem Hersteller optischer Tracking-Lösungen. Die Wahl fiel auf Viocon nicht allein wegen der Referenzliste – das System ist unter anderem auf der Warner-Brothers-Stage im Einsatz – sondern wegen spezifischer Fähigkeiten, die für den Forschungsbetrieb der HSHL relevant sind.
Während herkömmliche Tracking-Systeme einzelne Punkte oder Körperschwerpunkte erfassen, kann Viocon einzelne Gelenke und Bewegungsabläufe mit hoher Präzision verfolgen – eine Anforderung, die aus der medizinischen Anwendung stammt und für Biomechanik, Rehabilitationsforschung und Animation gleichermaßen relevant ist. In der Virtual Production ermöglicht das präzise Tracking realistische Perspektivwechsel ohne Parallaxenfehler und spart erheblich Zeit in der Postproduktion. Viocon wird in Deutschland und der Schweiz durch Profi Systems vertrieben, die auch die Integration bei der HSHL begleitet haben.
Kamera und Grip in Kinoqualität
Als Kamerasystem kommt eine Arri 35 mit Prime- und Zoom-Linsensatz zum Einsatz – eine Cinema-Kamera mit Super-35-Sensor, die in der Filmproduktion als Standard gilt und deren Bildeigenschaften auf LED-Stages besonders gut funktionieren.
Remote-Zugriff auf Blende, Zoom und Fokus ermöglicht den Betrieb ohne physischen Kameraassistenten direkt an der Kamera – relevant für Setups, bei denen der Abstand zur Wall und das Tracking-System eine freie Bewegung erfordern.
Das Grip-Equipment stammt von Panther, dem deutschen Hersteller für professionelles Kamerazubehör:
Dolly, Jib Arms und Remote Head ermöglichen kinotaugliche Kamerafahrten und sind speziell auf den Einsatz im LED-Umfeld abgestimmt. Vibrationen, die bei Dollyfahrten entstehen, können im Zusammenspiel mit dem Tracking-System zu Parallaxenfehlern führen – eine Abstimmung zwischen Grip-Equipment, Tracking-Kalibrierung und Kameraeinstellungen, die ICT AG als Teil der Gesamtintegration übernommen hat.
Ein Ökosystem für viele Disziplinen
Die IMLS ist konzeptionell kein Filmstudio, das auch für andere Zwecke genutzt werden kann. Sie ist von Anfang an als interdisziplinäre Plattform gedacht, die unterschiedliche Fachbereiche der Hochschule unter einem Dach zusammenbringt.
Studierende der Computervisualistik und des Designs lernen hier den vollständigen Virtual-Production-Workflow von der Konzeption über das digitale Set-Design bis zur Postproduktion. Ingenieure nutzen die Stage für Fahrsimulation und technische Visualisierung. Medizintechnik-Studierende können Bewegungsanalysen und Rehabilitationsszenarien in immersiver Umgebung erproben. Game-Design-Kurse entwickeln und testen Spielwelten direkt in der virtuellen Umgebung.
Dazu kommt das industrielle Umfeld: Der Campus Lippstadt liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Automobilzulieferer Hella, was Forschungskooperationen nahelegt. Und die Hochschule hat mit der IMLS ein Argument, das im Wettbewerb um Studierende zunehmend zählt: ein Lernumfeld, das in dieser Form an keiner anderen staatlichen Hochschule in Deutschland existiert.
Florian Schlecht fasst zusammen, was das Projekt für ihn auszeichnet: »Wir liefern keine Einzelkomponenten – wir schaffen medientechnische Gesamtlösungen. Und genau das braucht eine Hochschule wie die HSHL: einen Partner, der nicht nur installiert, sondern mitdenkt, vorausdenkt und mitentwickelt.«
Seite 1: Eckdaten, LED-Wand, eigene Werkstatt
Seite 2: Processing, Medienserver, Tracking, Resümee
Autor: C. Gebhard
Bildrechte: ICT AG, HSHL
















